„Alles mit G“ – eine kritische Würdigung

betr.: 106. Geburtstag von Heinz Erhardt

Manch einer stellt den Darsteller Heinz Erhardt noch über den Dichter. (Tragen Sie mal bestmöglich eines seiner Gedichte vor – der Lacherfolg wird sich bei allem Respekt in Grenzen halten.) Ein besonders schöner Beleg für diese These ist das im Fernsehen gern in Lach-Collagen einmontierte Kabinettstückchen „Alles mit G“, das im Internet auch als „Der G-Sketch“ zu finden ist. Hier gelingt etwas selbst für heutige Verhältnisse Unerhörtes: eine einvernehmliche Veräppelung des Publikums, die trotzdem zum Schieflachen ist. Erhardt tut so, als ließe er sich einen „beliebigen“ Buchstaben zurufen („außer X“), mit dem dann jedes Wort der folgenden improvisierten Spielszene zu beginnen habe. Obwohl der Schwindel offensichtlich ist, spielt er virtuos und völlig ernsthaft den Spontan-Darsteller, der sich nicht anmerken läßt, dass er fieberhaft (eben nicht) nach Worten sucht – eine Performance mit dreifachem Boden. Da dies – wie alles, was in der Kunst besonders glückt – leicht zu übersehen ist, sei die Szene hier noch einmal nacherzählt. In der klassischen Aufnahme* spielt Heinz Erhardt sie mit Herta Worell und Wolf Petersen.

Nachdem er den „aktuellen Buchstaben“ zu seinen Kollegen in die Kulisse gerufen hat, bittet er Maxl Graf, der leider in diesem Moment völlig verdeckt ist, um einen Gong und bedankt sich:

Gut gegongt, Graf!

Die Szene beginnt. Erhardt gibt den Hausfreund, die untreue Gattin begrüßt ihn:

Hausfreund:
Geliebte Gisela!
Ehefrau:
Geliebter … Gregorius!

Frau Worell überzieht restlos sowohl die Rolle der untreuen Ehefrau als auch die der improvisierenden Schauspielerin – ihre Schluck- und Grübelmimik wird sie den gesamten Vortrag hindurch beibehalten. Außerdem klaut sie ihrem Partner nun offensichtlich den nächsten Satz.

Ehefrau:
Günstige Gelegenheit.

Der überspielt das Mißgeschick, indem er ihren fehlenden Satz nachliefert:

Hausfreund:
Gatte ging.
Ehefrau:
Geschäftsreise.
Hausfreund:
Garmisch?
Ehefrau:
Gelsenkirchen.
Hausfreund:
(lacht anerkennend) Gute Geldgegend.
Ehefrau:
Genau! – Getränk gefällig?
Hausfreund:
Genialer Gedanke. Gerade Gewürzgurke gegessen.
Ehefrau:
Glas Grog?
Hausfreund:
Gern. – Gieß, gieß! … Genug, genug!

Die beiden stoßen an.

Ehefrau:
Gesundheit!

Die Pause, die Erhardt nun macht, ist ein Meisterstück des Timings und verantwortlich für die Heftigkeit des Lachers, der folgt.

Hausfreund:
Gleichfalls. – Gutes Gesöff. …

Erhardt stellt das Glas ab, reibt sich etwas unbehaglich die Fingerkuppen und zündet einen wunderbaren Mogel-Kalauer, den sonst niemand wagen dürfte:

Hausfreund:
Glebt!

Frau Worell erweist sich als unbesungenes Vorbild für den News-Block von „RTL Samstag Nacht“, indem sie einen tapfer erstickten Lachanfall andeutet. Erhardt springt ihr kurz bei, aber dann gibt es für den feurigen Liebhaber kein Halten mehr. Brünstig wirft er sich (wenn auch stehend) auf die Dame.

Ehefrau:
Glücklich?
Hausfreund:
Gebiss … gewiss, gewiss.
Ehefrau:
Glut!
Hausfreund:
Geht ganz gut, gell?
(laut und fordernd) Gib Gas!

