“The Simpsons“ und die Pflicht zur medialen Selbstironie

betr.: 25 Jahre „The Simpsons“

In den USA bekamen die „Simpsons“ heute vor 25 Jahren ihre eigene Serie, nachdem sie in der „Tracey Ullman Show“ im Habitus der Mainzelmännchen in kleinen Clips aufgetreten waren. Aus Tracey Ullmans Sketch-Ensemble rekrutierten sich auch die Sprecher der Figuren, z.B. Dan Castellaneta, der neben Homer Simpson auch einen Großteil der Nebenrollen gestaltet. Publikum und Kritik waren hingerissen. Die Serie startete im ZDF am 13.9.1991* und wechselte bald zu ProSieben, aber bei uns dauerte es bis gegen Ende der 90er Jahre, ehe sich der angemessene Erfolg einstellte. Das optimistisch zum deutschen Start herausgeworfene Merchandising war da längst verramscht worden.
Simpselmännchen
                So oder so ähnlich könnte 1991 im ZDF alles angefangen haben.

Unsere damalige Vorberichterstattung zeigt, wie wenig man sich zunächst unter den glubschäugigen Gelbgesichtern vorstellen konnte.
Marge sei „liebenswürdig, aber auch ein bisschen dumm“, versuchte das ZEIT-Magazin das Konzept in seiner Titelgeschichte auf den Punkt zu bringen. „Klar, dass bei solchen Eltern die Kinder missraten. Maggie, der jüngste Sproß, kann weder reden noch laufen [was bei einem Baby nicht verwunderlich ist], abwechselnd schmatzt sie mit dem Schnuller oder fällt der Länge nach hin. Lisa“ kommt gegen die „rauen Umgangsformen der Simpson-Brut (…) nicht zum Zuge“. TV SPIELFILM missverstand die Sippe zur selben Zeit noch als „durch und durch proletenhaft“, in anderen TV-Magazinen fielen Zusammenfassungen wie „dumm, verfressen und ziemlich hässlich“. Diese Beschreibungen passten eher zu Al Bundy und „Married With Children“ – während die „Simpsons“ als Familie durchaus zu Zuneigung, Solidarität und Momenten der Rührung fähig sind. Die Anarchie der Serie lag und liegt eher in den Stories und in der Karikatur der Medien, der Politik, des american way of life. Marge und Lisa reiben sich mit ihrem gütigen Idealismus ganz wunderbar am aufsässigen Bart und am dämlichen Homer – der in der deutschen Synchronfassung seinen Slapstick allerdings fast vollständig einbüßt.

Inzwischen haben die „Simpsons“ viele Langlaufrekorde gebrochen und ihre kleine Schwester, die Serie „Futurama“ (ebenfalls von Matt Groening), gleich zweimal überlebt. Sie haben die Popkultur weit über die TV-Landschaft hinaus geprägt. Ihre Spezialität, Prominenz, Film und Fernsehen zu parodieren, tobte sich zunächst vor allem in den drastischen Halloween-Specials aus. Inzwischen wird in jeder Folge mit Querverweisen, Parodien und Persiflagen gearbeitet, mehrere Musical-Folgen wurden produziert, und auch sonst sind hochambitionierte Show-Einlagen an der Tagesordnung. Der Ruhm der Serie ermöglichte einen beeindruckenden Aufmarsch von Gaststars, die sich darum reißen, sich im Cartoon selbst spielen zu dürfen. Solche Synapsen gehören längst zum guten Ton. Keine Sitcom / Kinokomödie kommt heute mehr ohne unentwegte Anspielungen aus – wenn es dabei auch selten so gekonnt und luxuriös zugeht wie in Springfield. (Wer sehen will, wie stark das auch auf unsere Fernsehkultur abgefärbt hat, braucht bloß die deutschen Titel der frühen Simpsons-Episoden mit den aktuellen zu vergleichen.)*

So rasend schnell sich die Welt auch verändern mag, die Bio-Uhr der Stars steht weitgehend still. Marge wurde zwar in Folge 13 der 22. Staffel als heimliche Grauhaarige geoutet und Mr. Burns hat104 Jahre auf dem Buckel, aber ansonsten hat der Erfolg jung gehalten: das Format ist 25, Bart noch immer 10 und Homer nach wie vor 34 – wenn es unter den Nebenfiguren auch einige Todesfälle (!) zu beklagen gibt.

 

* Das ZDF begann mit der Folge 4 (im Original anspielungsreich „There’s No Disgrace Like Home“, bei uns noch ganz brav „Eine ganz normale Familie“).

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