Zu wahr um schön zu sein

betr.: Anarcho-Comedy / Hanna-Barbera / Cartoon Network

Die Kindheit ist vielleicht deshalb eine vor allem für Außenstehende so schöne Zeit, weil man sie letztlich ziemlich allein durchstehen muß. Loriots berühmter Ausspruch, dass Männer und Frauen nicht zusammenpassen, trifft sicher ebensosehr auf Eltern und Kinder zu. Diese unpopuläre Wahrheit wurde selten schöner auf den Punkt gebracht als in der ruch- und kompromisslosesten TV-Serie, die ich je erblicken durfte. Sie handelte von einem Elternpaar mit den besten Absichten, das ein Kalb und ein Hähnchen in die Welt gesetzt hatte. „Dad was proud, he did’nt care how!“ hieß es beschwichtigend im Titelsong.

Cow And Chicken_Comic 3Für kurze Zeit traute man diesem Gespann tatsächlich einen Erfolg auf dem deutschen Comicmarkt zu, wie diese kurze Albumreihe aus dem Ehapa Verlag (2001) beweist. Natürlich ließ sich der temporeiche und sehr von der Tonspur lebende Humor der Trickserie nicht adaptieren, aber die Zeichnungen waren stilecht.

Cow And Chicken“ war um die Jahrtausendwende ein unerwartetes Produkt aus dem Hause Hanna-Barbera. Inwiefern unerwartet? Dieses altehrwürdige US-Trickfilmstudio hatte 1940, noch als Teil der Trickfilmabteilung der MGM, mit der „Tom & Jerry“-Reihe etwas unfaßbar Anarchisches geschaffen und machte sich später selbständig und einen Namen mit „einfacherer Animation“. Ihre erste TV-Serie, die lange Zeit rekordhaltende „Familie Feuerstein“ funktionierte als Sitcom, lebte vor allem von Wortwitz, Situationskomik und der Ironisierung des american way of life.

Längst verband man mit dem Firmennamen „Hanna-Barbera Productions, Inc“ solide, zeichnerisch anspruchslose Ware für den Kinderfunk („Scooby-Doo“, „He-Man“), als plötzlich eine Reihe neuer Produkte dort herauskam, die sich ganz anders anfühlten. Ich durfte sie durch ein winziges Zeitfenster betrachten, das sich zwischen der Einführung des digitalen Satellitenempfangs in meinem Hause und der Verschlüsselung des Senders „Cartoon Network“ auftat. Da gab es zum Beispiel „Dexter’s Laboratory“, die Geschichte eines pummeligen Wunderkindes, das – von seinen Eltern unbemerkt – ein gewaltiges Forschungslabor erbaut hat. (Schon über seinen russischen Akzent konnte ich mich kaputtlachen.) Im Stil des alten Marvel-Chefzeichners Jack Kirby (dem die gesamte Serie offensichtlich gewidmet ist) schuf Dexter ein gewaltiges technologisches Tunnelsystem unter dem Reihenhaus seiner Familie, in das nur seine nervtötende große Schwester immer wieder eindringt, um irgendetwas zu zerstören oder durcheinanderzubringen – und natürlich, um ihm und uns den letzten Nerv zu töten. Ganz anders in „Samurai Jack“, einer edlen, melancholischen Parabel. Hier wurde jener ästhetische und erzählerische Vorsprung des Serienfernsehens vor der amerikanischen Kinoproduktion vorweggenommen, der heute allerseits diskutiert wird. Serien wie „The Powerpuff Girls“ und „Johnny Bravo“ machten mich nicht zu Fans, aber ich bewunderte diese kreative Bandbreite.

Heute wissen wir, diese Entwicklung war keine Tendenz, kein Neuanfang – sie war ein Ausrutscher, der natürlich rasch, gründlich und nachhaltig korrigiert wurde. Und nichts vermisse ich seither so schmerzlich wie „Cow And Chicken“.

