Ruhestörung in Hollywood – Die verschreckte Leinwand

betr.: Geburtstag des Tonfilms

Heute vor 87 Jahren hatte „The Jazz Singer“ in New York Premiere, und die Stummfilmzeit war vorbei.

Wie konnte das passieren?
Die Warner Brothers steckten in finanziellen Schwierigkeiten und beschlossen, alles auf eine Karte zu setzen. Sie wollten einen Film produzieren, der über ein synchron mitlaufendes Tonsystem verfügte. Entsprechende Experimente wurden seit Jahren durchgeführt, aber Hollywood war an der Abschaffung des Stummfilms im Grunde nicht sonderlich interessiert. Das Publikum akzeptierte den Status quo, und Filme konnten für den Weltmarkt produziert werden, ohne sich um Sprachunterschiede kümmern zu müssen. Die Schauspieler waren damit natürlich auch einverstanden. Außerdem waren die Produktionsbedingen vergleichsweise einfach: die Kamera war beweglich, die Regieanweisungen konnten jederzeit dazwischengerufen werden – es war paradiesisch!
Insofern war das geplante Projekt der Brüder riskant – aber würde das Publikum darauf anspringen, könnte sich niemand mehr erlauben, ihm einen Stummfilm vorzusetzen. Das wäre die Rettung für die klammen Warners, denn ihr Studio allein wäre dann für diese technische Innovation gerüstet, ihre Kinos die einzigen, die solche Filme überhaupt aufführen könnten. Die Konkurrenz geriete ins Hintertreffen.

Diese Geschichte ist aus heutiger Sicht nicht sonderlich spannend, denn erstens wissen wir ja, wie sie ausging, und zweitens sollte man meinen, die Kinogänger hätten sich ohnehin nicht anders entscheiden können. Doch es wäre um ein Haar ins Auge gegangen.
„The Jazz Singer“ – die aus dem Leben gegriffene Geschichte eines jüdischen Kantors, der am Broadway Karriere macht – ist nämlich inhaltlich weitgehend ein Stummfilm wie gehabt: die Dialoge sind nur auf Zwischentiteln zu lesen, eine durchgehende instrumentale Musikspur untermalt das Geschehen. Lediglich die Musiknummern sind synchronisiert. Das Premierenpublikum soll darauf eher gelassen reagiert haben. Hauptdarsteller Al Jolson rettete die Situation. Zwischen zwei Gesangsnummern improvisierte er eine kurze Anmoderation, die heute Legende ist: „Wait a minute, you ain’t heard nothing yet …“. Hatte der Saal die Chorgesänge der jüdischen Gemeinde noch nicht als technische Innovation bewertet, auch nicht den Sologesang Jolsons, so war der kurze ungeplante Anblick eines sprechenden Menschen auf der Leinwand wirklich ein starkes Stück. Eine leichte Unruhe brach aus – endlich! Das war ein gutes Zeichen. Der Rest des Films soll blendend angekommen sein – und angeblich hatten nicht wenige den Wunsch, diesen 20sekündigen Beginn einer neuen Ära gleich noch mal zu erleben.

Nun hatten sie alle miteinander den Salat: die zuletzt sehr eleganten und ambitionierten stummen Filme wurden durch die Schwierigkeiten der hinzukommenden Tonaufnahmen behindert und künstlerisch zurückgeworfen. Viele Karrieren zerbrachen, denn das Volk mochte mitunter die Stimme eines Filmstars nicht oder konnte sich schlichtweg nicht daran gewöhnen ihn oder sie auch zu hören. Hinzu kam, dass viele der Schauspieler eher Pantomimen waren, einen ausländischen Akzent, einen Sprachfehler oder schlichtweg eine Fistelstimme hatten.
Es endete der Starruhm für melodramatische Göttinnen wie Gloria Swanson – die das nachher in dem Klassiker „Sunset Boulevard“ aufarbeiten konnte – für Komiker wie den poetisch-handfesten Buster Keaton – der immerhin seine späte Wiederentdeckung noch erleben durfte – für Regisseure wie den gigantomanischen Erich von Stroheim – der ins Schauspielerfach wechselte. Charlie Chaplin, der erste Weltstar des Kinos, brauchte über zehn Jahre, bis er es über sich brachte, einen richtigen Sprechfilm vorzulegen (- „He Talks!“ lautete der Werbeslogan). Und nur er hatte sich überhaupt erlauben können, nach 1928 noch zwei Stummfilme zu produzieren. Wirklich ohne die geringsten Probleme überstanden nur Laurel & Hardy den Umbruch.

Die Mühen dieser Übergangszeit wurden 1951 in dem Musical „Singin‘ In The Rain“ verarbeitet, das Kennern als die Spitzenleistung des Filmmusical-Genres gilt – und als eine der besten Komödien der 50er Jahre. Der Film ist historisch sauber, bis auf ein Detail: das nachträgliche Synchronisieren einer schrillstimmigen Diva war technisch noch nicht möglich.

Für die Zuschauer ist der 6. Oktober ein Feiertag. Nie wieder hat sich eine saturierte Unterhaltungsindustrie derartig überschlagen, um ihren Fans einen lange überfälligen Komfort zu verschaffen.

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