Rübe runter mit Musik

betr.: 404. Jahrestag der Festnahme der ungarischen „Blutgräfin“ Erzsébet Báthory

Geht es um Musik, dann gedeihet unrecht Gut prächtig; man muß kein liebenswerter Mensch sein, um in Liedern geehrt zu werden. Das war in früheren Jahrhunderten noch nichts Besonderes: in Diktaturen gehörten lobhudelnde Auftragsgesänge ja schon immer zum guten Ton, und die Opernlibretti sitzen voll marodierender Fieslinge, aber auch das liegt in der Natur der Sache. Schließlich war die Oper eine Kunstform, die beim Publikum mit Bärenhatzen und öffentlichen Hinrichtungen wetteifern musste.
Ich möchte heute über die freiwilligen Liederkränze nachdenken, die man großen Verbrechern geflochten hat.
So wurde Feldherr Tamerlan in einem der bekanntesten Chansons von Kurt Tucholsky verewigt, und das Treiben des sado-masochistischen Wundermönchs „Ra-Ra-Rasputin, lover of the russian Queen“ bestrafte die saarländische Playbacktruppe Boney M. mit einem der größten Schlagererfolge des Jahres 1978.
Der hannöversche Knabenmörder Fitz Haarmann wurde Anfang der 20er Jahre – etwas voreilig – als größter Mörder des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Er fand Eingang in ein populäres Kinderlied, das – seinen eigenen Methoden im Ungang mit den Opfern entsprechend – seither immer wieder verwurstet wird. (Ein Beispiel hierfür finden Sie im Anhang.)
Der im 15. Jahrhundert wütende Woiwode Vlad Draculea war so blutrünstig, dass die Zeitgenossen ihn Tepes (sprich: Zepesch = der Pfähler) nannten. Das verleitete den irischen Schriftsteller Bram Stoker exakt 450 Jahre später dazu, ihn zu einem Vampir hochzudekorieren, passend zum Untotenkult in der Heimat seines Helden. Das war Draculas Eintrittskarte nicht nur ins Kino sondern in die gesamte nun einsetzende Popkultur und führte schließlich zu zwei Musicals, die seinen Namen tragen; eins davon stammt von Karel Svoboda, der sich sonst mit eher friedfertigen Geschöpfen wie der Biene Maja, dem schlauen Wickie und der tschechischen Haselnussknackerin Aschenbrödel beschäftigte.

Kein musikalisches Nachleben ist jedoch so spät, folgerichtig und konsistent eingetreten wie das jener Dame, deren Festnahme sich heute jährt: Elisabeth Báthory. Im Gegensatz zu ihrem weitaus beliebteren Kollegen, dem historischen Count Vlad Draculea, trank sie tatsächlich das Blut ihrer zunächst nicht standesgemäßen Opfer: Bauernmädchen und Dienstmägde. Als sie begann, ihren Kannibalismus auf Augenhöhe abzureagieren, geriet sie mit der Moral ihrer Zeit in Konflikt. Während ihre Angehörigen zum Tode verurteilt wurden, mauerte man die adlige Hauptschuldige in eine Kammer ein, in der ihr für den Rest ihres Lebens nur ein kleines Loch gelassen wurde, um mit der Außenwelt in Kontakt zu treten.

Ihre musikalische Karriere kam spät. Zwar war die Báthory rasch Gegenstand wuchernder Mythen- und Legendenbildung und hat sich auch popkulturell niedergeschlagen – vor allem im Groschenroman und natürlich wiederum im Kino, wo die Dracula-Jünger auf Nachschub drängten – doch besingen wollte sie lange Zeit niemand. Sie musste warten, bis sich die zu ihrer Arbeit passende Musikrichtung entwickelt hatte. 1982 fand sich endlich eine Adeptin. Die Black-Metal-Band „Venom“ aus England benannte einen ihrer Songs nach ihr. Das erregte sogleich die im Zeitalter der Lesefaulheit übliche Nachahmerei. Im Jahr darauf hatte Elisabeth schon ihre eigene schwedische Band: „Bathory“. In Deutschland formierte sich drauf die Gothic-Rock-/Dark-Wave-Band „Lady Besery’s Garden“, und 1988 war endlich Ungarn soweit: die Black-Metal-Band „Tormentor“ sang einen Titel ihres Namens. Seither ist der Kult der Metal-Gemeinde um das fleischfressende Mauerblümchen nicht abgerissen – in zuletzt jährlichen Abständen.
Merke: In der Plattenbranche ist Tugend eine tückische Ratgeberin. Gutes Benehmen zahlt sich leider nicht aus, Geduld mitunter schon.

***

Folgendes Chanson textete ich im vorigen Jahr für ein Kabarett-Programm meines Kollegen Daniel Helfrich, der die Vertonung besorgte. Es zieht die rote (!) Linie noch einmal nach, die Hannibal Lecter und Norman Bates mit ihrem realen Vorbild verbindet.

Hannibal Haarmann*
(Trad. / Arnold / Helfrich)

Ref. 1
In Hannover an der Leine,
Rote Reihe Nummer 8
wohnt der Kannibale Haarmann,
der so manchen umgebracht!
Aus den Augen macht er Sülze,
aus dem Hintern macht er Speck,
aus den Därmen macht er Würste,
und den Rest den schmeißt er weg!
Warte, warte nur ein Weilchen:
bald kommt Haarmann auch zu Dir,
mit dem kleinen Hackebeilchen
macht er Hackefleisch aus Dir.

In Plainsfield, Wisconsin / Vereinigte Staaten
spaziert auf den Friedhof mit Rucksack und Spaten
Ed Gein, diese Stütze der Kirchengemeinde,
und holt sich diskret ein paar frische Gebeine.
Nachdem er die Haut von den Leibern gezogen,
beachtet er sorgsam den Schnittmusterbogen:
aus Schädeln macht er Pötte, aus Knochen Mobiliar,
aus Busennippeln Gürtel – er ist ein Archivar!

Ref. 2
Oft hat er auch nachgeholfen:
selbst die eigene Mama
fügte er mit Haut und Haaren
ein ins tote Inventar.
Warte, warte nur ein Weilchen:
bald besucht Dich Ede Gein!
Mit dem kleinen Hackebeilchen
macht er aus Dir Gänseklein!

Dreißig Jahre später: Dr. Lecter hat heut Gäste,
die bekocht er höchstpersönlich – für die Seinen nur das Beste!
Er erwartet seine Freunde von der Opernförderrunde.
Im Moment läuft aber Bach, na, er hat ja noch `ne Stunde!
Dr. Lecter ist ein Vorbild, er geht immer raus zum Rauchen.
Er berät sogar die Kripo, und das kann sie gut gebrauchen,
denn ganz Baltimore ist bang vor einem wilden Menschenfresser.
Und der Doktor hilft beim Suchen, doch im Ernst – er weiß es besser!
Es ist angerichtet !

Ref. 3
Das Hors d´oeuvre ist Brie als Ragout Fin,
das Entrée Chaude Herz mit Camembert,
als Relevé: Leber mit Favabohnen
und dein eig’nes Hirn gibt’s als Dessert!
Warte, warte nur rein Weilchen,
dann kommt Hannibal zu Dir,
Stets bereit, wenn Du es auch bist!
Es steckt auch haute cuisine in Dir.

(zippen) Tata!

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Eine Antwort auf Rübe runter mit Musik

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