Eine Art gesetzestreuer Fantomas

betr.: Edmund Gwenn zum 137. Geburtstag und 55. Todestag in diesem Monat

Es gibt verschiedene Kriterien, nach denen sich Schauspielkunst beurteilen lässt. Manche Mimen liebt man dafür, dass man immer genau weiß, was man bekommt (Louis de Funès), manchen unterstellt man – vielleicht zu unrecht – dass sie eh immer sich selbst spielen (Morgan Freeman), bei anderen reicht einem ein einziges Gesicht, dass sich über Jahre niemals bewegt (Al Pacino). Wenn man sich aber über Wandlungsfähigkeit freuen möchte, dann ist man bei einem Mann an der richtigen Adresse, der heute vollständig vergessen ist. Er war ab der Jahrhundertwende lange im West End und am Broadway aktiv, ehe er in Hollywood u.a. zu einem Lieblingsdarsteller Alfred Hitchcocks wurde: Edmund Gwenn.

Ich habe ihn nur in einer Handvoll Filme gesehen, und in jedem davon spielt er einen völlig anderen Charakter als in den übrigen: einen tyrannischen Patriarchen in „The Skin Game“, einen etwas zerstreuten Insektologen in „Them!“, einen oscarprämierten Weihnachtsmann in „The Miracle On 34th Street“, einen ekeligen Killer in „Foreign Correspondent“, einen verliebten alten Schlepperkapitän in „The Trouble With Harry“ und den Fährmann auf dem Styx in „Between Two Worlds“. Diese Filme entstanden in einem Zeitraum von knapp 25 Jahren, und in ihnen allen sieht Gwenn etwa gleich aus – längst nicht mehr jung, klein und gedrungen. Selten verändert ihn ein Bart oder ein spezielles Make-Up.
In einer Episode des 80er-Jahre-Remakes der Serie „The Twilight Zone“ wird er sogar von einem Außerirdischen gelobt: „Wie hat Edmund Gwenn – einer Ihrer wirklich guten Schauspieler – einmal gesagt: Sterben ist einfach. Komisch zu sein ist schwierig.“ (Das unheilschwangere  Schlußwort der Geschichte.)

Ich habe ihn entdeckt, als in meiner Kindheit eine beglückende Welle von Grusel- und Science-Fiction-Klassikern im Fernsehen lief, u.a. der Öko-Thriller „Formicula“ („Them!“), in dem Riesenameisen Los Angeles angreifen. Als betagter Ameisenforscher, der mit bildhübscher Tochter anreist, unterstützt er das Militär beim Kampf mit den krabbelnden Mutanten. Immer dann, wenn er im Stützpunkt seine Lehrfilme auf dem Super-Acht-Projektor zeigt, um der Mannschaft Einblicke in die Taktik des Feindes zu gewähren, ist er der Guru, der unangefochtene Chef. Sitzt er dann im Militärhubschrauber und muß sich am Funkverkehr beteiligen, rührt er alle mit seiner Schusseligkeit und seinem technischen Unvermögen. Selbstverständlich wirkt das niemals wie ein Widerspruch. „Jeder Beruf ist eine Verschwörung gegen den Laien“, schrieb schon George Bernard Shaw, ein Dramatiker, der den Schauspieler Edmund Gwenn sehr schätzte. Für mich, der ich von den Mädchen in meiner Klasse für mein Zeichentalent bewundert und von den Jungs wegen meiner dürren Unsportlichkeit verachtet wurde, war das sehr einleuchtend, aber vielleicht war ich auch einfach entzückt, einem Charakterkomödianten bei der Arbeit zuzusehen.

Noch mehr imponiert hat mir Edmund Gwenn aber in einem anderen Film, der zehn Jahre zuvor herauskam: in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs, in denen auch die Handlung spielt. Der Film „Zwischen zwei Welten“ beschreibt die Reise einer Gruppe von Flüchtlingen aus Europa, die es mit knapper Not auf ein Schiff in die USA geschafft haben. Sie wundern sich etwas über den sonst völlig menschenleeren Kahn, auf dem trotzdem alles zu funktionieren scheint. Erleichtert, der Hölle der Heimatfront entwischt zu sein, gewöhnen sie sich bald daran, dass es nur einen einzigen Bediensteten an Bord gibt, einen höflichen älteren Steward, den ein tragisches Geheimnis umwölkt. Mit Hilfe eines Liebespaares unter den Reisenden – zwei Selbstmördern – kommt das Publikum bald dahinter: Jahrzehnte vor „The Sixth Sense“ sind sie alle, alle tot, und Mr. Gwenn hat sie wohlbehalten ins Jenseits zu transportieren, zum Gericht des „Prüfers“. Er hofft allerdings, niemand möge zu früh Verdacht schöpfen, denn das würde die Stimmung auf der Überfahrt völlig ruinieren. Auch wenn im dritten Akt dieses vergessenen, sehenswerten Dramas Sidney Greenstreet die Handlung trägt (der Dicke aus „Casablanca“), ist es die gequälte, tapfere Freundlichkeit, das unweinerliche Pflichtbewusstsein von Edmund Gwenn, dieses Handlangers von Freund Hein, das aus dem famosen Ensemble herausragt und mir eine bleibende Gänsehaut beschert hat.

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2 Antworten auf Eine Art gesetzestreuer Fantomas

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