„Preise sind wie Hämorrhoiden …“*

betr.: 76. Geburtstag von Bob Dylan

Als Dario Fo 1997 den Literaturnobelpreis bekam, war das etwas Neues, eine Entscheidung, die es offensichtlich darauf anlegte, als besondere Überraschung zu beeindrucken. Zu Beginn der nächsten Ausgabe des „literarischen Quartetts“ überließ es der leicht angewiderte Marcel Reich-Ranicki seinen Kollegen, zu dieser Sache kurz Stellung zu nehmen. Sigrid Löffler bezeichnete die Bekanntgabe als die übliche „Lachnummer im November“, was so klang, als wäre sie gar nicht besonders überrascht.

Im vorigen Jahr wagte die Jury mit Bob Dylan wieder ein solches Crossover. Spontan fand ich die Entscheidung ähnlich daneben wie die knapp zwanzig Jahre zuvor – ganz einfach, weil ich die Würdigung von Musikern bzw. politischen Chansonniers lieber durch andere Institutionen erledigt wüsste – schon aus Kompetenzgründen.** Ich konnte mir auch bis jetzt den Verdacht nicht ausreden, Bob Dylans Erreichen des 75. Lebensjahres könnte der eigentliche Erreger dieser Ehrung gewesen sein.
Ich versuchte, mir meine Ignoranz damit zu erklären, dass ich mich ja mit Bob Dylan nie angemessen auseinandergesetzt hatte. Rein musikalisch macht er mich einfach nicht satt, und somit ist es mir nie gelungen, zur sicherlich preiswürdigen Botschaft hinter der Musik durchzudringen. (Einen moralischen Kompass erwarte ich mir von ihm ohnehin nicht, denn gegen Krieg, Despotie u.ä. bin ich von Haus aus.)
Es folgte das ehrfurchtsvolle Lauern der Akademie auf die Reaktion des Geehrten. Doch Dylan schwieg. Ist es nicht keck und ein Zeichen zivilen Ungehorsams, sich bei sowas nicht zu freuen, nicht einmal anzurufen? Ist das nicht cool (im Sinne von verwegen-unangepasst)? Nö. Ich finde es stoffelig oder bestenfalls kindisch.
Die Verlage reagierten umso schneller und praktizierten Dylan nun für gutes Geld nachträglich zwischen dicke Buchdeckel.
Monate später wurde verbreitet, das Preisgeld von 8 Millionen Kronen bekäme aber nur, wer persönlich vorbeikommt und vor der Akademie eine Rede hält. Kurz darauf war zu lesen, der Meister überlege es sich doch noch mal, demnächst sei er ja zufällig in der Gegend.
(Merke: Frechheit gegenüber Obrigkeiten ist sexy, solange sie nix kostet!)

Ich war erleichtert, als mit Reinhard Mey endlich ein Kollege Dylans etwas zu diesem Thema sagte***. Er erzählte der SZ, dass ihm „die Vorstellung (des Literaturnobelpreises für Dylan) eigentlich nicht behagt. Es müsste einen Nobelpreis für Singer-Songwriter geben. So sehr mich das für Dylan freut – ich habe gerade wieder Alice Munro gelesen, das ist schon eine andere Spielklasse. Oder wenn ich an Thomas Mann und Pasternak denke, da ist die Luft schon dünn mit ‚Blowin’ In The Wind’.“ Mey hätte den herkömmlichen Nobelpreis eventuell seiner „Vaterfigur“ Georges Brassens zugestanden. „Und an zweiter Stelle Leonard Cohen.“
Ich finde, noch vor ihnen allen hätte Noël Coward drangewesen sein müssen, zumal er zusätzlich zu seinen Liedtexten auch Theaterstücke und Erzählungen geschrieben und es sich gesellschaftspolitisch gar nicht so gemütlich gemacht hat, wie die (geringe) heutige Rezeption vermuten lässt.**** Aber er war zu früh dran. Als man in Stockholm mit Dario Fo erstmals eine so quirlige Wahl traf, war Coward schon fast fünfundzwanzig Jahre tot. Und selbst für Reinhard Meys Spezialpreis wäre er zur Unzeit gekommen, denn als Coward diesen Beruf ausübte, nannte man das noch gar nicht Singer-Songwriter.

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* „… irgendwann kriegt sie jedes Arschloch“, meinte Billy Wilder, selbst mehrfacher Oscar-Preisträger.
** Wer vor einigen Jahren dieselbe Idee hatte, steht unter http://blog.montyarnold.de/2015/11/28/der-song-des-tages-a-fool-in-love/
*** SZ vom Samstag/Sonntag, 22./23. April 2017
**** Mehr dazu unter http://blog.montyarnold.de/2014/12/16/noel-coward-und-die-erfindung-des-promis/

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