„Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht!“

betr.: 42. Todestag von Günter Eich

Sieht man einmal von „Benjamin Blümchen“ und den „Drei Fragezeichen“ ab, ist „Der Krieg der Welten“ der aus bundesrepublikanischer Sicht bedeutendste Hörspieltitel aller Zeiten. Zu Halloween 1938 spielte das jugendliche New Yorker Off-Theatergenie Orson Welles seinen Mitbürgern einen wirkungsvollen Streich, als es die gleichnamige Kurzgeschichte seines beinahe Namensvetters H. G. Wells im Stil einer Reportage ins Radio brachte, in das wichtigste Massenmedium jener Zeit. Die Inszenierung war so bestrickend, dass die Bevölkerung an eine außerirdische Invasion glaubte und eine Panik ausbrach.
Somit ist Orson Welles auch nach unserem Verständnis der bedeutendste Hörspielmacher. Das ist skurril, denn erstens ist Welles in erster Linie ein noch bedeutenderer ausländischer Filmemacher und Schauspieler (als Folge seines Coups von ’38), und zweitens erinnert sich kein Mensch mehr an unseren bedeutendsten Hörspiel-Autor, also den wichtigsten nach Welles: Günter Eich.

Das hängt damit zusammen, dass das „Goldene Zeitalter des Rundfunks“ das kürzeste aller „Goldenen Zeitalter“gewesen ist, wie der berühmte (aber ebenfalls vergessene) Funk-Autor Norman Corwin einst bemerkte. Bei uns fand diese Ära gut 20 Jahre später statt als in den USA – gut, das ist meine persönliche Einordnung. Die Wichtigkeit des Radios war ab 1923 auch in Deutschland nicht zu bestreiten, zumal sie den tragischen Aufstieg der Nationalsozialisten beförderte, die dieses Medium raffinierter als ihre Gegner zu nutzen wußten. Das ist historisch nicht zu bestreiten, aber ich möchte heute (wenigstens Günter Eich zuliebe) die Sichtweise bevorzugen, nach der das Radio seine prägenden Jahre hierzulande zwischen Kriegsende und dem Siegeszug des Fernsehens erlebt hat. Dies nämlich war die Glanzzeit des Hörspiels, jenes Genres also, dass es damals nur im Radio gab und nirgendwo sonst (später sind der Tonträger und das Internet dazugekommen).

Günter Eich ist nicht der einzige Literat von Rang, der für das Hörspiel gearbeitet hat – das haben z.B. auch Alfred Andersch und Ingeborg Bachmann getan. Aber Eich war eine Zeitlang der Produktivste, der unbestritten Verwegenste, und er fand hier seine eigentliche literarische Bestimmung. Als Lyriker wird er heute noch geschätzt, aber seine Prosa ist – ich verlasse mich hier auf Marcel Reich-Ranicki – zu vernachlässigen.

Was mich heute an ihn denken läßt, ist die Qualität seiner Arbeiten. Sein skandalöser Hörspiel-Zyklus „Träume“, der am 19. April 1951 vom NWDR erstmals gesendet wurde, beinhaltete nicht nur den ersten kulturellen Kommentar zum Zugverkehr ins Vernichtungslager, er sparte auch sonst nicht mit deftigem Grusel. So ließ er z.B. Termiten auf die Menschheit los, die ihre Opfer – von diesen unbemerkt – aushöhlen, bis nur noch eine zerbröselnde Hülle übrig ist oder stellte uns einen greisen Chinesen vor, der sich mit Kinderblut regelmäßig wieder verjüngt. Es hagelte Beschimpfungen und Proteste, aber verblüffenderweise konnte Eich sich in der Folge eine produktive Karriere im Rundfunk aufbauen. Er legte Adaptionen von Legenden des Altertums vor oder bearbeitete große Literatur („Unterm Birnbaum“ nach Theodor Fontane), war aber stets auch ein phantastischer Erzähler, der als Drehbuchautor der „Twilight Zone“ sicher gut funktioniert hätte. Hörstücke wie „Die Stunde des Huflattichs“ (1956) kann man heute wahlweise als Gruselgeschichte oder als Kommentar zum Klimawandel genießen.

Wie sich das gehört, versagt der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf der ganzen Linie als Bewahrer des Werks von Günter Eich. Immerhin kann man seine Skripte als Gesamtausgabe bei Suhrkamp kaufen – und hier stellt sich bald heraus, dass Eich nicht nur als „wichtigster deutscher Hörspielautor“ vergessen, sondern als moderner deutscher Theaterklassiker gleich gänzlich versäumt wurde.

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3 Antworten auf „Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht!“

  1. DMJ sagt:

    Erstaunliche Synchronizität!
    Am 19.12. unterhielt ich mich mit einer Bekannten über „Träume“ und empfahl es ihr als ein äußerst eindrucksvolles Werk, was sowohl als Horrorgeschichte, denn auch als psychologische Bestandsaufnahme seiner Zeit funktioniert und jetzt sehe ich, dass einen Tag später über genau dieses viel zu unbekannte Werk gebloggt wurde.

    Vielleicht ein gutes Zeichen, dass es endlich mehr verdiente Anerkennung bekommt.

  2. Pingback: Wo nie ein Taktstock zuvor gewesen ist - Der Komponist Bernard Herrmann (2) - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

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