Die Antike der Hochspannung

betr.: 33. Jahrestag der Erstsendung von „The Baby“ („Der Enkel“) aus der Serie „Dynasty“ („Der Denver-Clan“)

Charles Dickens, als Autor des dutzendfach verfilmten Klassikers „A Christmas Carol“ auch einer unserer größten TV-Festtagsprogramm-Schreiber, war ein umjubelter Live-Act. Seine in Fortsetzungen verabreichten Lesungen waren gut besuchte Events, Dickens ein viktorianischer Vorläufer des Solo-Entertainers. Außerdem gilt er als Erfinder des Cliffhangers, obwohl der allererste Fall der Dramaturgie des Triebaufschubs bei seinem Kollegen Thomas Hardy gefunden wurde. Ein Kapitel des Fortsetzungsromans „A Pair Of Blue Eyes“ endete damit, dass der Protagonist mit letzter Kraft an der buchstäblichen Klippe fhing.
Wie sich das Verhältnis der Massenmedien zu ihrem Publikum gewandelt hat (keineswegs nur zum Schlechten), lässt sich an den Veränderungen ablesen, die dieser Erzähltrick seither durchlaufen hat.

Bereits in den frühen Tagen des Hörspiels, in den 20er Jahren, wurde im Rundfunk mit der schier ausweglosen Gefahrensituation gearbeitet, die eine Serienepisode beendet und das Publikum zum Genuß der Fortsetzung zwingt. Aber auch ich als Babyboomer hatte noch Gelegenheit, die Urform, die Steinzeit-Version des Cliff-Hangers persönlich mitzuerleben.
1978 startete im ZDF die Serie „Western von gestern“. Hier wurden B-Western der frühen Tonfilmzeit für’s Vorabendprogramm zubereitet, d.h. sie wurden auf 25 Minuten pro Folge gekürzt, unsagbar schlampig eingedeutscht und nachvertont, aber in ihrer ursprünglichen Struktur belassen. Das Material war in den 30er und 40er Jahren als Mehrteiler im Kino-Vorprogramm gelaufen und handelte von z.B. Zorro, dem lustigen Senioren-Cowboy Fuzzy oder einem blutjungen, unfassbar gut aussehenden John Wayne. Am Ende jeder Folge geschah etwas für den Helden unweigerlich Tödliches. Ich erinnere mich an meinen ersten „Western von gestern“, in dem John Carroll in eine Mine hineinläuft, die sofort danach gesprengt wird. In der zweiten Folge setzte die Handlung etwas früher ein, und vor der Explosion sehen wir, wie sich Carroll wieder in Sicherheit bringt.
Dieser wenig respektvolle Umgang mit dem Zuschauer erfuhr 55 Jahre später eine prominente Kommentierung in der Stephen-King-Verfilmung „Misery“. Kathy Bates bekommt als sadistische Krankenschwester einen ihrer wenigen vollauf berechtigten Wutausbrüche, als sie sich daran erinnert, wie sie in ihrer Kindheit im Vorstadt-Kino saß und sich von dieser Masche verarscht fühlte. (Ich wusste, wovon sie sprach: bei mir war’s das ZDF!)

Der Cliff-Hanger wird erwachsen

Als in den 80ern die große Zeit der Seifenopern à la „Dallas“ und „Denver“ im deutschen Fernsehen anbrach, war die letzte Folge vor der Sommerpause mitunter ein Ereignis, das es sogar in die Nachrichten schaffte („Wer schoß auf J. R. Ewing?“). Es wurde nicht mehr so dreist gemogelt wie in den 30er Jahren, und die Spannung war auch für die Seriendarsteller groß. Wenn am Ende einer Staffel ein Blutbad angerichtet wurde oder ein Flugzeug abstürzte, bangten die geldgierigen Stars um ihr Überleben in der Serie.

Blenden wir weitere 30 Jahre in die Zukunft. Ich sehe das 3. Staffelfinale der Serie „Breaking Bad“. Das Drama läuft darauf hinaus, ob ein bestimmter Seriencharakter erschossen wird oder nicht. Er ist hochgefährlich für das zentrale Schurken-Helden-Duo, aber so kauzig und sympathisch, dass man im Fernsehsessel schlimme Ängste um ihn aussteht. Unmittelbar vor dem Ende der Sendung blicken wir gemeinsam mit diesem Mann in den Lauf einer Schusswaffe, und: — sie wird abgeschossen.
Was in früherer Zeit ein grausames Rätsel gewesen wäre (Wer stirbt oder stirbt nicht? Wer hat geschossen?), wird uns hier schon vor der Sommerpause verraten, und dennoch ist die Spannung unerträglich.

Die Geschichte braucht keine Trickserien mehr. Die Handlung ist so fesselnd, dass weder Heimlichtuereien noch glatte Lügen notwendig sind, um das Publikum bei der Stange zu halten. Ich denke, Charles Dickens hätte wieder eingeschaltet.

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