Die selbstgerechte Welt der Amelie

betr.: Das Leben der Anderen

Am 26. Juni 2004 lief ein Teppichkäfer, der im Rahmen eines Hausputzes aus dem Fenster eines Pariser Mehrfamilienhauses gefallen war, über den Square de Batignolles. Er blieb unverletzt. Genau im selben Augenblick erwachte der Schlagersänger Nono Nanou in seiner Behelfswohnung in Le Bourget nach durchzechter Nacht. Er hatte wieder zugenommen, sich drei Wochen lang nicht rasiert und gewaschen, roch streng und bot überhaupt einen entsetzlichen Anblick. Doch das schockierte niemanden, da er seit 21 Monaten – seit dem Entweichen seines letzten Groupies – allein lebte. Gleichzeitig bohrte sich Monsieur Popoffe auf einer Parkbank im 9. Arrondissement in der Nase – doch ohne Erfolg. Er hatte sich wohl geirrt. Immer noch zur gleichen Zeit hatte in Engnien-les-bains ein von sich und ihrem Leben vollkommen zu recht gelangweiltes Mädchen namens Amelie, eine zündende Idee.

Soeben hatte sie mitangesehen, wie eine rechtschaffene Bürgerin einen Schwarzfahrer an den Busfahrer verpetzt hatte. Als sie die vor Anstand geröteten Wangen der Frau sah und das mahnend gereckte Kinn des Fahrers, als er den Betrag nachberechnete, war der schmucklose Linienbus mit einem Mal von einem Duft erfüllt, den die kleine Amelie noch nie gerochen hatte. Sie kam zu dem Schluß, es müsse wohl der Geruch der Gerechtigkeit sein, der ihr da in die Nase wehrte – und Gerechtigkeit gibt es viel zu wenig auf der Welt!
Kein Wunder, dass ihr dieses Lüftchen so fremd und geheimnisvoll erschien.

Für Amelie stand fest: was diese Frau kann, kann ich auch! Sie würde beginnen, sich in das Leben der anderen einzumischen.
Plötzlich hatte sie das Gefühl, in absoluter Harmonie mit sich selbst zu sein. In diesem Augenblick war alles perfekt: die Weichheit des Lichts von ihrem Heiligenschein, der die ganze Szene in eine zähe, schwülstige Urin-Algen-Optik tauchte, die Luft – ein Feuerwerk köstlicher Frühlingsaromen, die Stadt – eine am PC geschaffene Kulisse für ein Alterswerk von Tim Burton! Sie atmete all das ein, und es überkam sie ein seltsames Anlehnungsbedürfnis und das Verlangen, der gesamten Menschheit zu helfen!

Sie begann, bei Einbruch der Dunkelheit durch Fenster lugen und die bösen kleinen Jungs davon abhalten, an sich herumzufummeln, denn Mami und Papi hatten ihnen das ja schließlich verboten.
Sie verpetzte jeden Falschparker sofort an den Flic, der täglich darum kämpfte, die Rue Crépain-Jojard in einen Wohnort redlicher Bürger zu verwandeln.
Sie verriet den verstörten, von böser Ahnung beladenen Wartenden vor dem Kino, wer der Mörder ist, damit sie sich ganz entspannt auf den Krimi konzentrieren konnten, für den sie gerade anstanden.
Kurzum: Die Patin der Missachteten, die Madonna der Ungeliebten, die Nemesis all jener, die einfach nur ihre Ruhe haben wollen, verwandelte das gesamte Arrondissement in ein Arkadien der schlecht gelaunten, aber geretteten Seelen!

Ich kann eure Gesichter sehen, im Schein der Monitore. Ich weiß, was ihr jetzt denkt, liebe Leserinnen und Leser!

Was für ein verlogenes, abgefeimtes Früchtchen diese Amelie doch ist! Schlimmer als die Stasi! Diese Göre sollte man mal gehörig übers Knie legen. Wenn über die mal jemand einen Film drehen würde, dürfte man da gar nicht hingehen, würde dieser Film heute um 13 Uhr 25 auf Servus-TV laufen, sollte man ihn sich auf keinen Fall ansehen! Und wenn doch, dann müsste man ihn wenigstens schlimm finden und andere Leute davor warnen!

Aber, seid doch mal ehrlich – Ihr seid doch sicher auch schon mal schwarzgefahren oder habt die Wut, die ihr von eurer Arbeit mit nach Hause gebracht habt, an einer völlig unschuldigen Person eures häuslichen Umfeldes ausgelassen.
Und ihr würdet ihr sicher dankbar sein, wenn euch eine selbsternannte Ordnungsmacht ungefragt eine verpaßt, um euch zur Besinnung zu bringen. Ihr würdet sie dafür lieben, dass sie hinter euch herspioniert, euch wochenlang verfolgt und beobachtet und euch dann zur Strafe Sekundenkleber ins Türschloß schmiert.
Eine ideale Welt bekommt man eben nicht geschenkt.

Im Augenblick seid ihr sicher vor ihr, denn sie hat ja jetzt einen Motorradfahrer. Aber in ein paar Wochen wird er anfangen, ihr auf die Nerven zu gehen. Wer will schon pausenlos hinten auf dem Gepäckträger sitzen. Sie motzt! Er wird ihr eine kleben und sich nach einer anderen umsehen. Und dann – dann wird sich Amelie daran erinnern, wie schlecht die Welt ist und wie dringend sie da draußen gebraucht wird.

Wenn ihr also die Absicht haben solltet, euren Hund zu treten oder einen Apfel zu klauen in dem Gemüseladen, deren Verkäufer immer den Finger auf die Waage legt – tut’s schnell! Und lasst euch nicht erwischen!

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