Der Song des Tages: „I Wanna Be Loved By You“

betr.: 120. Geburtstag von Harry Ruby

Es gibt Songs, die sollte man nicht interpretieren, ohne sich die Sache vorher genau überlegt zu haben, weil man die Kenntnis des Originals beim Konsumenten voraussetzen muß. – Wobei es nicht das Original im literarischen Sinne sein muß – hin und wieder wird ein Song auch als Cover-Version zum Signature Song einer bestimmten Künstlerpersönlichkeit, und dann will das Publikum entweder kurz eine verblüffende Parodie (bzw. Imitation) sehen oder ausführlicher etwas völlig Neues. Die Gesetze der kollektiven Zuschauererwartung sind da unerbittlich.

„I Wanna Be Loved By You“ ist Marilyn Monroe derart auf den Leib geschneidert, dass man kaum auf die Idee käme, das könnte es schon vor „Manche mögen’s heiß“ gegeben haben. Aber die Monroe hat sich in ihrer kurzen, glanzvollen Karriere so einiges unter den Nagel gerissen – im Falle ihrer Rolle in „Blondinen bevorzugt“ ist das vielleicht auch gut so. Die Broadway-Originalbesetzung Carol Channing erscheint mir jedenfalls als weniger gute Besetzung, wenn ich 65 Jahre später versuche, sie mir in dieser Rolle vorzustellen. Ihre Interpretation von „Diamonds Are A Girl’s Best Friend“ in der „Ed Sullivan Show“ bestärkt mich darin – noch so ein Song, den sich Marilyn zur persönlichen Erkennungsmelodie gemacht hat.

„I Wanna Be Loved By You“ wurde von Helen Kane im Broadway-Musical „Good Boy“ (1928) ur-interpretiert. Debbie Reynolds rekonstruierte diese Originalfassung später im MGM-Musical „Three Little Words“ – mit der Stimme von Helen Kane, und auch das charakteristische “boop-boop-a-doop” war schon drin.
Dieses Jingle war eine wichtige Inspiration für die Cartoonheldin Betty Boop, ein selbstbewußtes Partygirl im frühen Tonfilm, ein Frauentyp, der sich weder von den Kerlen die Butter vom Brot nehmen ließ noch ihren Eltern gestattete, ihr Vorschriften hinsichtlich ihres Lebensweges zu machen; ein typischer Konflikt jener Jahre: viele begabte Söhne und Töchter jüdischer Einwanderer emanzipierten sich in der Neuen Welt vom religiösen Hintergrund ihrer Familien und bevölkerten das beginnende Entertainment-Zeitalter – auch als Komponisten und Songtexter, und damit sind wir bei den Vätern von „I Wanna Be Loved By You“, Kalmar & Ruby.
Bert Kalmar und Harry Ruby sind sicher das am wenigsten bedeutende Songschreiber-Team, dem MGM ein Biopic gewidmet hat, eben „Tree Little Words“. Aber von ihnen stammen Songs wie „Who’s Sorry Now“, „All Alone Monday“, „I Love You So Much“ oder „Quainty Dainty Me“, ein köstlicher Novelty Act von Fanny Brice (einer weiteren emanzipierten jüdischen Show-Legende).

Marilyn Monroe oblag es nun, „I Wanna Be Loved By You“ aus all diesen Histörchen auszuwickeln und für die Ewigkeit servierfertig zu machen. Es hätte keine Bessere treffen können.

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