Was ist ein Chanson?

betr.: 114 Jahre Kabarett

Im Gegensatz zu fast jedem anderen Genre der Kulturgeschichte hat das Kabarett einen definitiven Geburtstag: das heutige Datum. Vor genau 114 Jahren wurde im Berliner Scheunenviertel (präzise: Alexanderstraße 40) von Ernst von Wolzogen das erste deutsche Kabarett gegründet: Das „Überbrettl“. Es hatte 650 Plätze, war also etwas größer geraten als der typische Kleinkunst-Schuppen der Nachkriegszeit.
Die Darsteller (der junge Gründgens oder die Reinhardt-Schauspieler Max Adalbert und Kurt Gerron), Musiker (Arnold Schönberg und Victor Hollaender) und Autoren (Ludwig Thoma) der neuen Welle kamen aus der Hochkultur. Wer als Hamlet auf der Theaterbühne gestanden hatte, fand sich unter Umständen zu später Stunde noch als dessen Parodie auf der Kabarettbühne wieder. Das machte ein solches Vergnügen, dass nun die Brett’lbühnen „wie die Pilze aus dem märkischen Sand schossen“.
Damit beginnt auch die Geschichte des Kabarett-Chansons, also der deutschen Variante dieses Begriffs, die enger gefaßt ist als ihr französisches Vorbild.

Kein Volk hat seine Geschichte so gründlich, farbig und selbstkritisch  besungen wie das französische. Schon der Sieg des Merowingerkönigs Clothar II. über die Sachsen im Jahre 623 wurde – noch auf lateinisch – in Liedstrophen verherrlicht.
Das Chanson – eigentlich „La Chanson“ =
die Chanson – fand seine endgültige/n Form/en im ersten Cabaret „Chat noir“ („Schwarzer Kater“), das Rodolphe Salis am 18. November 1881 auf dem Montmartre in Paris eröffnete. Schauspieler, Dichter und Musiker ließen dort zwanglos ihre Aktionsstrophen hören: düstere und sprachlich deftige Balladen über das Leben der Dirnen und Clochards. Boris Vian brachte es später auf den Punkt: Wer in Frankreich ein Gedicht schreibt, schreibt ein Chanson“.
In Frankreich, wo Chanson ganz allgemein „Lied“ oder „Song“ bedeutet, ist die Grenze zu anderen Liedformen notwendigerweise fließend. Manche große Chansons der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts würden bei uns unter „Schlager“ rubriziert, wären sie nicht auf französisch gehalten – oder wurden gar zu Schlagern in der offiziellen deutschen Plattenfassung. Umgekehrt sind Lieder aus verschiedenen musikalischen Gattungen zu Chansons umgewidmet worden, wenn sie (als parodistische Bearbeitungen) mit satirischem deutschen Text und schlichter Klavierbegleitung auf der deutschen Kabarettbühne erklangen.

Was ist ein Chanson im deutschen Sinne?

Das Cabaret wurde am 18. Januar 1901 zum Kabarett, als das erste derartige deutsche Etablissement in Berlin eröffnete – das „Überbrett’l“ (siehe oben). Für Nicht-Franzosen meint Chanson seither stets soviel wie „zeitkritisches Lied“ bzw. „gesungene Erzählung“.
Vom Chanson-Sänger bzw. der „Diseuse“ wird erwartet, dass er / sie sich für drei Minuten ein eigenes Theater schafft. Ein Chanson ist nicht selten eine ganze Geschichte – was es vom Musical- bzw. Theatersong deutlich unterscheidet, der ja nur Teil einer übergeordneten Geschichte ist. Es ist – bei aller Wohlkehligkeit einzelner berühmter Beispiele – mehr eine schauspielerische als eine gesangliche Herausforderung. Entsprechend klangvoll sind die Namen jener, die auf beiden Gebieten Erfolg hatten: Charles Aznavour (Jahrhundert-Chansonnier und Charakterdarsteller in Schlöndorffs „Blechtrommel“ und Chabrols „Fantome des Hutmachers“), Yves Montand (der auch im Musical glänzte), Paul Hörbiger (gepriesener Menschendarsteller und Spezialist für die vertrackten „Wienerlieder“), Josef Meinrad (von Nestroy und Hofmannsthal zum archetypischen „Mann von La Mancha“), Gustaf Gründgens, Michael Heltau.

Die wichtigsten Gattungen

Das mondäne Chanson

Von der Operette, besonders von der viel bewunderten Fritzi Massary, kam der weltstädtische Chansontyp, an den man eigentlich zuerst denkt, wenn man heute vom Chanson spricht. Sogleich fallen einem die zumeist weiblichen Interpreten wie Marlene Dietrich, Margo Lion, Greta Keller, Kate Kühl oder Trude Hesterberg ein, aber auch die witzigeren Arbeiten der Propaganda-Sirene Zarah Leander.
Entstanden ist das mondäne Chanson als eine Mischung aus Sologesängen der Pariser Operette, der Belle Époque und den mit Charme und Esprit gefüllten Arien der Wiener Operette. Es erklang mit Vorliebe in den Revuen des alten Berlin, in den Amüsierpalästen und Operettentheatern der Weimarer Republik, aber auch im Tonfilm. Das Wort „mondän“ (weltläufig) ist aus der Alltagssprache verschwunden, der mittlerweile übliche Anglizismus „Glamour“ bezeichnet heute etwa das gleiche Gefühl.

