Und irgendwann bewegte sie sich doch!

betr.: Berlin ohne Klaus Wowereit

Von Hamburg aus betrachtet man das heute abgeschlossene Wirken des Regierenden Bürgermeisters von Berlin zwangsläufig mit Nachsicht. Kurz nachdem Klaus Wowereit den (nach wie vor nicht unwichtigen) Nachsatz ausgab „und das ist auch gut so“, hatten wir einen Ortsvorsteher, der lieber das Homosexualitätsverständnis der Adenauerzeit beförderte. Dieser betonte, ob (!) er schwul sei, ginge keinen was an, womit er zweierlei sofort klarstellte: 1. klar bin ich es und möchte aber 2. lieber, dass Sie das nicht merken, denn ich finde es ziemlich ekelig. – Hilfe!!! – So genau wollte das nun wirklich niemand wissen! Außerdem war diese pseudoelegante Taktik zum damaligen Zeitpunkt schon reichlich um und verkorkst (um nicht zu sagen: unhanseatisch).

Also blickten wir heute mit halb geschlossenen Augendeckeln nach Berlin.
Gut – an anderer Stelle hätten wir uns die Chefetage unserer Hauptstadt etwas weniger flapsig gewünscht, z.B. wenn’s mal um viel Steuerzahler-Kohle für richtig große Bauprojekte und ähnlich uncoolen Bürokram ging. Aber auch dazu ist ihm ja wenigstens der eine oder andere Slogan eingefallen.
Da wir hier den dem Ereignis angemessenen Sekt aus einem Damenschuh nicht reichen können, wollen wir auf die Zeit zurückblicken, als wir uns jemanden wie Klaus Wowereit in all seiner Selbstverständlichkeit überhaupt noch nicht vorstellen konnten.
Es folgt ein Text für eines der zurückliegenden CSD-Magazine.

„Völkerschlacht am Lesbul“
Aus der Geschichte der 2. deutschen Schwulenbewegung

Wir haben uns an eine CSD-Kultur gewöhnt, in der die Schwulen in der Parade von den gut gepflegten Heteros am Straßenrand kaum mehr zu unterscheiden sind. Der heterosexuelle Mann hat sich in puncto Kleidung und Kosmetik – auf den Druck seiner Weibchen hin – inzwischen so sehr den schwulen Parametern untergeordnet, dass ihm der Verlust seiner nach außen sichtbaren Männlichkeit gar nicht aufgefallen ist.

