Die schönsten Filme, die ich kenne (30): „Berliner Ballade“

Zunächst war der Film „Berliner Ballade“ „Eine Revue der Stunde Null“ namens „Schwarzer Jahrmarkt“, ein Kabarettprogramm des Kabarettisten Günter Neumann in Berlin.  Neumann, dessen Ensemble „Insulaner“ von den Historikern immer etwas geringer geschätzt wird als das andere große West-Berliner Kabarett „Die Stachelschweine“, wurde später zum ersten deutschem Musical-Übersetzer und zum Autor und Komponisten der langlebigen RIAS-Funkreihe „Die Insulaner“. Die Welt – und auch diese Stadt – hatten sich drei Jahre nach Kriegsende endgültig in Ost und West geteilt. Die Dreharbeiten begannen wenige Tage nach dem Beginn der Berlin-Blockade.

SchwarzerJahrmarkt„Es liegt eine Insel im Roten Meer, und die Insel heißt Berlin“ – zeitgenössisches Buchcover für Texte von Günter Neumann.

Der Film brauchte, im Gegensatz zum Kabarettprogramm, einen Roten Faden, und Neumann erfand hierfür den Helden Otto Normalverbraucher; dieser Name ging in den Sprachgebrauch über. Sein Darsteller, der Filmdebütant Gert Fröbe, war so dünn, dass er Karl Valentin auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich sah, begann aber während der Dreharbeiten fleißig zu futtern und zuzunehmen – wie die meisten Deutschen nach dem Krieg. Man musste ihn auf Diät setzen, um Anschlussfehler zu vermeiden. Weltberühmt wurde er in den 50er und 60er Jahren als böser Dicker.

“Berliner Ballade“ wurde von Heinz Rühmann produziert, der sich beruflich neu aufstellen musste. Der berühmte Filmschauspieler wurde vom Publikum für seine Mitwirkung am NS-Amüsierwesen mit Verachtung gestraft, und noch war nicht abzusehen, dass es ihn zehn  Jahre später überschwänglich begnadigen würde. Dieses Kabarett-Musical war einer von zwei Fehlschlägen an der Kinokasse, dann war seine Filmgesellschaft pleite.
„Berliner Ballade“ ist nichtsdestotrotz ein Juwel des deutschen Films, dem nicht anzumerken ist, in welcher Seichtigkeit derselbe in den folgenden Jahren versinken sollte. Die Schauspielgrößen, die Krieg und nationalsozialistische Ausrottung übriggelassen haben, sind in kleineren und allerkleinsten Rollen zu sehen. Unterstützt von Neumanns Kabarettisten lösen sie das Leben in den Trümmern der alten Hauptstadt in Spielszenen und Chansons auf, darunter das berühmte „Also wissense nee“. Werner Eisbrenners Soundtrack atmet einen sinfonischen Jazz, der für unser Kino leider nicht stilbildend wurde. 

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