Der Song des Tages (3): “Tenement Symphony”

betr.: 101. Geburtstag von Tony Martin

Im Film “Die Marx Brothers im Kaufhaus” unterstützt Tony Martin das hochmusikalische Komikertrio mit ein paar Songs. Ein Titel wird als großes Ereignis aufgezogen – mit Knabenchor, Chico am Flügel und Harpo an der Harfe: “Tenement Symphony” („Mietshaus-Sinfonie“ – Musik: Hal Borne / Text: Sid Kuller & Ray Golden).
Die sauberste Auflösung bietet der Link https://www.youtube.com/watch?v=l96hZigjHp8.
Marc Almond benannte 1991 eines seiner Alben nach diesem Song. Er trägt ihn zwar leider nicht selbst vor, zitiert aber auf dem Cover die entscheidene Zeile: “And from this confusion I dreamed up a grand illusion”.

Zu Beginn heißt es:

Schubert wrote a symphony, too bad he didn’t finish it
Gershwin took a chord in `G‘ and proceeded to diminish it
I sought a variation on a theme that I thought pretty
And I found my inspiration on the east side of the city

Im Text wird der Melting Pot der New Yorker Lower East Side beschrieben, den Will Eisner in seiner Graphic Novel „Ein Vertrag mit Gott“ in Bilder umgesetzt hat: hier sammeln sich die armen Einwanderer aus aller Herren Länder und beschallen sich gegenseitig – in Ermangelung marktreifer und erschwinglicher Abspielgeräte – mit ihrer Folklore. (Das titelgebende Mietshaus ist schäbig und entsprechend hellhörig.)

The kid on the first floor practicing the minuet
The kid on the second floor yelling for the dinner that he didn’t get
The guy on the third floor wakened from his slumber
By the guy on the fourth floor practicing the rhumba

Sie wecken einander mit ihrer Hausmusik auf, gehen sich damit zuweilen auch ziemlich auf die Nerven, aber: sie inspirieren einander:

The songs of the ghetto
Inspired the allegretto,
You’ll find them in my Tenement Symphony.
The cry of a vendor
Met a lullaby sweet and tender,
I combine them in my Tenement Symphony.

Das Ergebnis dieser unfreiwilligen (!) sozialen Vermischung wird der Aufstieg der “kulturlosen” USA zum internationalen Entertainment-Lieferanten im 20. Jahrhundert sein. Von New York aus ging der Jazz um die Welt, und Hollywood wurde zur Traumfabrik des Planeten, indem es für die Amerikaner produzierte – denn Amerika besteht bekanntlich aus lauter Ausländern.

Als ich im Internet nach dem Songtext suchte – ich wollte ihn im Unterricht analysieren – stieß ich auf eine Reihe von Kommentaren dazu, einen längeren Dialog, den die Netzgemeinde geführt hatte. Darin wurde sich über dieses Lied ereifert – es sei dämlich, kitschig und inhaltlich vollkommen sinnlos, was man sich dabei bloß gedacht hätte etc. Ich freute mich darüber, dass dieser Act aus einem eher unbedeutenden Schwarzweißfilm von 1940 überhaupt solches Interesse erregt hatte.

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