Hollywoods Karajan, Hollywoods George Martin!

betr.: 88. Geburtstag von Charles Gerhardt / 93. Geburtstag des „Reader’s Digest“ (gestern)

Die Formulierung „Reader’s Digest-Version“ war einmal als Schimpfwort gemeint. In unserer Ära der 160 Zeichen und der jederzeitigen Verfügbarkeit kann man ihr ein prophetisches Potential aber nicht absprechen. Die internationale Monatsschrift „Reader’s Digest“ hat früh damit begonnen, ihren Service, große Literatur für den Hausgebrauch zu formatieren, auch auf andere Medien auszuweiten. Die Tonträgerabteilung des Magazins kümmerte sich zunächst um die europäische Klassik, aber bald auch um post-romantische Themen („Jazz“, „große Entertainer“ …). Die hierfür nötigen Neueinspielungen wurden z.B. von einem gewissen Charles Gerhardt erledigt, der nach einer fundierten musikalischen Früherziehung zunächst als Toningenieur für die RCA gearbeitet hatte. Hier war er bereits mit den Popstars seiner Zeit in Berührung gekommen: Mario Lanza (Film-Operettentenor), Perez Prado (Bandleader) oder Eartha Kitt (fauchende Jazz-Raubkatze), aber Stardirigenten der Klassik wie Leopold Stokowski und Arturo Toscanini.

Ab 1960 produzierte er die RCA-Aufnahmen für „Reader’s Digest“ in England. Mit der geografischen Ferne zum Mutterkonzern hatte er zunehmend freie Hand. Schon im Jahr darauf ergriff diese zum ersten Mal einen Taktstock – Gerhardt mußte für einen plötzlich erkrankten Kollegen das Royal Philharmonic Orchestra dirigieren.
In dieser Funktion fand er schließlich zu seiner großen Bestimmung: der Verlängerung der Ära der sinfonischen Filmmusik um gut 20 Jahre.
Um die Unmenge an Aufnahmen bewältigen zu können, die für das Verlagsprogramm anfielen, stellte er aus den führenden Londoner Orchestermusikern das „National Philharmonic Orchestra“ zusammen, mit dem er ab 1972 für die RCA eine 15teilige Schallplattenserie herstellte: „The Classic Filmscores of …“ – Der Sampler „The Sea Hawk: The Classic Film Scores of Erich Wolfgang Korngold“ hatte sich unvermutet als Bestseller erwiesen und wurde somit zum Pilotalbum der Reihe.
Das war etwas Neues.
Erst mit dem Beginn des Hifi-Zeitalters hatte man überhaupt Filmmusik auf Tonträgern erwerben und zu Hause hören können. Gerhardt spielte nun erstmals Suiten aus frühen Tonfilmen für die Langspielplatte ein. Er ließ dieser „Wegwerfmusik“ die gleiche Hingabe angedeihen, die sonst den Einspielungen der E-Musik vorbehalten war. („Die Engländer machen sowas“, pflegte Cadwiller Olden zu sagen.) Nebenbei schaffte er es, das jeweilige Idiom der Komponisten auch als Dirigent genau zu treffen. – Im Gegensatz zur Klassik kennen wir bei Soundtracks die Intention der Schöpfer ja recht gut.
Noch nie hatte man die frühen Arbeiten solcher Musiker wie Max Steiner, Franz Waxman oder Miklós Rózsa in stereo gehört. Die alten Lichttonspuren hatten ganze Instrumentengruppen im Grundrauschen zusammengeknüllt oder unter den Geräuschen und Dialogen fast verschwinden lassen. Nun entfaltete die Musik ihre Pracht – und ihren überraschenden autonomen Unterhaltungswert. Charles Gerhardt hatte die Tradition der „Klassischen Neueinspielung“ begründet.

GerhardtCOND    Charles Gerhardt dirigiert „Conquest“ aus der Suite „Der Hauptmann von Kastilien“

Die Filmmusik wurde wegen dieser Plattenreihe längst noch nicht als Musikrichtung ernstgenommen, aber junge Regisseure (die populärsten: Steven Spielberg und George Lucas) erkannten die Wichtigkeit eines großorchestralen Sounds für ihre Projekte, was u.a. die Karrieren von John Williams und James Horner beflügelte.*

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Charles Gerhardt in Kalifornien, wo er 1999 starb.
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* Eine Übersicht über alle Alben, CD-Neuauflagen der RCA-Reihe und deren Inhalt findet sich unter http://www.filmscoremonthly.com/articles/1998/03_Aug—The_RCA_Gerhardt_Classic_Film_Scores_Series.asp.

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