In den Fesseln von Shangri-La

betr.: Fantasy (Genrebegriff und Lebensgefühl)°

Der Satz „Du hast ja eine blühende Fantasie“ war in meinen Kindertagen nicht als Kompliment gemeint – das war schon am Tonfall erkennbar, der sich hier im Schriftbild nicht vermittelt. Er drückte neben einem widerwilligen Kompliment („du hast“, „blühend“) zunächst die Unterstellung aus, Fantasie sei die natürliche Feindin der bürgerlichen Vernunft, weiterhin die Befürchtung, eben dieser Bürgerlichkeit könnte vielleicht entkommen, wer Fantasie hat.
Mittlerweile bin ich selbst in der Altersklasse angelangt, in der man über die Jugend anderer Leute nachdenkt, und ich habe das Gefühl, an die Stelle der Fantasie ist inzwischen die Fantasy getreten. Wie unterschiedlich die Bedeutung dieser beiden fast identischen Begriffe ist, hat Cadwiller Olden einst herausgestellt: „Fantasy ist die Fantasie, die man auslagert, deren Verrichtung man anderen Leuten überläßt.“* Mein kindlicher Fantasiebegriff entsprach dem, was J. R. R. Tolkien darunter verstand (den die Fangemeinde längst posthum zu ihrem Säulenheiligen bestellt hat). Für ihn war das „Fantasieren“ eine Tätigkeit (!), die der Vernunft dankbar und offen gegenüberstand. (Die eingangs zitierte Unterstellung war somit falsch, die Befürchtung nicht.)

Warum dieses Nachdenken über ein so spezifisches Genre? Ganz einfach. Wer keine Western liebt, der sieht sie sich eben nicht an. Kulturmagazinen kann man ausweichen, sogar Casting-Shows und Krimis (obwohl das nicht immer so einfach ist). Die Fantasy hingegen hat ihre Ästhetik auf sämtliche Produkte des heutigen Kino-Mainstreams ausgedehnt. Wer überhaupt noch ins Kino geht, um sich aktuelle Filme anzusehen, der erblickt die gleichen manipulierten Hintergründe und retuschierten Gesichter, die man doch eigentlich nur in märchenhaften Stoffen erwarten würde. Man kann sich der allgemeinen geglätteten und aufgeweichten Anmutung nicht mehr entziehen. Der Fantasy-Trend ist ein mediales Lebensgefühl, das über die „Harry Potter“- und „Twilight“-Filme längst hinausgeschwappt ist. Und damit ist nicht nur der Look gemeint!

Die mythischen und höfischen Wurzeln haben sich im Genre bis heute erhalten: die Tonlage ist noch immer um märchenmittelalterliches Pathos bemüht, die Fauna geht erkennbar auf die feuerspuckenden Untiere zurück, mit denen sich die Ritter in der Alten Welt herumschlagen mußten. Aber Fantasy ist zurzeit wie gesagt hauptsächlich ein filmisches Phänomen (das „Bücher zum Film“ mitbringt). Das Bild von der ausgelagerten Fantasie stimmt also mehr denn je: dem Konsumenten bleibt nichts mehr zu tun, als die Pracht in allen Details fertig aufzunehmen, ohne die eigene Vorstellungskraft je bemühen zu müssen.

Was Unterhaltungen mit den Fans dieses Genres für Außenstehende oft so unersprießlich macht, ist die Humorlosigkeit dieser Gemeinde, wenn es um das werkspezifische Fachwissen (die „Wichtigkeit“) geht. Bei der Zuordnung gnomischer Dialekte, barbarischer Rituale und zwischenweltlicher Gebietsverläufe verstehen diese Leute keinen Spaß; solche Details fehlerfrei herunterbeten zu können, ist Ehrensache. Es entsteht das Klima einer Ersatzreligion, die die Distanz zu den „Ungläubigen“ pflegt und in der komische Effekte nur einzelnen festen Charakteren erlaubt sind. Dies sind zumeist Bösewichte (besser: deren bucklige Gehilfen) oder Mitläufer und Stichwortgeber der guten Seite: Leute wie Yoda oder die Ewoks, jene putzigen Waldmondbewohner, die mit vorsintflutlichen Mitteln die hochgerüsteten Eindringlinge zu Fall bringen. (Mit Jar Jar Binks hat Mr. Lucas allerdings sogar die eigenen Fans zutiefst verschreckt.)**