Das volkstümliche Chanson

Überkommene Standeslieder, Äußerungen völkischen Unmutes über die herrschenden zustände, der Gesang der Bänkelsänger, begründen das volkstümliche Chanson. Für das Genre wichtig sind vor allem die Couplets, die Sprechgesänge z.B. eines Otto Reutter, die sich in unzähligen pointierten Strophen und stereotypen Kehrreimen an einem Alltagsthema abarbeiten. Ihm eng verwandt: die Moritat (auch die vom „Macky Messer“). Auch die österreichischen „Simpl“-Chansons von Hugo Wiener für Cissy Kraner – musikalisch nur wenig aufwändiger – zählen dazu. Die wichtigste deutsche Vertreterin dieser Variante dürfte Claire Waldoff sein. Klassischerweise schrieben aber die – hier oft auch männlichen – Interpreten ihre Texte und Noten selbst. Der mit dem Couplet eng verwandte „Gassenhauer“ ist der direkte Vorläufer des Schlagers.

Das politische Chanson

Das sozial- oder gesellschaftskritische Chanson hat seine Wurzeln in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Im Kabarett trat es vornehmlich in den Krisenjahren zwischen 1919 und 1923 hervor – war um politische Botschaften, also um Allgemeinverständlichkeit bemüht. Das angestrebte Ziel war, eine politische Aussage so trefflich zu reimen und zu vertonen, dass sie vom Volk fröhlich nachgesungen wurde und sich von selbst verbreitete. In dem UFA-Film „Tanz auf dem Vulkan“ wird dieses Prinzip anschaulich vorgeführt, anhand des Titels „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“. Seine bisher letzte große Blüte hatte das politische Chanson in den 70er Jahren, als mit Hannes Wader, Wolf Biermann, dem frühen Reinhard Mey u.v.m. eine ganze Liedermachegeneration Erfolge feierte. Parallel dazu – quasi als Gegenentwurf – blühte eine gleichgroße und –erfolgreiche Riege von Blödelbarden bzw. musikalischen Kabarettisten. Hier traten u.a. erstmals Otto Waalkes, Mike Krüger und Karl Dall in Erscheinung.

Das lyrische Chanson

Das Chanson bedarf des intimen Rahmens, denn es wendet sich an den einzelnen, den besonderen Zuhörer. Es wendet sich bei allem Leichtsinn in seinen Zweideutigkeiten nie nur ans Herz, sondern auch ans Gehirn“, fasste Elisabeth Pablé die Forderung der Dichter der Jahrhundertwende zusammen. Wie das mondäne Chanson, ist auch das lyrische der Operette verwandt (und teilt sich sogar die Komponisten mit ihr). Auch die Themen sind ähnlich (- das Trinken, die Liebe, die Verführungskunst…), aber hier singen gern männliche Interpreten über das schöne Geschlecht und ihr Verhältnis dazu. Heitere Auftrittsarien sind übrigens ohne den originalen Stück-Zusammenhang oftmals wirkungsvolles Chanson-Material.

*+*+*+*

Zusammenfassender Nachtrag für die Freunde und Interpreten des Musicals:

Die wesentlichen Unterschiede zwischen Chanson und Theatersong

Während der Theatersong in aller Regel Teil von etwas Größerem ist, erzählt das Chanson seine eigene Geschichte bzw. schafft seine eigene Atmosphäre.

Das Zeitkolorit sollte beachtet (ggf. Recherchiert) und nicht modernisiert werden. Wenn die Kernbotschaft zeitlos ist, steht ihr ein nostalgischer Effekt nicht im Wege.

Die äußeren Merkmale des Interpreten wie Alter und Aussehen (u.U. sogar das Geschlecht) sind unwichtig. Das (wohlüberlegte) Spiel mit Klischees und Chargen ist Teil des Vortragskonzeptes.

Kostüm, Maske und Requisite sind daher im Prinzip unnötig.

Auch der „schöne Gesang“ ist – wie Slang oder Dialekt – nur Effekt und Mittel zum Zweck der Parodie – so wie auch der Pianist imstande ist, mit seinem Instrument eine Marschkapelle, eine Solo-Harfe oder ein Orchester zu ersetzen / zu parodieren.

Fazit:

Was hat das Chanson dem Musical-Darsteller zu sagen, der/die ja schließlich Wohlklang verbreiten möchte? Der Chanson-Vortrag ist die „Nagelprobe“ für den singenden Darsteller. Es erlaubt nicht die Flucht in Glamour und schöne Effekte, um inhaltliche Unsicherheiten zu übertünchen, und das macht es so interessant.

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Kabarett-Geschichte, Musik abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten auf Was ist ein Chanson?

  1. Pingback: Leben in der Bude - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

  2. Pingback: Chansons über Chansons - ein unanständiger Vergleich - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

  3. Pingback: Die schönsten Filme, die ich kenne (38): „The 5,000 Fingers Of Dr. T“. - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>