„Ich brauch’ Zigaretten, ich brauch rotes Licht!“

betr.: Walter Jurmann zum 111. Geburtstag

Der Hinweis darauf, wie wichtig die europäischen und russischen Einwanderer für das kulturelle Leben der USA im 20. Jahrhundert gewesen sind, klingt etwas banal, wenn man sich klarmacht, dass dieses Land ohnehin praktisch nur aus Ausländern besteht. Vor allem in musikalischer Hinsicht ist er nicht von der Hand zu weisen. Während die Nachfahren der afrikanischen Negersklaven schon Ende des 19. Jahrhunderts daran gingen, den ersten ur-amerikanischen Sound aus ihrem Idiom zu entwickeln – etwas, das seit den 20er Jahren Jazz heißt –, wurde die kompositorische Seite der modernen amerikanischen Musik von hauptsächlich russischstämmigen Juden besorgt: im Konzertsaal von Aaron Copland, George Gershwin, Leonard Bernstein, am Broadway von Irving Berlin, und wiederum George Gershwin und Leonard Bernstein, in Hollywood von Meistern wie Erich Wolfgang Korngold, Alex North und Bernard Herrmann.

Und einige von ihnen kamen aus Berlin: Franz Waxman, Werner Richard Heymann, Bronislaw Kaper, Mischa Spoliansky, Friedrich Hollaender – und Walter Jurmann. Nicht selten wuchsen diese Talente in der Neuen Welt über sich selbst hinaus.

Wien und Berlin

Für Walter Jurmann begann dieser Weg in Wien, wo er 1903 als zweiter Sohn in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren wurde. Seine Eltern wünschten sich für ihren Sohn – wie sich das gehört – einen „anständigen Beruf“, und ihnen zuliebe studierte er ein bisschen Medizin. Doch des Abends zog es ihn in die Oper, und schnell freundete er sich mit den Musikern an, die dort tätig waren. Wären es Jazz-Musiker gewesen, hätte man das, wobei sie den jungen Kunstfreund mitspielen ließen, als „Jam-Session“ bezeichnet. Dadurch wurde ein Hotelier auf ihn aufmerksam, der ihn als Barpianisten einstellte. Das gab ihm den nötigen Schub, das Medizinstudium aufzugeben und sich endgültig als Künstler zu begreifen. Dass so berühmte ältere Kollegen wie Richard Strauss ihn gelobt und ermuntert haben, hat ihm unzweifelhaft viel bedeutet, wichtiger aber war seine Begegnung mit zwei Kollegen seiner Generation: dem Warschauer Komponisten Bronislaw Kaper und dem Textdichter Fitz Rotter. Rotter – Autor solcher Unverwüstlichkeiten wie „Was macht der Meyer am Himalaya?“ – schlug den Umzug nach Berlin vor, denn diese Stadt lief zwischen beiden Weltkriegen Wien als Musikmetropole tüchtig den Rang ab. Schon kurz vor dem Beginn der Tonfilmära konnten sich Jurmann & Friends in der Schlagerbranche etablieren, und bald ertönten ihre Arbeiten auch von der Leinwand herunter – aus den Kehlen von Oskar Karlweis, Jan Kiepura oder Hans Albers. In diese Phase fällt Jurmanns größter Evergreen: „Veronika, der Lenz ist da“ mit den Comedian Harmonists.

Ein typischer Hans-Albers-Filmtitel jener Tage ist „Heut’ kommt’s drauf an“, und hier hörte man zum ersten Mal „Mein Gorilla hat ’ne Villa im Zoo“. 60 Jahre später sang Max Raabe dieses Lied auf dem Soundtrack-Album zu „Der bewegte Mann“ – nicht im Film. Für die englische Synchronfassung des Films, „Maybe … Maybe Not“ wurde dann sogar noch eine englischsprachige Fassung nachgelegt.

Ein weiterer wichtiger Jurmann-Originalinterpret der frühen Jahre war der Leinwand-Tenor Jan Kiepura. Im Film „Ein Lied für Dich“ gab es zwei Jurmann-Evergreens: „O Madonna“ und eine Ode an die oft besungene Kurtisane Ninon – typische Beispiele für das Erfolgsgespann Jurmann / Kaper / Rotter.

In den ersten Jahren des Tonfilmzeitalters war es noch Usus, verschiedensprachige Filmfassungen für andere Teile des Weltmarktes zu drehen, üblicherweise in den gleichen Kulissen und, wenn es sich sprachlich irgendwie einrichten ließ, auch mit der gleichen Besetzung. Der heute unglaubliche aber damals zwingende Grund: Synchronfassungen waren nicht möglich – der Timecode war noch nicht erfunden. Auf der Achse Frankreich / Deutschland gab es eine Vielzahl solcher Parallel-Verfilmungen, nicht selten Tonfilm-Operetten: „Abenteuer am Lido“ bzw. „Le chant du destin“, „Ein Lied für dich“ bzw. „Tout pour l’amour“, „Ich will dich Liebe lehren“ bzw. „L’homme qui ne sait pas dire non“ – oder „Die drei von der Tankstelle“ / „Le chemin du Paradis“ vom Erfolgsduo Werner Richard Heymann / Robert Gilbert. Walter Jurmann gewöhnte sich so von Anfang an daran, für internationale Bedürfnisse zu schreiben. Das zahlte sich aus!

