Eine Abkürzung zum Jazz (2): Der New-Orleans-Jazz (1900 – 1925)

betr.: „Schwarzer Freitag“ / Neuere Musikgeschichte

Diese Serie basiert auf meinem Unterricht „Musicalgeschichte“°.

Heute vor 85 Jahren ereignete sich mit dem „Schwarzen Freitag“ der klassische Börsencrash an der Wall Street, der die Weltwirtschaftskrise und die „Große Depression“ auslöste. Er beendete außerdem – 67 Tage zu früh – jenes Jahrzehnt, das je nach Standpunkt „Die Goldenen 20er“, „The Roaring Twenties“ oder „The Jazz Age“ genannt wird. Letzterer Begriff geht auf die neue Musikrichtung zurück, die in dieser Zeit in der Alltagskultur ankam.
Heute wird die zweite Stilrichtung näher betrachtet, die zu diesem Phänomen gehört.

In New Orleans entstand nicht nur der zuletzt behandelte Ragtime sondern auch die die „weiße“ Blaskapelle. Sie bestand in der Regel aus drei Melodie- (Trompete, Klarinette, Posaune) und einer Reihe von Rhythmus-Instrumenten (Klavier, Schlagzeug, Gitarre oder Banjo, Tuba oder Kontrabaß). Innerhalb der melodischen Abteilung besitzt die Trompete die Führungsrolle und wird von der Klarinette ständig umspielt, während die Posaune eine ruhigere Gegenstimme beisteuert. Die Rhythmusgruppe bietet neben dem Beat die harmonische Stütze für deren polyphones Spiel. Im New-Orleans-Jazz werden entweder alle Taktzeiten gleichzeitig betont oder der erste und dritte Schlag etwas hervorgehoben. Im Gegensatz zum ausnotierten Ragtime wird nun durchgehend improvisiert, und zwar charakteristischerweise von allen Musikern gleichzeitig.
Diese „Kollektiv-Improvisation“ ist bei der klassischen Beerdigungszeremonie dieser Stadt zu beobachten, bei der eine Band mitläuft: der Weg zur Beisetzung ist schleppend, ein rechter Trauermarsch, der Rückweg vom Friedhof und zum Leichenschmaus eine fetzige Angelegenheit, die dem Umstand Rechnung trägt, das der oder die Verstorbene sicher lieber mit den anderen gefeiert als geweint hätte. In leicht verfremdeter Form läßt sich das in der Eröffnungssequenz des James-Bond-Filmes „Live And Let Die“ hören und erleben.

Ab 1917 wanderten die Musiker nach Chicago aus, wo der New-Orleans-Jazz seine Glanzzeit erlebte. Schon seit 1910 ahmten weiße Musiker diesen Stil nach – der „Dixieland“ entstand. Noch waren schwarze und weiße Musiker strikt in unterschiedlichen Formationen organisiert.
Der prominenteste Vertreter dieser Jazz-Stilrichtung – und vielleicht der populärste Jazzer (sprich: Jatzer) überhaupt – ist „Satchmo“ Louis Armstrong, für dessen unwiderstehliche Wirkung seine besondere Art sorgte, die Trompete zu spielen, seine witzige Reibeisenstimme (mit der er den Scat-Gesang kultivierte) und sein knuffiges Erscheinungsbild. Als erster Künstler schwarzer Hautfarbe überhaupt wurde er zu einem internationalen Idol des weißen Publikums und des Medienzeitalters. Die damit einhergehende gesellschaftspolitische Vorarbeit kann nicht hoch genug geschätzt werden. Bis zuletzt blieb ihm auch der kommerzielle Erfolg treu – mit „Hello, Dolly“ (1964), „What A Wonderful World“ (1968) und dem James-Bond-Song „We Have All The Time In The World“ (1969). 1971 hörte er, wie es klingt, „When The Saints Go Marching In“.

(Fortsetzung folgt)


° Hierbei leistete mir das Standardwerk von Joachim-Ernst Berendt große Dienste: „Das Jazzbuch“

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