Diese Parodie auf eine behütete Kindheit in der Vorstadt, die Geschichte des kleinen Gockels Chicken und seiner jüngeren aber viel größeren Schwester Cow, ist bis heute das einzige Trickfilmerlebnis überhaupt, in dem mir ein Charakter angeboten wurde, der mich verstörte und faszinierte, wie es sonst nur bei realen Schauspielern vom Schlage eines Charles Laughton, Gert Fröbe oder Zero Mostel der Fall ist: der diensthabende Bösewicht. Der Red Guy ist ein kleiner Teufel mit einem dicken, pickligen Hinterteil, das er bei jeder Gelegenheit in die Kamera hält. Er trägt nämlich unten ohne – eine Tradition, die auf Walt Disneys berühmte Entenfamilie zurückgeht. Das spiegelt sich auch in den Pseudonymen, unter denen er in Erscheinung tritt – Officer Pantsoffski, Lance Sackless oder Cleo Pantless – Queen of Denile. Den Namen wechselt er so häufig, um in diversen Verkleidungen, die zumeist betont schlampig sind (vor allem bei seinen Damenimitationen), möglichst großen Schaden anrichten zu können. Doch ihm wird gerne geglaubt – besonders, wenn er Uniform trägt und seinen Opfern lebensgefährliche und offensichtlich sinnlose Prüfungen auferlegt. Das geschieht exemplarisch in der Episode Orthodontic Police“, in der sich die ganze Stadt von einem Hochstapler mit dienstlicher Schirmmütze drangsalieren läßt. Zwar wird sein schändliches Treiben fast immer zum Schluß handfest bestraft, doch dann schaltet er prompt auf einen gierigen Masochismus um und kommt erst recht auf seine Kosten. Der Red Guy trat auch hin und wieder in der Ablegerserie „I Am Weasel“ (ebenfalls von David Feiss) auf, wo er sich erst zum unverzichtbaren Stargast, dann zum eigentlichen Hauptdarsteller hocharbeitete.

Wie man weiß, wird im Zeichentrick die Sprachaufnahme zuerst produziert, und wenn es sich lohnt, fließt viel von der Persönlichkeit des Interpreten in den animierten Charakter mit ein. Im Falle des „Red Guy“ ist das Charlie Adler, der auch fast alle übrigen Figuren spricht. Sein Teufel changiert zwischen einem hinterlistig-einschmeichelnden Tunten-Timbre und eruptiven Brüll-Attacken und tratscht unverhohlen mit dem Zuschauer über die Torheit seiner Opfer. Neben der Lebendigkeit dieses Schauspiels nehmen sich vergleichbare Einsätze viel prominenterer Film- und Trickschauspieler wie Robin Williams und Roberto Benigni glotzäugig, kalkuliert und rührselig aus. Ihre Darbietung ist stets „was für die ganze Familie“ (im Sinne von „Wetten dass..?“), und auf ihrer angeblichen Anarcho-Komik liegt eine dicke Schicht Gefallsucht.

Nun griffe es aber zu kurz, in „Cow And Chicken“ nur die Nähe zum Abgrund zu suchen. In der Episode „Cow’s Instincts -don’t it?“ läßt sich Cow, die im Fernsehen eine Kuhherde beim Fallschirmspringen gesehen hat, von ihrem sehr verlegenen Bruder erklären, was mit diesen Tieren los ist. Sie – erklärt er drucksend – „folgen ihrem … äh … Herdentrieb“. Cow ist begeistert. Schon am nächsten Tag, so nimmt sie sich vor, heißt es: „I’m herding!“ In Ermangelung anderer sprechender Kühe in dieser Menschensiedlung, rückt sie zunächst dem Postboten auf die Pelle, versucht es mit den Enten im Park und sogar beim Militär. Auch hier ist sie fehl am Platze, bekommt aber eine entscheidende Information …
Wann wird schon einmal so einfühlsam über die beginnende Pubertät berichtet, über die schwierige Aufgabe des / der Heranwachsenden, sich neu zu erfinden? Ähnlich poetisch geraten die Episoden „The Girls‘ Bathroom“, „Supermodel Cow“, „Chicken’s First Kiss“ oder „The Ugliest Weenie“ – man ahnt jeweils das Sujet.

Die Internet-Foren billigen dieser Serie nur „Low-Importance“ zu, und der Berliner Routine-Synchronbetrieb war damit völlig überfordert. Die deutsche Fassung wurde schamvoll im tiefstmöglichen Nachtprogramm von ProSieben versenkt, an einer Stelle, die von Programmzeitschriften nicht mal im Kleingedruckten erfasst wird.
Was mir bleibt, ist die Erinnerung an das Original, an die reinste Form der Frechheit, die sich je vor meinen Augen in bewegten Bildern entfalten durfte.

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Eine Antwort auf Zu wahr um schön zu sein

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