Was gefällt, ist auch erlaubt

betr.: Wilhelm Busch zum 106. Todestag

Max und Moritz” waren jener Erfolg, der Wilhelm Busch vom verhinderten Kunstmaler zum Satiriker und Urvater der Comics machte, und sie sind auch bis heute seine populärste Schöpfung. Da sie weithin als Kinderliteratur angesehen werden, gab es in meinem Elternhaus eine halbe Busch-Gesamtausgabe (mit verkehrtherum wieder angeklebtem Hardcover), in der meine Geschwister und ich jederzeit lesen konnten. Wir, die wir sonst von allem ferngehalten wurden, was die Illusion einer milde waltenden Christenheit in Frage stellte, hatten so schon früh die Möglichkeit, der Realität ins Auge zu blicken.
Um den Rahmen nicht zu sprengen, will ich heute nur zweierlei – zuerst kurz daran erinnern, dass der „Struwwelpeter“ mit seinen heuchlerisch-sabbernden Lobgesängen auf pädagogisch verbrämte Kindesmisshandlung eben NICHT von Wilhelm Busch stammt sondern vom Frankfurter Psychiater Heinrich Hoffmann.
Dann möchte ich statt allzutrockener historischer Schlagzeilen lieber Wilhelm Busch
selbst, einen der wichtigsten Humoristen des deutschen Kaiserreichs, als Auswilderer geflügelter Worte in Erinnerung rufen:

Tugend will ermuntert sein – Bosheit kann man schon allein.“

Denn hinderlich, wie überall, ist hier der eigne Todesfall.“

Ich bin daher statt des Gewinsels [Musik]
mehr für die stille Welt des Pinsels.“

Und siehe da! – Aus Waldes Mitten
Ein Wildschwein kommt dahergeschritten.“

Er kennt kein weibliches Verbot,
drum raucht und dampft er wie ein Schlot.“

Das Gute – dieser Satz steht fest –
Ist stets das Böse, was man läßt!“

Busch 2x

Ein Thema, das uns – alltags und gesellschaftlich wie in der Talkshow – immer mehr beschäftigt, kommentiert Busch u.a. in der Bildergeschichte „Julchen“:

Er hat seinen Zweck erfüllt. – Runzlig wird sein Lebensbild.“

Ich persönlich liebe „Das naturgeschichtliche Alphabet“, in dem der Meister scheinbar Unzusammenhängendes in Reim und Bild zu verblüffender Gemeinschaft führt („Der Walfisch stört des Herings Frieden – Des Wurmes Länge ist verschieden!“), aber besonders nachhaltig hat mich „Die fromme Helene“ beeindruckt, die auf dem Buchrücken der von meinem Vater geklebten Ausgabe prangte.
Diese Lebensgeschichte einer Frau aus der Mittelschicht las ich alle paar Jahre mit jeweils neuem Gewinn. Hatte ich zunächst nur die Slapstick-Elemente, den Splatter-Faktor der drastischen Zeichnungen und den Witz der Reime genossen, entblätterte sich mir nach und nach das Leben in all seiner Pracht und all seinem Schrecken.
Dem mir leidenschaftslos angepriesenen bürgerlichen Entwurf wurde hier die rosa Brille von der Nase gehauen – aber ebenso den üblichen Methoden, ihm zu entkommen. Geradezu putzig nehmen sich die tragisch scheiternden Versuche der Busch-Helden aus, ihre persönliche Freiheit heimlich im Schoße der Gesellschaft auszutoben, ohne eine eigene Haltung zu riskieren.
Helene selbst endet besonders übel.

Das große Finale der „frommen Helene“ – es folgen noch eine kurze Höllenfahrt und ein Epilog – zeigt die Heldin beim danebengehenden Versuch, sich zu läutern. Nach meiner Einschätzung sind diese beiden Kapitel – selbst ohne die Zeichnungen, die Sie im Netz sicher schneller finden als ich – ein wundervoller Theatertext, Grundlage einer bestrickenden weiblichen Solo-Darbietung.

Die Reue / Versuchung und Ende
(Bühnenfassung)

Ach, wie ist der Mensch so sündig! –
Lene, Lene! Gehe in dich! –
Und sie eilet tieferschüttert
Zu dem Schranke schmerzdurchzittert.

Der Schrank wird mit weit ausholenden Begegnungen ausgemistet und die genannten Gegenstände ins Kaminfeuer geworfen.

Fort! Ihr falschgesinnten Zöpfe,
Schminke und Pomadentöpfe!
Fort! Du Apparat der Lüste!
Hochgewölbtes Herzgerüste!
Fort vor allem mit dem Übel
Dieser Lust- und Sündenstiebel!
Trödelkram der Eitelkeit,
Fort, und sei der Glut geweiht!
Oh, wie lieblich sind die Schuhe
Demutsvoller Seelenruhe! –

Seht, da geht Helene hin,
Eine schlanke Büßerin!

Es ist ein Brauch von alters her:
Wer Sorgen hat, hat auch Likör!

Auf diesem kleinen Fußmarsch hat sie ein Gebetbuch in Händen, in dem sie andächtig liest.
Nun stellen wir uns auf der linken Seite der Bühne ein Tischchen vor, auf dem eine Petroleumlampe neben einer Schnapsflasche steht, im rechten Bereich ist eine Gebetsbank aufgebaut.

Nein!“ – ruft Helene – „Aber nun
Will ich’s auch ganz – und ganz – und ganz –
und ganz gewiß nicht wieder tun!“
Sie kniet von Ferne fromm und frisch.
Die Flasche wartet auf dem Tisch.

Helene hat sich mit dem Rücken zur Flasche hingekniet, um zu beten. Das Buch vor der Nase, wird sie nun mit jedem Zweizeiler heimlich näher zum Tisch hinüberrutschen.

Es läßt sich knien auch ohne Pult.
Die Flasche wartet mit Geduld.
Man liest nicht gerne weit vom Licht.
Die Flasche glänzt und rührt sich nicht.
Oft liest man mehr als wie genug.
Die Flasche ist kein Liederbuch.

Helene hat den Tisch erreicht. Sie wirft das Gebetbuch weg, nimmt – noch im Knien – die Flasche in die Arme, …

Gefährlich ist des Freundes Nähe
O Lene, Lene! Wehe, Wehe!

liebkost sie, erhebt sich, öffnet und die Flasche und beginnt, sie in einem Zug auszutrinken.
Eine Vision erfüllt den Raum, die Lene zwar bemerkt aber nicht weiter berücksichtigt.

Oh, sieh! – Im sel’gen Nachtgewande
Erscheint die jüngstverstorbne Tante.
Mit geisterhaftem Schmerzgestöhne –
„Helene!“ – ruft sie – „O Helene!“

Umsonst! – Es fällt die Lampe um,
Gefüllt mit dem Petroleum.

Die nunmehr Betrunkene fällt und bleibt zitternd, von den Krämpfen der Agonie geschüttelt, liegen. (Währenddeseen wird sie ein Raub der Flammen!)

Und hilflos und mit Angstgewimmer
Verkohlt dies fromme Frauenzimmer.

Die Schauspielerin erhebt sich und gestattet sich einen Seitenblick auf den eben bespielten Punkt auf dem Fußboden.

Hier sieht man ihre Trümmer rauchen.
Der Rest ist nicht mehr zu gebrauchen.

(Allgemeine Erschütterung und Applaus)

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Eine Antwort auf Was gefällt, ist auch erlaubt

  1. DMJ sagt:

    Hier sei nur kurz mein zustimmendes Nicken zum berechtigten Abwatschen des Struwwelpeters vermerkt.

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