Die Kino-Fachliteratur sprach bereits von Fantasy-Filmen, wo wir heute die Rubrik des märchenhaften Abenteuerfilms aufmachen würden: „Das Dschungelbuch“ (die Realverfilmung von 1942), „Der Dieb von Bagdad“ (1940) oder die Tarzan-Reihe mit Johnny Weissmueller. Erst viel später begann sich die Art von Filmen zu etablieren, die wir heute als Vorläufer solcher Arbeiten wie „Avatar“ wahrnehmen, und es waren zunächst sehr vereinzelte, in mehrfacher Hinsicht exotische Beispiele. Meine früheste persönliche Erinnerung an diese Entwicklung ist die Zeichentrickversion von „Der Herr der Ringe“ (1978). Bei der Motorik der Figuren halfen Ralph Bakshi die abgefilmten Bewegungen von Schauspielern, die dann ins Artwork abgepaust wurden, aber die Resonanz war verhalten. Neugieriger machte mich wenige Jahre später „Der dunkle Kristall“. Regisseur Jim Henson, der Vater der „Muppets“, drückte seinen Wunsch aus, die hier gezeigten Geschöpfe mögen „nichts Puppenhaftes“ mehr an sich haben, der Zuschauer möge nach einer Weile vergessen, dass er hier bewegten Schaumstoff vor sich hat. Das Ergebnis war sehenswert, aber die elfenhaften Helden Jen und Kira wirkten nicht halb so lebendig wie Fozzie Bär oder Rowlf, der klavierspielende Hund – schon für damalige Begriffe nicht. Beide Filme blieben vereinzelte Kuriositäten.
Heute liegt die Erklärung nahe, die technischen Möglichkeiten könnten den Visionen der Filmemacher einfach noch zu sehr im Weg gestanden haben. Viele Jahre später kam ein ebenfalls vereinzeltes Werk in die Kinos, das mir in diesem Zusammenhang wieder einfällt: „Final Fantasy – Die Mächte in dir“. An die Handlung habe ich keine Erinnerung mehr, aber es ging im Wesentlichen um einen (unseren?) verwüsteten Planeten und angreifende Aliens, wie es sich bei der Filmversion einer Game-Serie gehört. Wichtiger war ohnehin die technische Ambition. Das „erklärte Ziel der Filmemacher“ war, „einen Blitz in einer Flasche zu bändigen“. Wollte Jim Henson lediglich, dass man seine Figuren für lebendig hielt, legten es Hironobu Sakaguchi und seine Leute darauf an, einen Film am PC herzustellen, dem man genau das gar nicht ansah. Wie wir wissen, ist das bis heute, knapp 15 Jahre später, immer noch ein frommer Wunsch. Die präzisesten Poren im Teint der Heldin nutzen nichts, wenn die Mimik fehlt. (Immerhin: die Haare sind mal wieder klasse!)

Aber wollen wir zu den inneren Werten und Widersprüchen der Frage zurückkehren!
Als der Oxford-Professor John Ronald Reuen Tolkien seinen Romanzyklus „Der Herr der Ringe“ schuf, griff er dabei nicht nur auf seine akademische Bildung und ein angeborenes Talent für antike Sprachen zurück (das ihm erlaubte, schlüssige Fantasiesprachen zu entwickeln), er hatte auch im Ersten Weltkrieg gekämpft und eine konkrete Vorstellung davon, was seine Geschöpfe durchmachten, als sie vor Helms Klamm in Garnison lagen. Eine derart komplexe Welt und ihre Bewohner vollständig erschaffen zu haben, ist eine Leistung, die im Ergebnis viel leichter aussieht als sie ist, denn würde man diese Mühen beim Lesen miterleben, wäre der Lesespaß ja sogleich im Eimer (- wie bei der federleichten Tanzkunst des Fred Astaire, die man nur genießen kann, weil man ihr die Knochenarbeit auf der Probebühne nicht anmerkt).
Die anhaltende Faszination für den „Herrn der Ringe“ beruht m.E. auch darauf, dass mancher Leser sich die Sache ganz einfach vorstellt und insgeheim denkt, er könnte „sowas auch“ – ohne Sprachstudien, ein besonderes Talent und eigene Kriegserlebnisse. Der Erfolg der unzähligen Fantasy-Produkte um die Jahrtausendwende scheint diesen Lesern / Autoren recht zu geben.
Aber Meister Tolkien gerät noch auf andere Weise in skurrile Gesellschaft.