Die Reiferen unter uns wissen es noch: Es war dies einmal ein Staat, in dem sich nicht nur „Sub“ und Bildungsbürgertum erbittert befehdeten, sondern auch Schwule und Lesben. Was heute tapfer zusammen im Umzug herumtuckert und Filmfestspiele veranstaltet, war sich nicht immer so grün, wie’s heute gerne hingestellt wird. Ich will diesen feierlichen Anlaß nutzen, an die Anfänge dieses Miteinanders zu erinnern.
Ich selbst erlebte sie in einer südwestdeutschen Kleinstadt. Alles begann im von Holz und Blümchen dominierten Ambiente einer alternativen Trinkhalle namens „Café Jonas“. Die örtliche Schwulengruppe (sie hieß, wie damals üblich, „Schwulst“ oder „Schwurgs“ oder „Schwumpf“ oder so…) traf sich dort im Sinne des bekannten Slogans „Donnerstag ist Schneckentag“, die Lesben taten dies unter dem Namen „Regula Südwest“ jeden dritten oder fünften Dienstag – bei verhängten Fenstern.
Alles Männliche musste an diesen Abenden draußen bleiben bzw. entfernt werden: das Männeken-Pis am Tresen, der Gliederkaktus sowie der Stofflöwe und der Kühlschrank. Weiterhin waren natürlich auch heterosexuelle, bisexuelle und asexuelle Frauen unerwünscht, kurzum: alles, was gute Laune hatte.
Vor diesem Hintergrund, stellte es einen fast blasphemischen Akt dar, als die Vorsitzenden der beiden Vereinigungen befanden, man müßte zum CSD doch mal was zusammen machen, als Zeichen und so…
Die Schwulengruppe grunzte unisono auf vor Schmerz und Entsetzen, aber da bei diesen Leuten mit jeglicher Art von Widerstand bekanntlich nie zu rechnen ist, war die Sache nach wenigen Sekunden einstimmig beschlossen.
Über die Ausschreitungen bei der Abstimmung am kommenden Dienstag kann ich als Schweifträger natürlich nur Vermutungen anstellen – jedenfalls musste das Café danach zwecks Renovierung für eine Weile geschlossen werden. (Es wurde unter dem Namen „Café Schrill“ wieder eröffnet, und der 70er Jahre-Mief war erfolgreich durch dem Mief der 80er ersetzt worden.)
Unterdessen hatte man/frau sich für den Austragungsort der gemeinsamen Feier entschieden: eine intersexuelle Szene-Kneipe unweit der Baustelle.
Die Sitzungen des Festausschusses waren natürlich keine Kissenschlacht. Zum endgültigen Bruch kam es, als eine besonders bösartige Tunte – war ja klar – die ermüdende Debatte mit dem Anwurf zersetzte: „Alice Schwarzer sieht aus wie ein Kastenbrot mit Perücke!“
Die Dreckschleuder wurde zwar drakonisch bestraft – in der soeben gegründeten AIDS-Hilfe musste sie für 4 Jahre die Ämter als Kassenwart UND Schriftführer übernehmen – aber es half nichts. Die Atmosphäre war nun derartig vergiftet, dass die Feier sofort geplatzt wäre – wäre die Lokalität nicht schon gebucht und im voraus bezahlt gewesen.
An gute Laune beim CSD war nun freilich nicht mehr zu denken. Sogar das gemeinsame Absingen des alten Kirmes-Schlagers „Die Männer sind alle Verbrecher – Der Arsch ist ein finsteres Loch“ als kleinster gemeinsamer Nenner wurde im ersten Refrain abgebrochen.
Der festlich geschmückte Saal wurde mit einer rosa-violett-gestrichelten Demarkationslinie in zwei etwa gleichgroße Hälften geteilt. Die Feier selbst konnte es in Sachen Gemütlichkeit ohne weiteres mit der „Landshut“-Entführung aufnehmen.
Es hielten sich eigentlich alle an die räumliche Teilung – nur ein paar der anwesenden Transen machten den Wachposten von Gegenüber Bähbäh. Aber da diese Gattung damals schon rapide im Zerbröseln begriffen war, wurde sie nicht mal von der Gegenseite ernstgenommen.
Trotz allem kam es zu einem Ereignis von Höherer Gewalt, das noch heute allen in den Knochen steckt, die es erlebt haben – und das nicht einmal Immo Hülsenrath vorausgesehen hatte, Geräte- und Perückenwart der Donnerstagsgruppe und Chemiestudent im 32. Semester: die unterschiedlichen Auffassungen von Körperpflege erschufen zwei Klimazonen, die sich nun an der Trennlinie wie zwei feindliche Gewitterfronten gegenüberstanden.
Das schon fast optisch wahrnehmbare Gemisch aus „Lagerfeld“, „Zino Davidoff“, billiger Seife und übler Nachrede begann an der Grenze zum deofreien Dampfraum der Damen gegen 23 Uhr 30 leise zu knistern. Sigrid Pfaff – langjähriger Präsident der „Regula“ und Leiterin eines Frisiersalons für Rottweiler – meinte noch: „Welche spießige Deppin zündet denn hier Wunderkerzinnen an?“, da implodierte der ganze Raum auch schon mit garstigem Getöse.
Körperlich verletzt wurde niemand, aber die milchig ausflockende Schicht, mit der alle Anwesenden nun gleichmäßig überzogen waren, schuf ein allgemeines Gefühl tiefer Demütigung.
Es war Konrad Schemer – einziger bekennender Brillenträger der Bewegung – der die Unerträglichkeit der Situation mit dem herausgerutschten Ausruf auf den Punkt brachte: „Seht nur: jetzt sehen wir alle gleich aus! Und sind wir nicht auch alle gleich? Sind wir nicht alle ein einziger Haufen von jammerlappigen Vereinsmeiern?“
Das hatte aber gesessen!
Obwohl niemand heute mehr darüber sprechen mag, liegt nahe, dass dieses Ereignis damals im Südwesten kein Einzelfall gewesen ist. Die Schwulengruppen begannen nun bundesweit, sich langsam aufzulösen. An ihre Stelle sollten nun vermehrt Darkrooms treten, Ateliertoiletten und natürlich das Internet.
Aber angefangen hat das alles vor vielen, vielen Jahren, als ein paar tapfere Bewgungsschwestern und kesse Väter nicht mehr traurig sein wollten.
Zumindest nicht alleine.

Sie leben hoch!

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