Bart Simpsons siamesischer Zwilling

betr.: Kurzgeschichte von Richard Matheson

In der Sommerausgabe 1950 des „Magazine Of Fantasy And Science Fiction“ trat ein Autor auf den Plan, der nicht nur das lesende Publikum in den nächsten Jahrzehnten beschäftigen sollte, sondern auch das Kinopublikum bzw. die Zuschauer der TV-Serie „The Twilight Zone“ und der „Simpsons“-Halloween-Specials: Richard Matheson°. Seine erste Kurzgeschichte „Born Of Men And Women“ ist wie ein Tagebuch aufgebaut, obwohl die leidende Kreatur, die hier zu uns spricht, des Schreibens sicher nicht mächtig ist – und das ist nicht der einzige stilistische Kniff. Dieses Menschenkind, das auf „allen Beinen“ an den Wänden und der Decke herumlaufen und „grün verspritzen“ kann, ahnt etwas langsamer als wir, dass ihm Unrecht geschieht.
Die Horror-Elemente der Geschichte lagen damals gewissermaßen in der Luft: Es war die Zeit des Kalten Krieges, der Angst vor einem Atomkrieg – Gefühle, von denen wir noch vor Kurzem gedacht hätten, sie seien überzogen oder doch wenigstens überholt. Unser Blick auf das Kind in Bedrängnis hingegen ist allem Anschein nach in den letzten Jahren sensibler geworden.
Das deutsche Publikum bekam den Text 1965 unter dem wertenden Titel „Das Ungeheuer“ zu lesen. Ich möchte Ihnen heute eine neue Übersetzung vorstellen.

Ausgeburt von Menscheneltern“

Von Richard Matheson
Übersetzt von Monty Arnold

Heute, als es hell wurde, hat Mutti „Monster“ zu mir gesagt. „Du Monster“ hat sie gesagt. Ich sah den Ärger in ihrem Blick. So ein Monster muß etwas ganz Schlimmes sein, glaube ich.
Heute ist Wasser vom Himmel gefallen, überallhin. Ich habe es gesehen. Die Erde hinter dem Haus konnte ich durch das kleine Fenster beobachten. Sie hat das ganze Wasser aufgesaugt wie ein durstiger Mund. Sie hat zuviel getrunken. Wurde ganz dunkelbraun und lief über weil ihr schlecht geworden ist. Ich fand das nicht schön.
Mutter ist eine schöne Frau; das weiß ich. In dem kleinen Raum mit den kalten Wänden, in dem mein Bett steht, habe ich Papiere versteckt, die ich gefunden habe … hinter dem Heizkessel. Das sind Filmstars, hat Vater gesagt. Und die sind hübsch, hat er gesagt. Und Mutter ist auch hübsch, sagt er. Mutter so hübsch … und ich …?! „Sieh dich an!“ hat Vater gesagt und machte ein ganz fieses Gesicht dabei. „Du bist Gottes Strafe für unser Spiel mit den Genen!“ Weiß nicht, was er damit meint. Ich habe seinen Arm berührt und gesagt: „Ist doch nicht so schlimm, Vater!“ Er hat sich geschüttelt, und auf einmal war er so weit weg, dass ich ihn nicht mehr anfassen konnte.

Heute hat Mutter mich ein bisschen von der Kette gelassen. So konnte ich durch das kleine Fenster kucken … und sehen, wie das Wasser vom Himmel fiel.
Heute war der Himmel golden. Als ich da raufsah, taten mir die Augen weh. Danach sah der Keller ganz rot aus.
Ich glaube, heute war Kirche. Sie sind oben weggegangen. In die große Maschine gestiegen und verschwunden. Hinten saß die kleine Mutter. Sie ist viel kleiner als ich.
Ich kann eine ganze Menge sehen, wenn ich durch das Fenster kucke. Fast alles, was ich möchte.
Als es heute dunkel wurde, habe ich nach dem Abendbrot noch ein paar Käfer gegessen. Oben habe ich sie lachen gehört. Ich wollte so gerne wissen, warum sie gelacht haben. Ich machte die Kette von der Wand los, habe sie um mich herumgewickelt und bin zur Treppe gegangen. Die Stufen machen so Geräusche, wenn man drauftritt. Meine Beine rutschen weg, weil ich sonst nicht auf Stufen gehe. Meine Füße können nicht auf Stufen gehen.
Ich bin nach oben gegangen und habe eine Tür aufgemacht. Dahinter war alles weiß … wie die Edelsteine, die manchmal vom Himmel fallen.
Ich bin reingegangen und war ganz ruhig. Das Lachen kam näher. Es war jetzt viel lauter. Ich bin dem Geräusch nachgegangen und habe jetzt Menschen gesehen … mehr Menschen, als ich gedacht hatte. Ich dachte, ich sollte mit Ihnen lachen.
Ich glaube, Mutter hat sich erschreckt. Sie kam zu mir und stieß die Tür zu. Sie traf mich und hat mir wehgetan. Ich bin nach hinten auf den Boden gefallen, auf den Rücken, und die Kette hat Krach gemacht. Und ich habe geheult. Das wollte Mutter nicht. Sie hat sich eine Hand auf den Mund gelegt. Ihre Augen wurden ganz groß. Sie hat mich angekuckt. Vater rief von weiter hinten: „Ist was umgefallen?“ Mutter rief zurück: „Das eiserne Bett! Komm, hilf mir!“ Er kam zu uns und sagte: „Ist DAS denn so schwer, dass Du Hilfe brauchst?“ Er schien größer zu werden, und seine Augen funkelten böse. Er hat mich gehauen. Es ist Blut von mir auf den Boden getropft. Iiiih, das sah nicht schön aus – die grünen Flecken auf dem hellen Holz. Vater hat mir befohlen, wieder in den Keller zu gehen, und ich musste gehorchen. Mir hat sowieso das Licht in den Augen wehgetan – das war viel heller als das in meinem Zimmer. Dann hat Vater meine Arme und meine Beine festgebunden und mich auf das Bett gelegt. Oben haben sie inzwischen weitergelacht.
Ich habe ganz ruhig dagelegen und eine Spinne beobachtet, die auf mein Bett herunterkam. Ich musste denken, was mein Vater gesagt hatte: „O Gott – und erst acht Jahre alt!“