Der Tolkien-Biograf und –Analytiker John Garth stellt in seinem Buch „Tolkien und der Erste Weltkrieg“ die Gegensätze zwischen der vom Autor miterlebten Kriegsrealität und seinen literarischen Kampfhandlungen heraus: Die Schlacht von Helms Klamm sei ein Kampf zwischen Gut und Böse, während der Stellungskrieg an der Somme jeden moralischen Anspruch verspielt habe. „Wir alle waren Orks!“ wird Tolkien zitiert, womit er alle beteiligten Nationen wie auch ihre Soldaten den Horden der Finsternis zurechnet und damit ihrem Konflikt philosophisch die Motivation entzieht. Das ist insofern eine naive Auslegung, als sich jeder reale Kriegstreiber stets auf der „richtigen“ Seite verortet. Die Bösewichte, die ausrufen: „Ich bin der Fürst der Dunkelheit, und das ist auch gut so!“ sind eben nur Fantasy. (Dafür sollten wir in Zeiten eines Terrors ausreichend sensibilisiert sein, bei dem jede Partei einen Gott für sich in Anspruch nimmt. Auch die Amerikaner.)
Die Soldaten, die (in beiden Weltkriegen) auf unterschiedlichen Seiten der Front in den Schützengräben lagen, beteten zum selben Heiland, er möge ihnen zum Sieg verhelfen – dieses traurige Paradoxon ist inzwischen ein Alter Hut. Aber das ist ja das Raffinierte an dieser Literaturgattung (auch an der High Fantasy): Die Bösen darf man getrost ausrotten wollen, weil sie böse sind.
Warum auch nicht? – Nach diesem Prinzip funktionieren schon die Piratenspiele kleiner Jungs – und im übrigen das gesamte Genrekino.

Es hätte den Pazifisten Tolkien sicher verstört, den zweiten Teil seiner verfilmten Trilogie im Kino zu bewundern: „Der Herr der Ringe – Die zwei Türme“ erfüllt alle Kriterien eines Durchhaltefilms im Zweiten Weltkrieg. Zum Finale hält es nicht einmal mehr die Bäume in ihren Wurzelmulden! Cadwiller Olden formulierte das Unaussprechliche: „Für eine Kopie eines solchen Filmes hätte der Propagandaminister sein linkes Ei hergegeben!“

Der Fernsehautor Gene Roddenberry war in seiner klassischen Serie „Raumschiff Enterprise“ schon etwas umsichtiger, als es um diese Frage ging. Im Finale der Folge vom 7.3.1969 „Seit es Menschen gibt“ („The Savage Curtain“) heißt es: „Ihr seid die Überlebenden, aber es ist euch nicht gelungen, mir einen Unterschied zwischen eurer Auffassung von Gut und Böse und der meinen zu zeigen. Ob ihr für euer Gutes oder euer Böses kämpft, ihr benutzt die selben Mittel und ihr erzielt die selben Ergebnisse.“
Aber das ist ja auch Science Fiction, nicht Fantasy.°

 

* „The Origin Of Disenchantment“, Laputa Press 1971 / 1985

** In der Tat rechne ich “Star Wars” zur Fantasy mit Science-Fiction-Elementen, nicht zur Science-Fiction, aber darüber läßt sich trefflich streiten.°

° siehe dazu auch das Kapitel “Pulp” in der Serie “Synergien in der Popkultur: Vier kleine Worte” (4)

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Eine Antwort auf In den Fesseln von Shangri-La

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