Vater einer Klamotte

betr.: 55. Geburtstag von Michi Kleiber

Dass die Deutschen keinen Humor hätten, ist bekanntlich kein Klischee (Klischees stimmen nämlich) sondern ein Vorurteil. Obwohl – man ahnt, wo es herkommen könnte: die großen Witzthemen der Nachkriegszeit („Kommt’ne Frau zum Arzt“, „Die Heimkehr des betrunkenen Gatten“, „Die Schwiegermutter kommt“ …) sind heute nicht gerade zum Kugeln, und die Häschen-Witze bezeichnete Rudi Carrell als „das Blödeste, was es je in Deutschland gegeben hat“. Vielleicht erinnern sich einige noch dunkel daran: eine Zeitlang gab außerdem die Mantafahrer-Witze. Weder bei Wikipedia noch auf der Homepage unseres Geburtstagskindes findet sich die Entstehungsgeschichte dieses Humor-Sub-Genres. Nach meiner Erinnerung war das so …

Bald nach der Gründung des Schmidt Theaters auf der Hamburger Reeperbahn 1988 wurde die Tresen-Show eingeführt. Im Foyer des Theaters durfte werktagsnachts ein noch unentdeckter Künstler auf eine Plattform steigen, die in den Tresen im Foyer eingelassen war, und für das Publikum gratis eine Viertelstunde Programm machen. Das waren in der Regel Stand-Up-Vorführungen, hin und wieder wurde jongliert, parodiert, Gitarre oder Akkordeon gespielt. Mindestens einer der beiden künstlerischen Leiter des Hauses war nach Möglichkeit anwesend, um nach neuen Talenten Ausschau zu halten, die dann in der Mitternachtsshow am Wochenende etwas offizieller glänzen durften. So wurde z.B. der noch nicht volljährige hauseigene Kassierer Tim Fischer erst als Zarah-Leander-Parodist, dann als landesweite Chanson-Hoffnung entdeckt.
Es muß 1989 gewesen sein, da stellte sich ein Kollege als „Holger vom Manta-Club Jenfeld“ auf die Kleinbühne, ein etwas dusseliger Vereinsmeier, eine Hamburger Vorort-Version des seligen Adolf Tegtmeier. Hinter dieser fast kleinlauten Kunstfigur verbarg sich Michi Kleiber.

Es dauerte nicht lange, da hatte er sich als Act in der Mitternachtsshow eine große Fangemeinde erblödelt. Niemals erlebte man ihn dort in der bei Comedians so beliebten Ich-Form – wenn er nicht Holger spielte, war er z.B. „Peter Maffay, die singende Warze“, die sich mit Boris Becker eine Doppelperformance lieferte. (Ich kann mich irren, aber ich glaube, er hat das sogar vor dem verehrten Jürgen von der Lippe getan). Ich selbst war seinerzeit auch mit solchen mehrstimmigen Parodien unterwegs, aber Michi Kleiber war so köstlich, dass ich mich neidlos mit ihm freuen konnte.
Mit Anne Rixmann – heute eine Säule der Kölner „Stunksitzung“ und die Trägerin einer der schönsten Singstimmen, die ich je live erleben durfte – legte er im Schmidt auch eine abendfüllende musikalische Cowboy-Revue vor: „No West“.

No West rm         Michi und Anne in der alten „Künstlergarderobe“ des „Schmidt“ und in action!

Unterdessen begann sich Michis Manta-Witzkultur zu verselbständigen. Ein jugendliches Vokal-Ensemble führte – ebenfalls im Schmidt – einen Manta-Song vor, der auch als Single-Schallplatte-Erfolg hatte: Norbert und die Feiglinge. Diese legten einen Boris-Becker-Song nach, und ihr Manta-Titel landete in einer der Kinoklamotten, die Anfang der 90er zu diesem Thema herauskamen.
Auf dieser Welle sind einige Leute dem großen Geld entgegengeritten. Ich weiß nicht, wie weit Michi mitgeritten ist. Jedenfalls könnte ich schwören: es war seine Idee! Und sein Vereinsbericht war das letzte Mal, dass Mantafahrer wirklich witzig waren.
Ich verlor ihn etwas aus den Augen, als er nach Köln zog, der damals heißesten Stadt für alle Comedians, Solomimiker und Musikkabarettisten.

Inzwischen ist zumindest die heiße Luft aus den Manta-Reifen raus, aber Michi ist noch unterwegs.
Alles Gute zum Wiegenfest!

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