Die große Eröffnung

betr.: Der abgeschlossene Roman

Aus dem unveröffentlichten Jugendbuch „Ich will ja gar nicht mitspielen“, das eine westdeutsche Jugend in den frühen 80er Jahren beschreibt.

Es ging auf Mitte März zu, da war die Hütte, an der wir so lange gearbeitet hatten, endlich fertig. Sie stand auf dem mit Büschen und Brombeergestrüpp überwucherten Brachland unweit des Industriehafens. Die Rostocker Straße lief ein paar hundert Meter daran entlang, bis sie sich in einer jähen Kurve dem Wasser zuwandte. Jenseits der Rostocker breitete sich das Blechschmitt-Ufer aus – mit Laderampen, rußig-rostigen Hallen und Kränen. Den Vormittag über waren Hafen und Brachland vom Dunst wattig eingehüllt gewesen, aber zum Mittag hin hatte ein flotter Westwind den Nebel auseinandergepustet. Jetzt tropfte es von den Zweigen, alle Knospen sahen blass und abgeleckt aus, und das nahe gelegene Wäldchen rücke, so kam es mir vor, sanft-schwärzlich auf mich zu.
Ich stand da und beobachtete Sigi, die versuchte, ein Schild über der Tür anzunageln. Sie hämmerte, fluchte zwischendurch und diskutierte halblaut mit dem Hammer – vielleicht waren es auch die Nägel. Sie hatte schwarze Haare, trug eine Brille und war irgendwie ein bißchen unsere Kommandora – ohne dass das jemals irgendwer in Frage gestellt hätte. Im Gegenzug verrichtete sie auch Tätigkeiten, bei denen sich andere auf ihren Mädchenstatus zurückgezogen hätten – was Sigi nie in den Sinn kam. Sie bildete sich etwas darauf ein, dass sie schon vierzehn war, also ein Jahr älter als wir anderen.
Ich hatte drei Colaflaschen im Arm. Die hatte ich in der Rostocker geholt und aus Freude darüber, dass wir heute endlich einziehen konnten, von meinem Taschengeld bezahlt.
„Mann, Sigi“, sagte ich ungeduldig, „du brauchst vielleicht lange für die paar Nägel! Nu klopp doch mal richtig drauf!“Sie stieß ein Knurren aus. „Einfach draufloskloppen – dafür sind mir meine Finger zu schade – Mist! Jetzt hab ich den Nagel verbogen! Ach, der wird schon halten! Das Schild ist ja keine Leuchtreklame. – Das wär’s! Na, was sagst du dazu?“
Sie stieg von ihrer Kiste und kam zu mir herüber, so dass wir beide freie Sicht hatten.
„Hmmm – sieht nicht übel aus. Das Schild hat Hubus prima hingekriegt.“
„Palais Bruchbude“ stand drauf.
Sigi grinste. „Vom Beschriften versteht er mehr als vom Zimmern! … Wo ist er überhaupt?“ – „Drinnen. Er pinnt noch ein Plakat an.“
Sigi zog an der Tür. Unter behäbigem Knarren öffnete sie sich.
„Dafür braucht man ja einen Landrover mit Abschleppseil. Muß mal geölt werden. He, Hubus, großer Pinselvogel – komm raus!“
Hubus – niemand sagte Hubertus zu ihm, wie es sich gehört hätte – hatte ein ovales Gesicht, dunkle Augen, und die braunen Haare wuchsen ihm über die Ohren.
„Na, biste nu fertig?“ fragte er Sigi.
„Klar! Woll’n wir ‘ne Flasche Cola kaputtschmeißen, wie bei einer Schiffstaufe?“
„Lieber nicht!“ mahnte Sigi. „Wer weiß, ob wir unsere Immobilie damit nicht umhusten.“ Dann freute sie sich über ihren goldenen Humor.
Hubus lachte nicht mit. Sein kleiner rotbrauner Setter, der in der Nähe herumgelegen und an einem Stock geknabbert hatte, rannte plötzlich bellend auf die Sträucher zu. Hubus rief: „Godzilla! … Hierher! … Godzilla!“
Aber Godzilla hörte nicht. Er hatte eine Ratte entdeckt, gegen deren Tempo er natürlich nichts aufzubieten hatte.
„Flasche dranschmeißen is also nich!“ sagte ich. „Wißt ihr was? Wir schwenken sie und zischen einen Strahl Cola drüber. … Hier, jeder nimmt eine!“
Sigi nickte. „Gut – machen wir’s so! Und du hältst eine kleine Festansprache!“
Ich tat so, als wäre ich überrascht. „Warum ich? Alles, wozu ihr zu dämlich seid, muß ich machen! Aber, ich hab mir schon sowas gedacht … und mir was aufgeschrieben!“
Ich zog einen Zettel aus meiner Parkatasche und räusperte mich. „Also: Wir haben uns hier zusammengefunden, um dich heute einzuweihen, kleines Haus. Wochenlang haben wir Stein auf … ach, Quatsch! … haben wir Brett an Brett genagelt, haben dich zusammengesucht, überall, in Kellern und auf Speichern, sogar den Sperrmüll haben wir nicht geschont, um dich hier aufzubauen. Auf dem Brachland am Blechschmitt-Ufer. Hier ist es so trostlos und einsam, dass uns schon niemand stören wird. Kleines Haus, wir taufen dich auf den Namen ‚Palais Bruchbude‘!“
Und das taten wir. Dann schwenkten wir die Flaschen, prosteten einander zu und tranken.
„Bravo, Montenheimer!“ lobte mich Sigi. „Deine Ansprache war klasse!“
„Ja, richtig feierlich!“ bestätigte Hubus. „Was kommt jetzt? Der Einzug?“
„Klar doch – gehn wir rein … Wartet! Da kommt Godzilla angewetzt!“
Hubus besann sich auf seine Erziehungsverantwortung. „Dein Glück, dass du die Ratte von eben nicht im Maul hast!“ schimpfte er. „Los, rein mit dir!“
Da saßen wir nun in unserer Bude: Sigi auf einem wackeligen Stuhl mit zerfranstem Strohsitz, Hubus auf einem kurzbeinigen Hocker, der mit abgewetztem Samt bespannt war, und ich kauerte mit angezogenen Beinen auf einem alten schwarzen Kissen, auf das hellblaue und gelbe Blumen aufgestickt waren. Für Godzilla war eine leere Obststeige vorgesehen, die Hubus mit den Resten einer Wolldecke ausgepolstert hatte.
Auf dem Boden lagen verschiedenfarbige Teppichreste. Den meisten Platz beanspruchte der Tisch. Durch das kleine Fenster fiel etwas Licht herein. Wenn man sich direkt darunter setzte, reichte es sogar zum Lesen. Heute natürlich gerade nicht, denn es war zu trüb draußen. Im Grunde war es damals eigentlich nur trüb.
Wir hatten die Hütte aus Kistenbrettern, Sperrholz und Presspappe zusammengezimmert. An den Wänden hingen Poster aus der BRAVO, Bilder aus der Fernsehzeitung und eine bräunliche Fotografie mit einer etwas mollig geratenen nackten Frau auf einem Stuhl. Die Zeiger unserer alten Kastenuhr waren vor langer Zeit auf zwanzig Minuten nach vier stehengeblieben. Das Prunkstück jedoch war eine lädierte Schaufensterpuppe, die in ihrer Glanzzeit für Herren-Skimode geworben hatte. Ein Rest von ihrem sexy Glamour war noch zu sehen, aber ich glaube nicht, dass das einem der anderen aufgefallen ist. Ein Arm fehlte, das sah echt antik aus. Und wir hatten ihr sogar etwas zum Anziehen aufgetrieben: ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ohio Panther“.
Sigi blickte beständig nickend in das Rund des Raumes. „Is doch prima, eine eigene Bude zu haben, Leute. Für den Anfang haben wir uns doch ganz manierlich eingerichtet. Is nich pompös, aber immerhin … Naja, der Tisch nimmt’n bißchen zu viel Platz weg.“
„Jetzt fang bloß nicht an zu meckern!“ sagte ich. „Du machst den großen Moment kaputt!“
Hubus unterstützte mich: „Ich bin richtig stolz auf uns!“
„Unser bestes Stück ist Ohio“, sagte ich. „Der macht den Raum erst so richtig gemütlich!“
Sigi grinste. „Wenn ich noch dran denke, wie ich den im Hof vom Kaufhaus Fries geklaut habe!“
„Geklaut?“ fragte Hubus zweifelnd. „Die hatten ihn doch weggeschmissen. Er hat ja nur noch einen Arm, und ein bißchen fußkrank ist er auch.“
„Ja, schon. Trotzdem ist da einer von den Friesewillis angekommen und hat mir irgendwas nachgebrüllt. Die Leute auf der Straße haben ganz schön gelacht, als ich mit der Puppe losgesaust bin!“ – Wie gesagt: Sigi war immer gut für eine echte Männersache.