Heute hat Vater die Kette wieder ganz festgezogen, als es noch dunkel war. Ich muß versuchen, sie wieder herauszuziehen. Er sagte, ich war sehr ungezogen, einfach hochzukommen, und ich sollte so was nie wieder tun. Sonst würde er mich fürchterlich schlagen. Das kenne ich – das tut weh.
Ich hatte solche Schmerzen. Ich habe den Kopf an die kalte Wand gelegt und versucht, zu schlafen – aber ich musste immer an das weiße Zimmer oben denken.
Irgendwann habe ich die Kette wieder losbekommen. Ich bin sofort wieder zu dem Fenster gelaufen… weil da draußen schon wieder gelacht wurde. Da waren lauter kleine Menschen … und alle waren sie hübsch.
Sie sind überall herumgesprungen und haben Geräusche gemacht. Nette Geräusche. Ihre Beinchen bewegten sich ganz schnell. Sie waren so wie Mutter und Vater. Mutter sagt, alle richtigen Menschen sehen so aus.
Dann hat mich einer von den kleinen Vätern gesehen und auf das Fenster gezeigt. Ich habe mich losgelassen und bin an der Wand runtergerutscht … hinunter ins Dunkle, wo sie mich nicht sehen können.
Sie haben draußen über mich geredet, und es sind immer mehr dazugekommen. Oben wurde eine Tür zugeschlagen, und Mutter hat was gerufen. Dann kamen schwere Schritte. Ich habe schnell die Kette wieder an der Wand festgemacht und mich wieder hingelegt.
Mutter kam herein. Sie hat mich ausgeschimpft. „Bist Du am Fenster gewesen?“ hat sie gefragt. „Du sollst vom Fenster wegbleiben! Du hast doch bestimmt die Kette wieder losgemacht!“
Dann hat sie den Stock genommen und mich geschlagen. Aber diesmal habe ich nicht geheult. Ich konnte das nicht mehr. Aber überall war alles voll mit meinem Blut … überall auf dem Bett. Das fand sie dann glaub’ ich ekelig. Sie hat sich umgedreht und gesagt: „Warum hast Du das gemacht!“
Dann fiel der Stock auf den Boden. Mutter rannte raus, und ich habe den ganzen Tag durchgeschlafen.

Heute hat es wieder geregnet. Ich habe gehört, wie Mutter herunterkam und habe mich versteckt … in diesem Verschlag bei den Kohlen. Sie hatte ein kleines Tier bei sich. Es hatte spitze Ohren und lief auf allen Beinen. Sie sprach zu ihm.
Es wäre alles gut gewesen, wenn das kleine Ding mich nicht gerochen hätte. Es kam zu dem Kohlenverschlag herübergelaufen und hat mich gesehen. Dann hat es geknurrt, und seine Haare haben sich gesträubt. Ich habe gezischt, aber es hat mich angesprungen.
Ich wollte ihm nichts tun, aber dann bekam ich Angst, weil es noch schlimmer gebissen hat als eine Ratte. Es tat so weh, und meine kleine Mutter schrie.
Ich habe das Tier gepackt, und es hat dabei Geräusche gemacht, die ich noch nie gehört hatte. Ich drückte es so stark ich konnte, bis es still war. Dann habe ich es auf die Kohlen geworfen. Nur noch ein roter Klumpen ist das gewesen.
Mutter hat nach mir gerufen, aber ich habe mich versteckt. Ich wollte nicht wieder den Stock. Nach einer Weile ist die weggegangen, und ich konnte aus meinem Versteck herauskommen. Das rote Ding habe ich unter meinem Kopfkissen versteckt. Und die Kette habe ich wieder in die Wand getan.

Es ist wieder ein anderer Tag. Vater hat mich ganz eng gefesselt. Ich bin verletzt, weil er mich wieder verprügelt hat. Aber dieses Mal habe ich ihm den Stock aus der Hand geschlagen und geschrien. Er bekam ein ganz weißes Gesicht, rannte aus meiner Kammer und schlug die Tür zu.
Mir geht es gar nicht gut. Den ganzen Tag ist es sehr kalt hier. Die Kette kommt langsam wieder aus der Wand. Ich habe große Wut auf Vater und Mutter. Ich werde es ihnen zeigen. Ich werde tun, was ich schon einmal getan habe.
Ich werde kreischen und laut lachen und an die Wände hinauflaufen. Zuletzt werde ich mich mit den Beinen an die Decke hängen und überall Grün verspritzen, bis es ihnen leid tut, dass sie nicht netter zu mir waren.
Wenn sie wieder versuchen, mich zu schlagen, werde ich ihnen sehr weh tun.
Das werde ich.

 

° siehe auch Blog vom 7.10.2014

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