Enthauptungen

betr.: Filmverstümmelung / Colorisierung von Schwarzweißfilmen in den 80er Jahren

In den längst vergangenen Tagen der VHS-Cassette kam es zu einer zweischneidigen Innovation: Schwarzweißfilme wurden am Computer coloriert. Stan Laurel war auf einmal leuchtend rothaarig (das mag der Wahrheit entsprochen haben, sah aber irritierend aus) und hatte rosarote Augäpfel – das Verfahren war noch nicht ganz ausgereift. Da die Färberei in den USA, d.h. mit dem notorisch verlutschten NTSC-System* vorgenommen wurde, sah das Endergebnis recht schmierig aus. Immerhin: die oft angekündigte Buntversion von „Casablanca“ ist mir nie begegnet. Woody Allen, George Stevens jr. u.e.a. ärgerten sich über diese „Verfälschung“ – „Das ist so, als würde man der Venus von Milo Lippenstift aufschmieren!“ meckerte John Huston. Die Macher verteidigten ihr Vorgehen damit, so könne man auch der Jugend die Klassiker nahebringen. Dass das gelungen ist, glaube ich nicht – denn auch mit rotem Kleid sieht Barbara Stanwyck nicht wie ein Filmstar der frühen 90er aus. Zumindest liefen auf diese Weise bei uns im Fernsehen einige alte Filme, die ich lange vermisst hatte, und die damaligen TV-Geräte erlaubten es ja, mit einem einzigen Knopfdruck die Farbe auch wieder abzuschalten (und über den erheblichen Schärfeverlust hinwegzusehen).
Im Handumdrehen war der Spuk ohnehin wieder vorbei – übriggeblieben ist nur „Dinner For One“.

Colorization Inc
Stan Laurel in Rot: einer der Anbieter dieser kurzlebigen Innovation kümmerte sich zunächst um das eigene Repertoire.

In den letzten Jahren ist eine neue Misshandlung großer und kleiner Filmkunst im Gange, und die Kritik daran ist gleich null. Kein Journalist, kein Filmemacher verliert auch nur ein Wort darüber. Dabei ist die Sache diesmal noch viel fürchterlicher! Seit dem Siegeszug des 16zu9-Fernsehens werden Filme, aber auch Serien und dokumentarische Aufnahmen, die eigentlich im Vollbildformat 4zu3 vorliegen, oben und unten abgesägt, um das aktuelle Format auszufüllen. Der Bildausschnitt wird nicht einmal justiert, sondern automatisch mittig gewählt. Oft ertappe ich mich dabei, dass ich beim Zusehen den Kopf einziehe.

War das Breitbildfernsehen einst herbeigesehnt worden, um „richtige Kinofilme“ „angemessen“ in die Wohnstube ausstrahlen zu können – ohne Bildverlust an den Seiten und ohne „störende“ schwarze Balken – bewirkt es jetzt das Gegenteil. Die meisten Sender halten sich immerhin an eine Regel: da der offizielle Beginn des Cinemascope-Zeitalters mit dem Fox-Bibelschinken „Das Gewand“ von 1953 beginnt, werden Filme, die bis 1952 herauskamen, meist verschont. (Nur Servus-TV kappt konsequent sogar beim jungen Heinz Rühmann Kopf und Füße.) Das ist insofern scheinheilig, als die Breitwand sich ja schon aus Kostengründen nicht sofort durchgesetzt hat und lange noch die Ausnahme blieb. (In den 70ern und 80ern überwog sogar zeitweilig wieder das Schmalbild.) Selbst Filmklassiker, bei denen das Vollbild ganz wesentlich zum künstlerischen Konzept gehört (nicht nur Walt Disney mochte das breite Format nicht), sind heute in ihrer ursprünglichen Form schlicht nicht mehr zugänglich – weder im Fernsehen noch auf DVD oder bluray.

Das ärgerlichste Beispiel ist „Psycho“, ein von Alfred Hitchcock 1960 ausdrücklich im TV-Stil hergestellter Klassiker. Während sich in der Vergangenheit (zu recht!) stets über geschnittene Szenen, Werbeunterbrechungen und fehlende Einzelbilder aufgeregt wurde, beklagt sich heute niemand über diese Form der Verstümmelung. Leider sind Hitchcocks Tochter Patricia diese Dinge vollkommen wurscht. So angenehm es ist, dass sie das finanziell einträgliche Werk Ihres Vaters nicht blockiert – wie es die Erben anderer Meister der Popkultur häufig tun – so betrüblich ist ihre Duldung solcher Ferkeleien.

Damit aber nicht genug: auch den Technicolor-Look des frühen Farbfilms will man dem Publikum heute nicht mehr zumuten. Wenn im Fernsehen überhaupt Filme laufen, die aus dem 20. Jahrhundert stammen (was selten genug geschieht), wird das Bild stillschweigend den Grau- und Brauntönen der Alltagsoptik angepasst. Ausgerechnet „arte“, jener Kanal, der den künstlerischen Anspruch schon im Namen trägt, hat längst auf reine 16zu9-Ausstrahlung umgeschaltet und achtet besonders penibel auf die sogenannte „Farbkorrektur“. Dabei liegt auf der Hand, dass ein kitschiges Südsee-Abenteuer mit Dorothy Lamour auch dann nicht hip wird, wenn man nachträglich die Kontraste verschmutzelt. Hinzu kommt nun auch noch die Verwüstung der akustischen Ebene. Bei „älteren Filmen“ werden die Höhen pauschal unterdrückt. Selbst der solide Filmsound der 70er Jahre klingt nun wie durch’s Telefon. So sind die frühen Arbeiten von Woody Allen auf Kauf-DVDs durch die Bank zu dunkel abgetastet, klanglich vermufft und im Bild beschnitten – das nennt sich dann „digitally remastered“, und keiner hat irgendwelche Einwände. Außer dem einen vielleicht, sich aktuelle Ware schon deshalb lieber anzusehen, weil die technisch nicht so vermurkst ist.

Liebe Junge und Junggebliebene! Kein Frage: Ryan Gosling hat einen geileren Hintern als Fred Astaire, aber so gruselig hat sich das Kino früher wirklich nicht angefühlt – nicht mal auf VHS.

* Die Abkürzung NTSC bedeutet „National Television Systems Committee“, scherzhaft auch „Never Twice Same Colour“, und ist auch in Japan üblich. Früher führte dieser Unterschied zu unserem PAL-System (etwas bessere Auflösung, andere Laufgeschwindigkeit) oft zu bösen Überraschungen: so ließen sich im Urlaub heimlich erstandene Erotikfilme auf dem heimischen Videorecorder nicht abspielen. Und selbst wenn das Abspielgerät mitmachte, war der Monitor dazu oft nicht in der Lage. Mit der Computer- und DVD-Technik bleibt dieser Unterschied heute weitgehend unbemerkt.

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Eine Antwort auf Enthauptungen

  1. Pingback: Verstümmelung in der Vertikalen - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

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