Der die Römer das Spinnen lehrte

betr.: René Goscinny zum 37. Todestag

51 ist ein gefährliches Alter für Männer, die nicht ausreichend auf sich achten. Die Schauspieler James Gandolfini und Dirk Bach verließen uns kurz hintereinander zur allgemeinen Überraschung und Bestürzung. Stieg Larsson – bald darauf ein international gefeierter Autor – starb, weil sein Herz den eiligen Fußweg durchs Treppenhaus nicht mitmachte, als der Fahrstuhl an an einem heißen Tag streikte. Der „Tatort“-Ermittler Eberhard Feik überlebte ein Belastungs-EKG nicht – und so war es auch bei René Goscinny, der den meisten nur als Texter der Asterix-Comics geläufig ist. Heute liegt das letztgenannte traurige Ereignis genau 37 Jahre zurück.
Erst kürzlich hat sich auch Albert Uderzo aus der (zuletzt sehr vereinzelten) aktiven Arbeit an „Asterix“ zurückgezogen – 35 Jahre zu spät, wie selbst seine größten Bewunderer hinter schlampig vorgehaltener Hand zugeben. Nach dem Ableben ihres Texters und Szenaristen (gewissermaßen der Bildregisseur einer Geschichte) ist jener niveauvolle Witz aus der Serie verschwunden, dem sie ihren legendären Status verdankt. Was soll’s – auch die übrig gebliebene Selbstparodie hat sehr gutes Geld eingespielt.

Doch René Goscinny gestaltete den französischen Comic nicht nur Künstler. Das von ihm mitbegründete und zeitweilig geleitete Comic-Magazin „Pilote“ war eine der Säulen des franco-belgischen Comic-Standortes, der für europäische Leser nach dem Krieg der wichtigste und attraktivste war. (Später drängten sich die USA etwa auf Parallelhöhe hinauf, mittlerweile dürfte Japan den Spitzenplatz innehaben.)
Von Leserbefragungen, wie sie in den übrigen Magazinen üblich waren, hielt er nichts: „Der Chefredakteur muss den Lesern vorangehen!“
Im „Pilote“ begannen die Karrieren von Tardi, Claire Bretécher und Bilal – sie und einige andere lehnten sich später gegen Goscinny auf, dessen Spektrum ihnen zu eng erschien. Vereinfacht gesagt, war es ein Streit um die Definition der Zielgruppe und einer zwischen zwei Generationen. Immerhin gab es bald darauf noch ein weiteres gut gemachtes Magazin, das sich nun um die Abteilung „Comics für Erwachsene“ kümmerte: „Métal hurlant“. Dessen Gründungsmitglieder und wichtigste Künstler wären aber ohne die frühe Förderung René Goscinnys nicht denkbar gewesen.

Aber all das ist weit weg. Hier soll nur kurz auf die vier übrigen seiner Serien eingegangen werden, die es neben „Asterix“ noch gibt. In den letzten Jahren hat „Der kleine Nick“ Kinokarriere gemacht, eine Prosa-Reihe Goscinnys, die der Cartoonist Sempé illustriert hat. Die in der US-Pionierzeit spielenden Abenteuer des Indianers Umpah-Pah und seines weißen Freundes „Doppelskalp“ (Zeichnungen von Uderzo) sind heute nur noch nostalgischen Comic-Fans geläufig. Seit langer Zeit ein richtiges Medienereignis ist hingegen der Westernheld „Lucky Luke“. In dieses Projekt des Zeichners Morris stieg der Texter 1955 ein – die beiden kannten sich aus der Zeit, die Goscinny in New York zugebracht hatte. „Lucky Luke“ war der Grund für ihn, sich allein auf das Schreiben zu verlegen. „Er ging immer nur den leichten Weg“, sagte Morris rückblickend über den Zeichner Goscinny. „An die schwierigen Sachen wagte er sich nicht heran.“

Goscinny
Goscinnys Vater (unten rechts) war 1927 mit Frau, Tochter und einjährigem Söhnchen René aus Paris nach Argentinien gegangen, um dort für die Jewish Colonization Association zu arbeiten, die landwirtschaftliche Kolonien in Palästina und Südamerika gründete, um osteuropäischen Juden eine neue Heimat zu schaffen. In Goscinnys Werk spielt das Judentum vordergründig nie eine Rolle.

Und dann ist da noch „Isnogud – der bitterböse Großwesir“, eine Geschichte, die auf eine Episode des „kleinen Nick“ zurückgeht. „Isnogud“ steht hinter hinter diesem, hinter „Lucky Luke“ und dem alles überstrahlenden „Asterix“ rettungslos im Schatten. Während die Abenteuer um die beiden wehrhaften Gallier auch von Pädagogen gelobt (und angeblich sogar gelesen) werden, da sie historisch so sauber recherchiert und mit lateinischen Zitaten garniert sind, während der historisch wesentlich freiere „Lucky Luke“ immer noch stilecht bleibt und z.B. mit sensationellen Gaststar-Auftritten der Zeitgeschichte aufwartet, ist „Isnogud“ der reine Blödsinn, der bare Unfug. Der von Tabary gezeichnete alte Orient ist nur ein Vorwand, um uns unsere realen Torheiten vor Augen zu halten: die der Gegenwart, die des Abendlandes, die der kapitalistischen Medien- und Konsumgesellschaft.

Nie habe ich beim (immer Wieder-)Lesen eines Comics so oft und ausdauernd gelacht wie bei den prinzipiell vergeblichen Versuchen des „zweiten Mannes im Staat“, den schlichten aber gutmütigen Beherrscher der Gläubigen Harun-al-Pussah um die Ecke zu bringen, um selbst „Kalif anstelle des Kalifen“ zu werden. Wer die Zeichentrick-Abenteuer um „Karl, den Coyoten“ aus dem Ensemble um das pubertierende Kaninchen Bugs Bunny gesehen hat, kennt das Prinzip: man lacht nicht so sehr aus Überraschung sondern über das vorhersehbar Unausweichliche. Dieses immer wieder frisch neu zu konzipieren, ist die große Kunst. Goscinny tut das scheinbar Kinderleichte: er reiht Kalauer an Kalauer, aber man lacht nie unter Niveau. Hin und wieder erklingen Sätze, die auch ohne den haarsträubenden Zusammenhang ihre Botschaft behalten: „Besonders die Kinder der Wüstennomaden freuen sich auf den Strandurlaub. Endlich können sie den ganzen Tag zelten und im Sand spielen.“ oder „Ich habe die Nase voll von diesem Doppelgänger, der niemandem ähnlich sieht!“

Nicht mehr lange, und die gleichen schlichten Gemüter mit dem goldenen Herzen, die schon den „Negerkönig“ aus den Kinderbüchern der Astrid Lindgren radiert haben, werden auch „Isnogud“ aus unseren Büchereien / Bibliotheken / Kinderzimmern entfernen, denn neuerdings darf auch hierzulande über nichts mehr gelacht werden, was jene unkomisch finden könnten, die bei uns zu Gast sind.
Man sollte sich dieses Lesevergnügen also gönnen, solange es noch geht! Am besten mit den frühen Bänden – denn auch „Isnogud“ wurde nach dem Tod des Texters vom Zeichner allein fortgesetzt.

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