„Das war ja leider sehr gut!“

betr.: 95. Geburtstag von Joe Luga

Der Kabarettist und Chansonnier Joe Luga konnte sich – in zahlreichen angemessenen Einzelfällen – neidlos mit und über Kollegen freuen. Das war schon seinen spontanen Feedbacks nach der Vorstellung zu entnehmen, die leider keinen Eingang in die bewahrende Schriftlichkeit gefunden haben. Nachdem er zum ersten Mal den 18jährigen Tim Fischer live erlebt hatte, sagte er zu ihm: „Dich muß man – fast nackt – schwarz lackieren! Wie Margo Lion!“

Ich war neu in Hamburg und hatte gerade meine ersten Auftritte in einschlägigen Clubs hinter mir, da hatte ich jemanden auf dem Anrufbeantworter, den ich der Stimme nach für eine alte Dame hielt, und auch der Vorname „Joe“ sprach ja nicht völlig dagegen. Bei unserer ersten Begegnung entpuppte sich die Anruferin – sie hatte mich zu einem kollegialen Kennenlernen in ihre kleine Mansardenwohnung am Pulverteich eingeladen – als ein zierlicher Greis. Es war Joe Luga, der mich als „neuen Kollegen“ unbedingt treffen wollte. So tat er das unablässig mit jüngeren und reifen Kollegen der Kleinkunstszene, und er stellte auch Verbindungen zwischen ihnen her. Einige von ihnen verwickelte er in Bühnenprojekte – so begegnete ich erstmals Rainer Bielfeldt und Sören Sieg (zwei meiner wichtigsten musikalischen Begleiter in den nächsten Jahren) und meinem (diesmal singenden) Sprecherkollegen Jens Wawrczeck.

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    Mit Joe Luga bei einer Dada-Sendung des Saarländischen Rundfunks.

Joe war die lebende Vorwegnahme eines sozialen Netzwerkes und ein Unikum, das unablässig entweder arbeitete oder feierte. Er vertrug eine Menge, aber nie habe ich ihn lallend oder sonstwie dem Anschein nach betrunken erlebt. Insofern war er mit seinen 70 Jahren vollkommen alterslos, gleichzeitig aber ein offensichtliches Überbleibsel aus einer versunkenen Ära, das nie auf die Idee gekommen wäre, sich jünger machen zu wollen. Setzte er sich selbst ans Klavier, um seine Chansons vorzutragen, bewies er (bis zuletzt) ungebrochenen Unterhaltungswert. Nicht wenige der Originalinterpreten hat er gekannt oder gar mit ihnen gearbeitet. Er sang Klassiker wie „Montevideo“ oder „Stroganoff“, ließ arg gängiges Material in neuem Licht erscheinen (zum Beispiel, indem er der „Kleptomanin“ eine dritte Strophe hinzufügte, die Friedrich Hollaender zwar nicht besonders gemocht, ihm aber genehmigt hatte), brachte manchen versunkenen Hit schöner als je zuvor (so das gleichzeitig komische und anrührende Medley aus „Ich brauch‘ Zigaretten“ und „Was weißt denn du?“) und Eigenes – wie das unanständige „Gelbe Sofa“. Man ahnt, worum es in fast all diesen Chansons ging: „Liebe und Partnerschaft“, um es vornehm auszudrücken. Selbstverständlich wurde es niemals zotig, behielt stets die Delikatesse, die erotische Inhalte in den Liedvorträgen der 20er Jahre vermutlich besessen haben.

Aus meiner Sicht ist die besondere Pointe seiner Biographie die Art und Weise, in der Joe Luga sein Schwulsein in Deutschland erlebte: als offensichtlicher Homosexueller kam er besser durch den Nationalsozialismus als durch die Adenauer-Ära. Hatte er als en travestie agierender Truppenbetreuer hin und wieder sogar schneidige Groupies, landete er in der jungen Bundesrepublik zweimal wegen seiner Neigungen im Zuchthaus.
Bis zum Pensionsalter war er Buchhändler, danach wieder hauptberuflicher Brett’l-Künstler. Zu milder Popularität gelangte Joe Luga in der „Klimbim“-Nachfolgesendung „Zwei himmlische Töchter“, aber in erster Linie war er nun einmal Chansonnier, und als in den 60er Jahren das politische Kabarett dem Chanson den Rang ablief, verfestigte er sich zum „ewigen Geheimtipp“.

Joe wurde 82 und kam letztlich durch die Ungeschicklichkeit Dritter ums Leben. Der demografische Wandel bringt es mit sich, dass wir immer häufiger alberne Monologe mit anhören müssen, die davon handeln, man nehme es mit Humor, dass der Arsch in Falten herunterhinge (wir aber „die Alten“ blieben) und dass man immer häufiger auf Menschen trifft, die letztlich über Krankheiten reden wollen.
Joe hat diese Unsitten – bei aller Redseligkeit – stets vermieden. Niemals sonst ist mir ein annähernd betagter Mensch begegnet, der so restlos als Beispiel dafür taugte, dass das Leben nicht schon mit 40 aufs Ende zustrebt.
Zugabe!

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3 Antworten auf „Das war ja leider sehr gut!“

  1. Christian Jacobi sagt:

    Sehr schön geschrieben ♥️

  2. Pingback: Die wiedergefundene Textstelle: "Harry Potter" - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

  3. Alicia Fassel sagt:

    Lieber Monty Arnold,
    wunderbarer Kommentar zu Joe Luga!!! Danke! Heute, 13. Nov.2019, im Klassik Forum WDR 3, MONTEVIDEO gehört…und einfach baff und begeistert!!! Noch nie von Joe Luga gehört, gegoogelt und auf Ihren erhellenden Essay gestossen.
    Wir kennen uns, nach Jens Wawrczecks Lesung MARNIE ( 29.9.19) noch zusammengesessen und gemeinsam, mit meiner Tochter Anja (EDT, Damen-Gewandmeisterin) zum Bus gestapft…
    Herzl. Gruß Alicia Fassel.

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