Da kehrt der Gatte heim. Er wirkt, als habe er heimlich schon ein Weilchen zornig zugesehen.

Ehemann:
Gemeines Gesindel!

Wenig heldenhaft läßt Erhardt die Dame in einen Sessel fallen und duckt sich kurz hinter einen zweiten. Er fleht die Dame des Hauses um Schutz an und beklagt sich:

Hausfreund:
Giftiger Gartenzwerg geifert Galle!
Ehemann:
Genug gesehen! Große Gemeinheit!
Hausfreund:
Ge-Gespräch gänzlich geschäftlich. Gewürzgurken-Geplauder.

Dieses Wort schaffte es tatsächlich in den geflügelten Wortschatz der Prä-Loriot-Epoche.

Ehemann:
Gerede!
Hausfreund:
(stammelnde Suche nach einer Ausflucht) Gerade Gedrucktes gelesen. Günters „Grass-Drommel“.
Ehemann:
Glaube gar nichts! Greife Gewehr.

Händeringend versucht es der Ehebrecher mit Vertraulichkeiten.

Hausfreund:
Gustav! Genosse!

Der davon Unbeeindruckte zieht jetzt immerhin eine Pistole. Frau Worell läuft zum letzten Mal zur ganz großen Form auf und wirft sich vor ihm auf die Knie:

Ehefrau:
Grausam grantiger Gemahl! Gnade! Güte, Göttergatte!
Ehemann:
Gemetzel geplant! Geh, Ganove!

Der Gatte fuchtelt mit der Waffe Richtung Ausgang. Heinz Erhardt kann sein Glück kaum fassen. Dieser Schuft scheint tatsächlich nur die eigene Frau bestrafen zu wollen. Erleichtert geht er ab, ohne weiteren Widerstand zu leisten. Er verabschiedet sich betont beiläufig:

Hausfreund:
Grüß Gott.

Da feuert der gehörnte Gatte doch noch hinterrücks die Pistole ab. Erhardt zuckt kurz zusammen, faßt sich an den Hintern und paßt exakt den richtigen Moment für die Schlußpointe ab:

Hausfreund:
… Gesäß getroffen.

Großes Gelächter!

 

* Der Schwarzweiß-Sketch stammt aus dem 2. Teil der WDR-Sendung „Darf ich mal reinkommen?“, der am 2. Juli 1968 in der ARD erstmals ausgestrahlt wurde.

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3 Antworten auf „Alles mit G“ – eine kritische Würdigung

  1. Tachchen Herr Arnold,
    der netten Einladung zu Ihrem Blog folgend bin ich nun nicht nur präsent, sondern auch selbst hier. Der gute Heinz Erhardt hat bei mir schon seit der Jugendzeit einen seltsamen Kultstatus, zumal andere 14jährige dereinst so ihre Probleme mit seiner Art von Worthumor hatten. Dabei war er seiner Zeit doch offensichtlich voraus, wem gelang es denn schon bereits vor der sexuellen Revolution Ende der Sechziger und der Siebziger, das “ G “ so treffend auf den “ Punkt “ zu bringen.
    Selbstverfreilicht werde ich mich mal durch Ihren Blog wuseln und sicherlich über die eine oder andere Anekdote herzhaftig lachen.
    Möge der Geist unseres gemeinsamen Humors auf andere Geister überspringen wie Sandflöhe von einem Kamelhöcker zum anderen.
    Mit bestem Gruß zum Wochenende
    Theo

  2. Franky sagt:

    Bestens! Aber müsste es nicht „Günters Grass-Trommel““ heissen?

    • montyarnold sagt:

      Schon möglich – ich habe an dieser Stelle ein D gehört (ausnahmsweise kein G, aber eben auch kein T.) Da Heinz Ehrhard ja auch ein großer Phonetiker war, habe ich diese Variante gewählt.

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