Das fidele Totenlager

betr.: 19. Todestag von George Burns / der demografische Wandel

Der unbescheidene Schriftsteller, Offizier und Insektenkundler Ernst Jünger hat sich mit 103 gewünscht, 105 zu werden, weil seine Lebensspanne dann zwei Jahrtausende und drei Jahrhunderte umfaßt hätte, aber das hat er knapp verfehlt. Man kann auch kleinere Brötchen backen. Wenn man die Lebensdaten des legendären US-Komikers George Burns betrachtet, fällt auf, wie knapp er seinen 100. Geburtstag überrundet hat (etwa um drei Wochen). Es liegt nahe, dass die nachlassende Anspannung nach dem Erreichen dieser biblischen Marke letztlich den Ausschlag gegeben hat, friedlich einzuschlafen. Meine Großmutter väterlicherseits gehört zu denen, die das auch geschafft haben, wenn auch nicht ganz freiwillig.

Meine Oma hat ihr ganzes Leben in einem winzigen Dorf verbracht, um das herum sich im Laufe dieser Zeit das Saarland herausbildete. Ihre weiteste Reise dürfte der regelmäßige Weg zur Kirche gewesen sein, etwa zehn Gehminuten für einen jüngeren Menschen. Als sie die 80 überschritten hatte, entwickelte sie eine besondere Marotte: sie dachte über das Ende nach, also darüber, dass sie eigentlich keine Lust mehr hatte. Dann pflegte sie sich ins Bett zu legen, eine eingefallene Leichenmiene aufzusetzen und – diese Einzelheiten rekonstruiere ich jetzt – auf die Engel zu warten, die sie aus dem irdischen Jammertal hinweghöben. Alt genug war sie ja weiß Gott. Leider war Oma sehr robust und kerngesund, und natürlich blieb ihr Herz nicht einfach stehen, bloß weil ihr das gerade mal hätte so passen können. Nach einigen Tagen wurde ihr dann immer langweilig, sie stand wieder auf und erklärte meiner Mutter –der Verwandten, die sie am häufigsten sah – „Isch läwe nommoh nou!“ („Ich lebe wieder neu!“).
Dieses Ritual vollzog sich von Zeit zu Zeit, aber Oma blieb noch lange stramm und stabil.
Erst mit Ende 90 ließen ihre Kräfte dann allmählich nach.
Die Verwandtschaft begann sich zu sorgen. Der 100. Geburtstag ihrer Ahnherrin war in greifbare Nähe gerückt – das hieß: Schnittchen, Freibier, einen großen Artikel im Pfarrbrief, eine Erwähnung im „Aktuellen Bericht“ der „Landesschau“ und ein Grußwort des Ministerpräsidenten. Was, wenn sie nun in den nächsten Jahren aus Versehen mit ihrer Sterbebettnummer Erfolg haben sollte.
Häufiger als in den 99 Jahren davor bekam sie nun Verwandtenbesuch, der ihr einschärfte, sie hätte sich zusammenzureißen. So kurz vor dem Hundertsten abzunippeln, wäre ein unfreundlicher Akt der Familie gegenüber. Ein besonders entschlossener Onkel drohte sogar: „Wenn du schterbscht, gäbschde geschwaat!“ („… dann gibt’s was auf den Hintern!“) – das war sicher nur bildlich gemeint, kam aber an.
Oma erkannte den Ernst der Lage. Sie wußte, sie mußte durchhalten.
Leider hatte sie längst kein Zeitgefühl mehr.
Meine Mutter mußte ihr helfen.
Von Zeit zu Zeit fragte Oma mit der Miene der gepeinigten Kreatur: „Dauert‘s noch lang?“ Es dauerte noch eine ganze Weile ein Weilchen.

Dann kam der große Tag. Es war Anfang August, und das Wetter war prächtig. Eine Eventfirma stellte eines dieser Drahtzelte mit Papierbesatz auf, setzte Oma hinein, und tatsächlich kam der Ministerpräsident.
Es war vollbracht! Eine Woche danach ist sie erleichtert von uns gegangen.

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