Die Nackten und die Quoten

betr.: „Shades of Grey – Geheimes Verlangen“

Von dem enormen Erfolg der Verfilmung des Romans “Fifty Shades Of Grey” ist sicher niemand überrascht – viele schon deshalb nicht, weil sie den Kinobesuch selbst kaum erwarten konnten bzw. können. Bei mir ist es ein anderer Grund, und er führt zurück in meine Zeit als Fernsehcomedian. Der Münchner Privatsender ProSieben hatte damals, Mitte der 90er Jahre, den unerklärlichen Wunsch seinen Ruf als „Spielfilmsender“ loszuwerden – „Spielfilm“ hieß in diesem Falle: die heißesten Hollywood-Erstausstrahlungen im Free-TV. Um dieser Verlegenheit abzuhelfen, trommelte jedenfalls die frisch gegründete Unterhaltungsredaktion des Senders neun (!) Comedians zu einem Team zusammen, um „RTL Samstag Nacht“ ein eigenes Comedy-Format entgegenzusetzen. Unser Unterhaltungschef war Oliver Mielke, der später für die Karrieren von „Bully“ und Barbara Schöneberger wichtig sein sollte. Obwohl er im Kreise unseres „jungen Formates“ beileibe nicht der Älteste war, oblag es ihm nun, die Richtung vorzugeben und uns auch schon mal gewisse Grenzen aufzuzeigen. Einer unserer Alterspräsidenten war ein grau melierter schwäbischer Unterhalter, der bei unseren Materialkonferenzen gern mal die eine oder andere Zote rausließ. Oliver Mielke war nun in der heiklen Lage, uns allen schonend beizubringen: „Leute! Ihr dürft nicht frauenfeindlich sein!“ – mit dramatisch gesetzten Pausen die Bedeutung der Botschaft skandierend. Wir gelobten Folgsamkeit.

Verteilt auf mehrere Teams, produzierten wir unter der Woche zahlreiche Sketche, die an den Wochenenden der Redaktion präsentiert wurden – als VHS-Ausspielung. Die Redaktionsmannschaft war ein Reigen bildhübscher Blondinen, deren zweisilbige Rufnamen alle auf einen I-Laut endeten. Sie sahen sich brav unsere Werke an, gelacht wurde nur vereinzelt.
Der besagte Kollege knurrte und wurde langsam unruhig. Als die Vorführung beendet war, holte er eine Videocassette hervor, die er heimlich von einem seiner Sketche hatte ziehen lassen und legte sie mit husarenhafter Entschlossenheit ins Abspielgerät.
Ich erinnere mich nicht an inhaltliche Einzelheiten, aber es war ein dreister Verstoß gegen die Ansage. Die Cassette lief, und die jungen Damen aus Unterföhring quietschten vor Vergnügen – von einer Pointe konnte man nicht reden, aber immerhin von ein bißchen verschwitzter, verklemmter Frivolität.
Das Experiment war eindeutig ausgegangen („Eigentlich mögen Frauen sowas!“), aber auch die tiefere Botschaft des Ereignisses war allen Anwesenden sofort bewußt: dass wir uns in Zukunft am Riemen reißen müssten. Gelächter bei Brainstormings ist immer der Grund für den sofortigen Abschuß einer Idee.

Für „Shades of Grey – Geheimes Verlangen“ ist das jedenfalls eine gute Nachricht, denn bekanntlich werden die meisten Kinobesuche von Frauen entschieden.

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