Der dreifache Brecht

betr.: Deutsche Wiedervereinigung / Bertolt Brecht

Heute vor 25 Jahren fielen überglückliche Camper auf einem Prager Botschaftsgelände dem deutschen Außenminister ins Wort, der gerade „Ausreise“ gesagt hatte. Mit dem nun beginnenden Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung begehen wir noch ein weiteres: das Versäumnis, den Autor Bertolt Brecht neu eingeordnet zu haben. Nicht, dass das eine zwingend mit dem anderen zusammenhinge, aber willkommene Anlässe und gute Gelegenheiten machen bekanntlich Freude, vor allem in der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion.

Möglicherweise spielt mir mein soziales und kollegiales Umfeld hier einen kleinen Streich. Ich treffe häufig auf Menschen, die sich mit Bertolt Brecht beschäftigen, und für sie ist er ein Säulenheiliger erster Güte, dessen künstlerische Fehlerlosigkeit ebenso stillschweigend vorausgesetzt wird wie seine politische Integrität. Er ist gewissermaßen eine Mischung aus Shakespeare und Mutter Theresa. In dieser Bewertung mag ein wenig das schlechte Gewissen mitschwingen, die Nachfolger einer Generation zu sein, die diesen Künstler grosso modo wegen seiner „Linksradikalität“ verteufelt hat – was natürlich großer Blödsinn war. Ebenso blödsinnig wie das eine Extrem ist aber in der Regel auch das andere.

Für mich gibt es Brecht gleich dreimal, und meine Gefühle für diese drei könnten unterschiedlicher nicht sein. Ich beargwöhne ihn ein wenig als Theaterautor, ich verachte ihn als politischen Menschen, ich verehre ihn als Poeten.

Der Theatermann Bertolt Brecht verleidet mir mit seiner Angewohnheit zu predigen, „Gesinnung zu machen“ häufig die Schönheit seiner Parabeln. Das ist für mich Jesuitentheater, vor allem, weil mir der ideologische Boden der Sache fehlt (siehe weiter unten). Ich gebe offen zu, dass mir weiterhin der Entwurf des „epischen Theaters“ prätentiös erscheint und meinem Eskapismus im Wege ist. Aber auch Brechts allzu sorgloser Umgang mit der Leistung anderer irritiert mich. Wie man sich erinnert, hat er schon Text und Titelkonzept seines größten Verdienstes, der „Dreigroschenoper“, bei John Gays „Beggar’s Opera“ mitgehen lassen, und das nicht einmal eigenhändig. Seine Geliebte, die österreichische Schauspielerin Elisabeth Neumann, hat ihm die Übersetzung erledigt. Nun ist dies, wie auch seine Anleihen bei den Liedtexten François Villions und den Motiven Rudyard Kiplings, keine Todsünde, man könnte es als Adaption betrachten. Leider hat „der Autor“ stets so getan, als habe er alles aus dem eigenen Ärmel geschüttelt.* Mit seinen lebenden Mitarbeitern sprang er kaum anders um. Brechts herablassende Kommentierung der Verdienste seiner Musiker Hanns Eisler und Kurt Weill passen ins Bild und haben sicher dazu beigetragen, dass der geniale Kurt Weill heute in seiner Heimat auf seine Tätigkeit als Brecht-Vertoner reduziert wird.° Auch später, in seiner Ostberliner Zeit, hatte Brecht Glück: er war ein Factory-Typ. Ähnlich wie später Rainer Werner Fassbinder und Andy Warhol verfügte er über ein Charisma, das eine Gruppe hoch- oder zumindest inselbegabter Menschen um ihn versammelte, die ihre Talente mit konkurrierendem Eifer in seinen Dienst stellten. (Warhol bildet in diesem Trio insofern eine Ausnahme, als er seine Fabrikarbeiter ausnehmend prominent herausstellte und gut aussehen ließ.) Keine Frage: es brauchte ein solch kreatives Zentrum, und niemand fühlte sich ausgenutzt, wie zahlreiche Statements alter Brecht-Mitarbeiter belegen. Seine Tochter Hanne Hiob brachte es gar auf die Formel, sie alle („wir“) hätten ihn ausgenutzt.

