Herrliche Aussichten

betr.: Busby Berkeley zum 119. Geburtstag

Dieser Beitrag basiert auf meinem Unterricht Musicalgeschichte.

Die Treibgüter der Popkultur werden immer weiter zerrieben und verquirlt, und das eine oder andere geht auch schonmal völlig unter. Mitunter taucht es wieder auf, etwa weil es von Tarantino oder den „Simpsons“ zitiert wurde. Diese pulverisierten Trümmer bilden eine Art Gewürzmischung, die man überall herausschmeckt, und deren Ursprünge man nicht mehr kennen muß, um die Pointe zu verstehen. Zu diesen Kleinstpartikeln gehören z.B. die aufkreischenden Streicher aus dem „Psycho“-Soundtrack, Travoltas gespreizte Finger beim Tanzen in „Pulp Fiction“ und Sätze wie „Mr. DeMille, ich bin jetzt bereit für meine Großaufnahme“.
Häufiger als in den Jahrzehnten zuvor rauscht in letzter Zeit ein Klischee vorbei, das sich unser heutiges Geburtstagskind ausgedacht hat: Busby Berkeley. Waren früher der Astaire-Zylinder und das alberne Stöckchen mit dem weißen Knauf die Requisiten, die dem Betrachter sofort suggerierten: „Jetzt kommt ’ne Musical-Anspielung“, so ist es heute vermutlich ein kurzer Top-Shot, ein Blick von oben auf eine Tanz-Formation, die ein bewegliches Muster bildet.

Der Skandal-Biograph Kenneth Anger schrieb im zweiten Band seines Standard-Werkes “Hollywood Babylon“*: „Busby Berkeley war unbestritten das Genie Numero Uno des Musicals in Hollywood. Er ist der einzige Hollywood-Regisseur, dessen Name als Stichwort in einem Wörterbuch zu finden ist. Er hatte die verwegenste Phantasie in der Geschichte von Glitzerstadt. Bevor er auf der Filmszene auftauchte, waren Musicals nur für die Bühne da. Er sprengte das Bühnenportal, hievte die Kamera unters Dach – manchmal sogar durchs Dach durch – und fuhr dann mit ihr runter bis auf ein paar Zentimeter an die Augen eines schönen Mädchens heran. Seine Nummern hoben Raum und Zeit auf“.

Busby Berkeley hatte zwar eine dominante Theater-Mutter, wie sie etwa in Styne / Sondheim’s „Gypsy“ zu sehen ist, aber keine Ballett-Ausbildung. Er hatte in Mohegan Lake und im Ersten Weltkrieg exerzieren gelernt und dann als verantwortlicher Offizier für die Besatzungs-Truppenbetreuung Formation und Showgeschäft zusammengebracht. Am Broadway war er in den 20er Jahren der heißeste Tanzregisseur (das Wort „Choreograph“ behielten die Amerikaner noch dem klassischen Fach vor), ehe er mit dem frühen Tonfilm nach Hollywood wechselte. Er war Teil eines Stroms von kreativen Kräften, die das Filmmekka der Westküste nun von den Theatern der Ostküste abzog.
Mit „42nd Street“ und den Songs von Al Dubin & Harry Warren rettete Berkeley zunächst die Warner Brothers vor dem Ruin und legte dann eine ganze Welle von Filmen vor, die man heute Depressions-Musicals nennt: in diesen Filmen war die „große Depression“, welche dem Börsenkrach von 1929 folgte, ausgeblendet, die große Party der Wilden 20er ging weiter. Zum Titelsong der Epoche wurde „We’re In The Money“ aus dem Revuefilm „Gold Diggers Of 1933“ – Berkeley hüllte seine Girls in Kleidchen, die aus klimpernden Dollarmünzen zusammengesetzt waren.

Trotz seines problematischen Temperaments, des Alkohols und persönlicher Krisen – Berkeley fuhr im Suff drei Menschen tot und verübte in der Folge einen Selbstmordversuch – blieb er bis ins hohe Alter aktiv, kreativ und war immer wieder erfolgreich. Als er 1971 für seine Choreographie des wiederaufgeführten Ur-Oldies „No No Nanette“ stehende Ovationen erhielt, galt er schon als Klassiker. Der Kreis schloß sich nach seinem Tod: „42nd Street“ wurde 1980 zum Bühnenmusical – mit den aus diversen Dubin-&-Warren-Musials zusammengeräumten Songs. Und als diese Show 2003 in Stuttgart ankam, war Busby Berkeley wieder mit dabei: die Bühnenmeister hatten inzwischen einen großen abgeschrägten Spiegel über den Tänzern angebracht, der nun auch dem Theaterpublikum einen Top-Shot bescherte, wie er eigentlich nur im Kino möglich ist. Berkeleys Idee war – am angestammten Platz – in unserer Mahlzeit angekommen, als besonders aparte Geschmacksrichtung.

* “Hollywood Babylon“ von Kenneth Anger (zweibändig), deutsch erschienen bei Rogner & Bernhard (1985) und als Paperback bei Rowohlt (1999) – aus dem amerikanischen Englisch von Benjamin Schwarz

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