Dinos müssen draußen bleiben

betr.: 24. Todestag von Marshall McLuhan am morgigen Silvester

Marshall McLuhan hat bei uns vor wenigen Jahren, anläßlich seines 100. Geburtstages, eine milde Wiederentdeckung erfahren. Der Autor Douglas Coupland – Erfinder des hilfreichen Ausdrucks „Generation X“ – legte eine fantasievoll layoutete, gut lesbare Biographie vor, die uns den kauzigen kanadischen Medienphilosophen nahebrachte, auch mit Leseproben.
Warum freute mich das?
Marshall McLuhan ist ein Philosoph nach meinem Geschmack. Er dachte über den Sieg des Auges über das Ohr am Beginn des alphabetischen Zeitalters nach. Er war einer der ersten, die in Walt Disney nicht nur den Hersteller braver Familienunterhaltung sahen, sondern einen ausgebufften, weitblickenden Medienprofi mit klarer politischer Position. McLuhan sah praktisch als einziger das Internet voraus. Als andere Zukunftsvisionen für das „Jahr 2000“ Linienflüge zum Mond, Luft-Taxis, Unterwasser-Wohnräume und nachgezüchtete Dinos ankündigten, prägte er den Begriff „global village“ und kündigte die allzeit nutzbare Vernetzung der Erdbewohner an. Da er schon 1980 starb (im Internet kursiert auch das Todesjahr 1979), ist er unverdächtig, hier gemogelt zu haben.

Ich möchte anläßlich seines morgigen Todestages einen von Marshall McLuhans berühmtesten Aussprüchen in Erinnerung rufen: „Das Medium ist die Botschaft!“
Was war damit gemeint?
McLuhan vertrat die These, dass das Medium, das ein Mensch gerade nutzt, mehr über diesen Menschen und seine gegenwärtige Verfassung aussagt, als der Inhalt des Mediums. Also: dass jemand in der U-Bahn ein Buch liest und keine Zeitung, ist aufschlußreicher als die Frage, ob er einen Lyrikband in Händen hält oder ein Lehrbuch über Wirtschaftsmathematik und nicht die MOPO oder die F.A.Z.
Man kann sich den seinerzeitigen Widerstand gegen diese Sichtweise gut vorstellen, auch wenn man als heutiger Mediennutzer vielleicht kurz innehält und sich sagt: es könnte was dran sein.
Setzen wir uns also im Geiste in die U-Bahn unserer Tage. Seit einigen Jahren ist mir bei jeder Bahnfahrt, die ich im Stadtverkehr unternommen habe, die überwiegende Mehrheit meiner Mitreisenden als Nutzer von Smartphones aufgefallen. Weitaus weniger Menschen unterhielten sich (auch dann nicht, wenn sie einen Mitreisenden hatten, mit dem sie hätten reden können), die allerwenigsten lasen in einem Holzmedium oder saßen einfach nur da.
Wie immer man das findet / auslegt / bewertet – es ist interessant und läßt McLuhans kühne Theorie viel einleuchtender erscheinen als 1967. (Dass jemand mir im Restaurant gegenübersitzt und plötzlich ein Buch hervorholt, um darin zu lesen, deckt sich hingegen nicht mit meiner Lebenserfahrung.)

Marshall McLuhan war ein typischer Nutzer der Massenmedien seiner Zeit, aber er war nicht ihr Fan. Zu schade, dass er sich zur heutigen Situation nicht mehr äußern kann. Es wäre mindestens unterhaltsam.

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