Planierung eines Paradieses

betr.: 2. Todestag von Kirk Kerkorian

Das Filmstudio MGM, das mit dem Löwen und den „mehr Stars als Sterne am Himmel“ starb als Unternehmen der Traumfabrik einen langsamen Tod. Er steht sinnbildlich für den Glamour des alten Hollywood, der sich im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts auflöste, weil alles nun einmal irgendwann zuendegeht. Die Geschichte dieses Niedergangs wurde in der Presse, in Features und Dokumentaionen erzählt, aber sie hat auch eine plastische Seite. Mit dem Filmimperium verschwand eine physisch greifbare Traumwelt, wie es sie nie wieder geben wird.

1974 kam zum 50. Geburtstag von MGM der Kompilationsfilm „That’s Entertainment!“ mit Highlights aus den großen Musicals heraus – sie waren gewissermaßen das Markenzeichen des Studios, das in seinen Glanzzeiten einen Film pro Woche in die Kinos brachte. Die ergrauten Stars von einst spazierten über das Gelände und ließen sich, in Erinnerungsmoderationen schwelgend, in ihren alten Dekorationen filmen: Gene Kelly auf der „New York Street“, in der der Broadway in Originalgröße nachgebaut war, Mickey Rooney in Carver Street mit dem Haus und dem Garten, in dem er als Jungstar die „Andy Hardy“-Filme gedreht hatte. Bing Crosby kam in seinem Gastauftritt sogar darauf zu sprechen: „Die Ateliers und Tonstudios sehen überall gleich aus, aber das Freigelände, wo seinerzeit die Außenaufnahmen gedreht wurden, reflektiert am eindrucksvollsten den Charakter einer Firma. Und das hier war das beste Freigelände in ganz Hollywood!“
All die Indianerdörfer, Paläste, Südseeinseln, Ritterburgen, Südstaatenvillen und Goldgräbersiedlungen, Plätze in Paris oder Bagdad waren zum damaligen Zeitpunkt tatsächlich noch gut erhalten – obwohl sie nicht mehr ganz in der früheren Frequenz genutzt worden. Inzwischen drehten viele Regisseure lieber am Originalschauplatz.
Noch 15 Jahre zuvor hatte Rod Serling in wöchentlichem Wechsel all diese Scheinwelten für seine legendäre Serie „The Twilight Zone“ genutzt.

Zu diesem Zeitpunkt war der Anfang vom Ende schon besiegelt: 1970 hatte der Spekulant und Selfmade-Millionär Kirk Kerkorian MGM übernommen. Für Filme interesseierte sich der principal shareholder nicht, und er hörte auf, welche zu produzieren – weil zu teuer. Kerkorian verkaufte das MGM-Außengelände für 5 Millionen Dollar an die „Levitt Multi-Housing Coorperation“. Auch die Props wurden abgestoßen: für 1,4 Millionen Dollar gingen „Antquitäten“, Kostüme, Waffen, Gemälde,  Autos, Boote und Flugzeuge an einen Auktionator, darunter auch die roten Schuhe, die Judy Garland in „The Wizard Of Oz“ getragen hatte. Die Musikbibliothek des einzigen „Repertoire-Studios“ in Hollywood mit all ihren Songs und Filmpartituren wurde verbrannt. Ehe nun die Planierraupen anrückten, um die Bauten zu zerstören, wurde Debbie Reynolds bei den Verantwortlichen vorstellig und warb flehend für die Idee eines Movie-Parks. „Es ist ein ganzes Disneyland, das Sie nicht erst zu errichten brauchen, weil alles schon da ist! Sie brauchen nur noch ein Kassiererhäuschen hinzustellen! Lassen Sie Leute durchfahren und dafür zahlen! Ich komme und gebe jeden Tag Autogramme! Ich werde andere Stars überreden, das auch zu machen! – Universal hat das ja später tatsächlich gemacht …“ – mit weitaus weniger Schauwerten. Reynolds weiter: „Wenn ein schlichtes Mädchen aus Burbank so etwas erkennt, warum haben sie es nicht erkannt? Jetzt ist es zu spät!“

Den Gewinn steckte Kerkorian in das einzige, was ihn interessierte: seine Las-Vegas-Bauprojekte. Die Wikipedia preist ihn als Wohltäter der Menschheit.

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