Aus dem Finsteren

Betr.: 6. Todestag von Jules Dassin

Ähnlich wie die Kino-Fachbegriffe „Arthaus“, „Kult“ und „Blockbuster“ hat auch der Ausdruck „Film Noir“ in unserem Sprachgebrauch eine gewisse Abreibung erhalten. Viele benutzen ihn (nicht nur auf Facebook sondern auch in gedruckten Interviews) inzwischen generell dann, wenn sie einen Film und ihren persönlichen Geschmack vom Mainstream abgrenzen möchten.
Ich halte die eigentliche Bedeutung aber noch immer für hilfreich und bewahrenswert.

Der Begriff meinte ursprünglich amerikanische Kriminalmelodramen der 40er und 50er Jahre in Schwarzweiß, offiziell beginnend mit John Hustons „Die Spur des Falken“ (1941) und endend mit „Im Zeichen des Bösen“ (1958) von Orson Welles. „Frau ohne Gewissen“ von Billy Wilder (1944) gilt vielen als der künstlerische Höhepunkt dieser Gattung, die nicht im Sinne eines Western oder Horrorfilms ein Filmgenre ist, sondern sich durch ihre Stimmung auszeichnet: inhaltlich durch ihren Pessimismus, formal durch die Finsternis der nächtlichen Großstadt, die immer wieder von einzelnen, gleißend hellen Lichtinseln und deren Reflexionen durchbrochen wird. Diese beiden Aspekte sind ebensowenig voneinander und von dieser Definition zu trennen wie die Filmmusik dazu (die nicht selten von Miklós Rózsa stammte): ein sinfonischer Score mit Jazz-Einflüssen und signifikantem Liebesthema – das mitunter in der unverzichtbaren Nachtclub-Szene* gespielt oder auch gesungen wird. In der Regel spielt eine Frau die zentrale Rolle, die entweder in schreckliche Bedrängnis gerät oder umgekehrt einen Mann / mehrere Männer systematisch vernichtet. Im zweiteren Falle kommt es mitunter vor, dass sie im betreffenden Nachtclub gleich selbst als Sängerin auftritt.

Ohne Titel-2

Ju
les Dassin lieferte mit „Stadt ohne Maske“ (1948) einen weiteren Meilenstein des Film Noir. Dass er auf der Flucht vor dem McCarthy-Ausschuß in Europa einen der wichtigsten französischen Kriminalfilme inszenierte, „Rififi“ (1955), verleitete die Cineasten frühzeitig dazu, die Gattung nicht ausschließlich auf amerikanische Filme anzuwenden. Im Technicolor-Zeitalter parodierte Jules Dassin sich lustvoll selbst: mit „Topkapi“ (1964)

Für das Gerinnen eines gesellschaftlichen Klimas – der Großen Depression und des sich entwickelnden Weltkrieges – zu einem Look war der Kameramann John Alton sehr wichtig. Er berichtete, die spärlich ausgeleuchteten Sets mit den kontrastreichen Lichteffekten hätten sich auch aus finanziellen Erwägungen ergeben. Für die übliche Festbeleuchtung habe es in den meist klein budgetierten Thrillern einfach nicht gereicht.

Da es ein Vertreter der schon damals  sehr angesehenen französischen Filmkritik war, der ihn aufbrachte, Nico Frank, ist „Film Noir“ eben ein französischer Begriff. Er wird aber auch seit jeher von den Amerikanern akzeptiert, obwohl diese ihn natürlich nicht aussprechen können. In Deutschland vermied man ihn lange Zeit und sagte / schrieb „Schwarze Serie“. Das ist inzwischen überholt und war ohnehin niemals richtig, da sich die betreffenden Werke aus einer gesellschaftlichen Atmosphäre heraus ergaben und unabhängig voneinander von verschiedenen Künstlern gestaltet wurden, also keinesfalls Serie waren.

Serie oder nicht, die Sache hat Folgen, wenn dieser Kalauer gestattet ist. Der mittlerweile ebenfalls klassische Kriminalfilm „Chinatown“ (1974) von Roman Polanski steht in dieser Tradition. Er kann schon wegen seiner Breitwand- und Farbfotografie nicht zu diesem Repertoire gerechnet werden, für das die ästhetischen Parameter ja so wichtig sind. Aber für Filme wie ihn wurde der Begriff Neo-Noir gefunden. Und auch für „L. A. Confidental“ (1997) – und andere Köstlichkeiten aus dem Archiv.

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* Der Filmkritiker Peter Clasen ist der bedenkenswerten Ansicht, dass zu jedem guten Film eine Nachtclub-Szene gehört.

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