Mein zweiter Brecht ist der unbeugsame Gesinnungsmensch, der Held der Arbeiterklasse, der grundgute Kommunist / Sozialist / Sozialdemokrat (Zutreffendes bitte ankreuzen!), der sich nie an einem windigen Bauherrenmodell beteiligt oder an der Börse gezockt hätte, wenn ihm das denn jemals ermöglicht worden wäre. Stimmt so nicht! Im Grunde war Brecht ein Künstler, den die Politik nur interessierte, wenn sie als Thema für seine Arbeit etwas hergab. Die meisten seiner Stücke handeln von der Widrigkeit der Zeitläufte, vom Menschen als schlimmstem Feind des Menschen – die allerwenigsten sind politisch. Diese wiederum stammen aus seinen frühen Jahren, also den letzten Jahren der Weimarer Republik: „Die Maßnahme“ (1930), „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ (1931) und „Die Mutter“ (1932). Letzteres basiert auf einem Roman von Maxim Gorki und kommt so richtig von links. Der Marxismus aber ist hier lediglich die (auswechselbare) ideologische Basis, die das Drama nun einmal braucht, um zu funktionieren. (Dass es eine solche Basis braucht, hat Brecht z.B. von Schiller gelernt.)

Maßnahme_Brecht

Freilich brachte das Werk den Autor am unmittelbaren Vorabend des Nationalsozialismus auf die Abschußliste der neuen Machthaber, mit denen er ehrenhafterweise nichts zu tun haben wollte. Nach seiner Emigration installierte er sich in der DDR, was heute allgemein als Beleg für seine linke Gesinnung gewertet wird. Ist es wirklich so einfach? Wohl kaum! Marcel Reich-Ranicki bezeichnete diese Endstation Brechts als „die Tragödie seines Lebens“.

Aus Amerika musste Brecht bekanntlich fliehen, weil er vor dem McCarthy-Ausschuß als „unamerikanisch“ eingestuft worden war. Das ist, wie man sich erinnert, auch noch ganz anderen Leuten passiert, die nichts mit Marx und Lenin am Hut hatten.** Zunächst hoffte er, in Bozen oder Tirol unterzukommen, ging aber schließlich in die Schweiz. Obwohl sich Max Frisch für ihn einsetzte, war bald klar, dass die lokale Wertschätzung nicht ausreichen würde, um ihm hier ein Theater zur Verfügung zu stellen. 1948 beantragte er die österreichische Staatsbürgerschaft und stellte seinen künftigen Landsleuten gar einen neuen (frischeren, zeitgemäßeren) „Jedermann“ in Aussicht. In München (beinahe in seiner Heimat) tat sich aber eine vielversprechende Perspektive auf: der zuständige amerikanische Kulturoffizier war entschlossen, ihm die Leitung der Kammerspiele zu übertragen. Kaum war Brecht in München eingetroffen, stellte sich das State Department in Washington quer – aus Gründen, die man sich denken kann. Die Ostzone war nun seine letzte Zuflucht, da er – begreiflicherweise – im deutschsprachigen Raum bleiben wollte. Der rote Horror, der ihn angesichts dieser Option befiel, war nicht neu: schon als er aus Nazideutschland floh, hatte er es keine zwei Wochen in der Sowjetunion ausgehalten und war lieber in die USA gegangen. So schrecklich diese gesinnungsmarode Kapitalistenhochburg auch angeblich war – in Kalifornien ließ es sich ganz gut leben, wenn auch die angepeilte Karriere in Hollywood nicht recht in Gang kam. (Außerdem kümmerte sich das Ehepaar Charles Laughton / Elsa Lanchester um ihn. Laughton half ihm bei der Übertragung des „Leben des Galilei“ ins Englische und organisierte 1947 sogar eine Inszenierung des Stückes mit sich selbst in der Hauptrolle.)
Als Brecht nun in Ostberlin eintraf, wehte ihm „der Gestank der Provinz“ in die Nase. Vorsorglich gab er die Rechte an seinem Werk an den Frankfurter Suhrkamp-Verlag („am Main“), eröffnete sein Konto in der Schweiz und bezog zunächst sogar in Westberlin Quartier. Letzteres mußte er aber bald aufgeben. Immerhin hatte man ihm mal wieder ein Theater versprochen. Das war, wie sich herausstellte, jenes „Theater am Schiffbauerdamm“, in dem 1928 schon seine „Dreigroschenoper“ Premiere gefeiert hatte. Das Regime profitierte im Gegenzug von seinem literarischen Ruhm, und so kam man ganz ordentlich miteinander aus.

