Unter fremder Signatur

betr.: 114. Geburtstag von Carl Barks

Als ich neulich beim Friseur wartete, fiel mir – mit einigen Wochen Verspätung – das neueste „Donald Duck„-Weihnachts-Sonderheft in die Hände. Ich entnahm ihm, dass auch in Entenhausen (und sogar beim Weihnachtsmann am Polarkreis) inzwischen mit Computern und Smartphones gearbeitet wird (gar nicht mal so verwunderlich) und dass inzwischen die Autoren, Zeichner und Übersetzer auf der ersten Seite jeder Geschichte genannt werden (Ein dicker Hund!). Solange ich mich erinnere, war es Teil der Disney-Hauspolitk gewesen, solche Details ungenannt zu lassen, zumindest in den Druck-Erzeugnissen. Diese Taktik hat ihre Wirkung nicht verfehlt: noch in den 90er Jahren soll es Menschen gegeben haben, die glaubten, Walt Disney habe tatsächlich „alle Zeichnungen selbst gemacht“.
Dass man Disney-Zeichner- und Autorennamen heute sogar beim Friseur erfährt, hängt mit Carl Barks zusammen.

Walt Disney – an dessen Vision und Genie selbstredend nicht der geringste Zweifel besteht – hat bekanntlich keine einzige „Disney“-Figur selbst erfunden. Die berühmte Maus war eine geringfügige Mutation des Karnickels Oswald, die genau wie dieses von Ub Iwerks gestaltet und gezeichnet wurde, der Name „Mickey“ war Disneys Frau eingefallen. Donald Duck wurde in einem Cartoon eingeführt, den Art Babbitt und Dick Huemer zeichneten, seine letztliche Gestalt (mit kürzerem Schnabel und etwas weniger knubbeliger Statur) hat z.B. Jack Hannah besorgt. Goofy wurde von Art Babbitt quasi im Alleingang geschaffen. Entenhausen – mit Onkel Dagobert, Daniel Düsentrieb, den Panzerknackern und dem Geldspeicher – hat Carl Barks errichtet. Er war zuvor Mitautor jenes Trickfilms von 1938, in dem die drei Neffen erstmals auftraten. Nebenbei etablierte er einen Qualitätsstandard, an dem sich seither abgearbeitet wird.

In den frühen Bänden der „Lustigen Taschenbücher“, mit der meine Generation aufgewachsen ist, gab es die Comics ungenannter italienischer Künstler zu lesen, unter ihnen manchen Stümper (der Allerschlimmste: „Vorgeschichten“-Erzähler Guiseppe Perego), aber auch wirkliche Meister wie Giovanni Cavazzano, Giovan Battista Carpi und Luciano Bottaro°. Aus alledem ragten die zufällig hineingeratenen Gastauftritte zweier Barks-Geschichten in dieser Reihe auf den ersten Blick heraus (– sie waren regulär in den von Erika Fuchs übersetzen Mickymaus-Heften zu finden). Dieser Stil war eine Klasse für sich, und da wir es nicht besser wußten, nannten wir den Mann dahinter nur „diesen guten Zeichner“.

In den 60er Jahren gelang es hartnäckigen Fans, die Identität von Carl Barks herauszufinden und ihn zu kontakten. Der Konzern hatte bis dato nicht mal die Fanpost an ihn weitergeleitet, die seine herausragende Arbeit ausgelöst hatte.
Die Geheimidentität wurde bald in Fanzines publik gemacht.
Da der Name Barks nun in der Welt war, machten die Disneys das Beste draus und verdienten weitere Millionen an einer bis heute nicht abreißenden Flut von „Carl Barks Editionen“ – in immer neuen Aufmachungen. Erika Fuchs, die inzwischen ebenfalls Kultstatus erlangt hatte, mußte sie teilweise nochmals überarbeiten. Alle erhielten eine „verbesserte“ Colorierung, die vor allem auf dem matten Papier der 1993 gestarteten Ehapa-Reihe einfach grauenvoll aussah.

Der längst pensionierte Barks erlebte noch bis 2000 den späten und wohlverdienten Rummel um seine Person und hat ihn allem Anschein nach genossen. Jedenfalls entzückte er die Öffentlichkeit mit seinem bescheidenen Charme und erwies sich auch unter PR-Gesichtspunkten als echter Glücksfall und guter Botschafter seiner Zunft. Mit seiner Würdigung wurden auch die o. g. Kollegen von Mondadori, Mailand, der Anonymität entrissen.

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° siehe Blog vom 26.1.2015

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Eine Antwort auf Unter fremder Signatur

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