Schall und Rauch und vieles mehr

betr.: 1. Todestag von Umberto Eco

Umberto Eco hat als Geschichtenerzähler naturgemäß ein besonderes Verhältnis zu Namen und ihrer Erfindung. Dazu passt eine Geschichte, die er gern über sich selbst erzählte: „Die Herkunft meines Namens ist nicht ganz klar. Mein Großvater väterlicherseits war ein Findelkind. Damals – und ich glaube, das ist heute noch so – verpasste der Rathausangestellte den Findelkindern einfach einen Namen. Da gab es auch ganz sadistische Angestellte, die scheußliche Namen vergaben. Das Findelkind war manchmal sofort daran zu erkennen, dass es einen geradezu obszönen Namen hatte. Und dieser Angestellte war auf die Idee gekommen, mir den Namen Eco zu geben. Ich habe mich immer gefragt, warum. Es ist der Name einer Nymphe aus der Mythologie. Wie konnte ein Rathausangestellter so gebildet sein und solch poetische Neigungen haben?  Ein Kollege, der in der Bibliothek des Vatikans mit alten Texten arbeitete, hatte eine von Jesuiten erstellte Liste von Namen gefunden, die man den Findelkindern gab. Einer lautete Eco, und das bedeutet „ex caelis oblatus“ – das heißt: ‚vom Himmel gegeben‘ oder ‚… geschenkt‘. Also ist er gar nicht so übel, der Ursprung meines Namens. ‚Vom Himmel geschenkt‘, nicht von der Hölle – und das ist doch nicht schlecht.“

Hin und wieder lässt sich – anders als bei den Amtmännern seiner Heimat – erraten, wie er bei der Taufe seiner Figuren vorgegangen ist.
Ecos Vorliebe für das Schreiben über Literatur und das Verarbeiten ihrer Inhalte im eigenen Kosmos hatte zuvor schon Jorge Luis Borges gepflegt. Dieser Schriftsteller stammte aus einer Familie, die durch zweierlei gekennzeichnet war: eine künstlerische Ader und eine angeborene Sehschwäche. Schon mit Anfang 50 begann Borges zu erblinden und verlor fünf Jahre später vollends die Sehkraft. Im selben Jahr wurde er zum Direktor der argentinischen Nationalbibliothek ernannt, und er lobte in einem zynischen Gedicht, „Gottes glänzende Ironie“, ihm gleichzeitig fast „eine Million Bücher und die Dunkelheit“ geschenkt zu haben.
In besonderem Maße war er nun auf die Bibliothek seines eigenen Gedächtnisses angewiesen – die unentwegten literarischen Anspielungen in seinen Büchern begründeten die „lateinamerikanische Phantastik“.
Umberto Eco konnte es sich nicht verkneifen, dem großen Kollegen im Roman „Der Name der Rose“, der im Schatten einer gewaltigen mittelalterlichen Bibliothek spielt, ein Denkmal zu setzen. Ihr blinder Bibliothekar hat einen überaus wohlklingenden Namen: Jorge von Burgos.

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