Nach Hollywood

Als in Deutschland etwas heraufdämmerte, was unverbesserliche Optimisten für einen rasch vorüberziehenden „brauen Spuk“ hielten, verließ er Europa zusammen mit Bronislaw Kaper – nicht als Flüchtling, sondern als begehrter „Tunesmith“ für Hollywood. Louis B. Mayer, der legendäre MGM-Vorsitzende, hatte ihn in jenes sagenhafte Land gerufen, wo überall Orangenbäume in der Gegend herumstehen, die jeder im Vorbeigehen ernten darf. So wurde aus dem Schlagerkomponisten Walter Jurmann ein Songschreiber.

Im gleichnamigen MGM-Film von 1936 sang Jeanette McDonald erstmals „San Francisco“ – als Aufmunterung für die Bewohner der gleichnamigen Stadt, die das große Erdbeben von 1906 soeben in Schutt und Asche gelegt hatte. Dieser Song ist ein Ergebnis der fortgesetzten Arbeit mit Bronislaw Kaper. (Seit einer Abstimmung auf einem Volksfest im Jahre 1984 ist der Song übrigens die offizielle Hymne dieser Stadt – als Ablösung für das 1969 inaugurierte „I Left My Heart In San Francisco“.)

Kaper sollte in Hollywood den Weg des Schöpfers sinfonischer Partituren einschlagen, solcher Film- und Soundtrack-Klassiker wie „Meuterei auf der Bounty“, „Telefon Butterfield 8“, „Lord Jim“ oder „Die Gebrüder Karamazov“. Er schrieb auch ein paar hinreißende Ballett-Filmmusiken für MGM, darunter den Evergreen „Lili“.

Jurmanns aus heutiger Sicht prominenteste US-Originalinterpretin war Judy Garland. In „Everybody Sing!“ von 1938 ist sie noch nicht die unangefochtene Heldin – u.a. die legendäre Komikerin Fanny Brice ist hier noch mit von der Partie. Wer das möchte, kann Judys „Down On Melody Farm“ als Vorahnung jener Farm in Kansas betrachten, von der aus Judy Garland im Jahr darauf in das Land über dem Regenbogen gestartet ist, zum „Wizard Of Oz“ – und in den Weltruhm. Dieses nun folgende Lied sang sie als Minstrel Act – also in mehrfacher Hinsicht noch in schwarz-weiß. Allan Jones sang im gleichen Film Jurmanns “Cosi, Cosa”, den er schon in „A Night At The Opera“ vorgetragen hatte, welchen viele Experten für den besten der Marx Brothers halten.

Zwischenspiel im Musical

Das Jahr 1946 hätte ein ganz besonderes im Leben von Walter Jurmann werden sollen, denn mit der Premiere eines Bühnenmusicals erfüllte er sich einen langgehegten Wunsch. Der in den 50ern und 60ern mehrfach oscarprämierte Paul Francis Webster schrieb die Songtexte für eine Show, die nach mehreren Umbenennungen schließlich „Windy City“ hieß und neben dem titelgebenden Chicago auch in New Haven, Philadelphia und Boston aufgeführt wurde. Die überlieferte Einschätzung ist, das Libretto habe alles verdorben. Um am Broadway präsentiert zu werden, hätte Philip Yordan sein Werk noch einmal überarbeiten müssen, doch er wurde nach Hollywood gerufen, und der Deal platzte. Diese persönliche Niederlage förderte Jurmanns wachsenden Wunsch, sich aus seinem Beruf zurückzuziehen. Finanziell war er ohnehin längst vollkommen unabhängig. Nichtsdestotrotz: Für ihn sollte das Beste noch kommen!

Im Jahre 1953 lernte der Komponist auf einer Party, die ihn als Hausmusiker am Klavier erlebte, die junge Modedesignerin Yvonne Jellinek kennen, die vor einigen Jahren in die Staaten gekommen war. Eine Liebhaberin seiner Musik war sie schon lange – ohne freilich den Namen des Komponisten gekannt zu haben – und nun wurde sie seine Frau. Walter und Yvonne bereisten gemeinsam Europa, so auch das vom Krieg noch sichtlich mitgenommene Wien, dessen Anblick den Komponisten sehr erschütterte. Auf einer weiteren Europareise, die das Paar 1971 u.a. nach München und Wien führen sollte, starb Walter Jurmann überraschend in Budapest an einem Herzinfarkt.

Yvonne Jurmann lebt in Los Angeles und öffnet ihr Heim gerne für Fans, Interpreten (wie Max Raabe) und Exegeten ihres Mannes. Aber ist es denn in Los Angeles wirklich so viel schöner als in Hamburg oder Berlin, habe ich sie ungläubig gefragt (mit leichter Mehrbetonung auf Hamburg). „I love it!“ antwortete sie.

Dieser Text basiert auf einem unrealisierten Radiofeature.

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