Im unlängst ausgestrahlten Radiofeature „Doppelleben oder: Gedenkt unserer mit Nachsicht“***, einem Doppelportrait von Brecht und Gottfried Benn, stellt Jörg Magenau die interessante Theorie auf, Brechts früher Tod im Jahre 1956 sei als eine Flucht vor der sozialistischen Realität zu verstehen, als konsequenteste Form der inneren Emigration. Dass er auf diese Weise weder den Mauerbau noch den Prager Frühling miterleben mußte, beweist in der Tat dramaturgischen Weitblick. Zumindest den „Stalin-Friedenspreis“ (Achtung: Realsatire!) hat er sich aber noch abgeholt. (Thomas Mann war dafür die erste Wahl gewesen, aber der hatte die Trophäe angeekelt zurückgewiesen.)

Brechts Einordnung als „linke Socke“ ist also ein ziemliches Mißverständnis, egal ob man in ihm den rotsockigen Handlanger sieht oder den personifizierten Gegenentwurf zum heutigen Raubtierkapitalismus. Er war ein hochbegabter Opportunist – nicht mehr, nicht weniger.

Fehlt noch: Brecht, der Dichter. Diesen Brecht liebe und bestaune ich. Die Musikalität beschreiben zu wollen, die ich in diesen Worten finde, verbietet mir der Respekt vor Miniaturen wie dem „Radwechsel“ (ein kleiner Edelstein, den ich immer wieder gegen das Licht halte), vor dem herrlichen Zweizeiler aus dem Epilog des „Guten Menschen von Sezuan“, mit dem ich stets meine Studenten verabschiede, vor dem Trost im „Lied von der Moldau“ oder der Erinnerung an die „Erinnerung an die Marie A.“. Nun gut, hier sei immerhin eine zickige Fußnote erlaubt: diesmal hat jemand bei Brecht geklaut, nämlich Michael Kunze, der die Geschichte dem ahnungslosen Gilbert Bécaud als deutschen Text für sein Chanson „C’est en Septembre“ untergejubelt hat. Mit anderen (Brecht-)Worten: „Wollt nicht in Zorn verfallen, denn alle Kreatur braucht Hilf von allen.“

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* Als Dimitri Tiomkin 1954 seinen Oscar für die beste Filmmusik „The High And The Mighty“ entgegennahm, dankte er „Johannes Brahms, Johann
Strauß, Richard Strauss, Beethoven, Mozart …“ – obwohl seine Musik mit Johann Strauß und Mozart nun wirklich nicht viel zu tun hat. Er verneigte sich damit ganz allgemein vor dem spätromantischen Idiom, ohne das die frühe amerikanische Tonfilmmusik hätte bei null anfangen müssen.

° siehe Blog vom 26.9.2014

** Wer sich auf stichhaltig-amüsante Art mit diesem Thema befassen möchte, dem sei der Film „Der Strohmann“ (USA 1976) von Martin Ritt ans Herz gelegt!

*** Deutschlandradio Kultur, 13.7.2014

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Eine Antwort auf Der dreifache Brecht

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