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„Und jetzt kuckt Ohio durchs Fenster, genau aufs Blechschmitt-Ufer rüber“, sagte sie leicht versonnen.
„Ich weiß auch, warum!“ ergänzte Hubus. „Der will bei Noffke einen picheln.“
Und dann sagten wir eine Weile lang nichts. Ich glaube, jeder von uns hatte die gleiche Theorie, warum Ohio da rausschaute, und das hatte nicht den Grund, den Hubus angeboten hatte.
Das muß Sehnsucht gewesen sein.
Und die hatten wir jetzt auch: Sehnsucht.
Ich glaube, wir vier fühlten uns ein bißchen leer, weil die Hütte ja jetzt fertig war. Und es hätte uns so passen können, dass jetzt etwas Aufregendes passiert wäre. Dass jetzt eine Krimihandlung anfing, wie bei „Fünf Freunde“ von Enid Blyton oder den drei Fragezeichen.
Schade, dass jetzt kein verdächtiger Wagen draußen vorbeifuhr, hinter dem die Polizei her war, und dessen Fahrer deshalb schnell ein geheimnisvolles Päckchen aus dem Fenster warf, dass wir dann finden würden.
Oder dass es plötzlich an der Tür klopfte und ein verzweifelter Fremder uns um Hilfe bat. Ein Mann, der auf der Flucht vor Strandpiraten war und der uns kurz vor seinem Tode – ein Messer steckte nämlich zwischen seinen Schulterblättern – noch einen geheimnisvollen Code zuflüstern konnte, den wir auf keinen Fall vergessen dürften, um ihn später zu entschlüsseln …
Jaja, schon gut.
Kinder, die einen Schmugglerring hochgehen ließen, die gab es eben doch nur im Fernsehen.
Wir sahen einander verstohlen an, als wollten wir zueinander sagen: mit euch ist einfach nichts anzufangen, ihr halbstarken Nasen. Naja, immerhin haben wir zusammen diese Hütte gebaut.
Plötzlich brach Hubus das Schweigen. Er erhob sich und sagte: „Ich glaube, jetzt bin ich an der Reihe, eine Runde Cola auszugeben. Ich bin gleich wieder da. Und dann überlegen wir uns, wo wir ein Transistorradio herbekommen.“
Das fand ich total nett von ihm.

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Eine Antwort auf Die große Eröffnung

  1. Edeltraud Bartzen sagt:

    Monty Arnold ’s Beiträge sind interessanter als manche Fernsehsendung…

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