Ganz schön alt, die arme Kleine

betr.: 85. Jahrestag der Premiere von „Der Blaue Engel“ in Berlin

Wenn wir Maria Rivas backsteindickes Erinnerungsbuch „Meine Mutter Marlene“* hätten ernst nehmen wollen – was schwer genug fiel – dann hatte sie es wirklich nicht leicht. Stimmt schon – seine Eltern kann man sich nicht aussuchen, und selbst Goethe, der sich ja über seine Herkunft so recht nicht beklagen konnte, haderte bekanntlich mit derselben. Aber Marlene Dietrich zur Mutter zu haben, muß wirklich das Allerschlimmste gewesen sein.

Nun steht es freilich niemandem zu, die Hobby-Autorin dafür zu kritisieren, dass sie es abscheulich fand, in Kalifornien aufzuwachsen, ihre Kindheit am Pool zu verbringen und ständig diese eitlen emigrierten Künstler um sich haben zu müssen, während die Landsleute ihrer Mutter nach und nach die Folgen der Allmachtsphantasien ihres demokratisch gewählten Diktators zu spüren bekamen. Vielleicht hätte uns das ja auch nicht so gut gefallen – wer weiß?
Auch für die gruselige Schreibe ihrer Lebenserinnerungen müssen wir ihr nicht böse sein – es war ja nur ein Angebot auf einem freien Markt. Dass sie selbst Dialoge, die vor ihrer Geburt geführt worden sind, in ausführlicher wörtlicher Rede (und sämtlich in dem ihr eigenen Stil) wiedergibt, kann ohnehin nur ein Kunstgriff sein. Und dass sie ihre Mutter, die sich politisch sehr integer verhalten und dafür nach dem Krieg in ihrer Heimat ausgiebig Prügel bezogen hat, als unpolitisch und ihren Antifaschismus als versehentliche Laune hinstellt – geschenkt. Wer sowas glaubt, ist ja wirklich selber schuld.
Die Idee hatte sich ja auch schon bewährt: die Tochter von Joan Crawford hat mit dieser Masche richtig abgeräumt.

Als fernsehender Zeitzeuge der Promo-Tour von Maria Riva, die ihr Buch unmittelbar nach dem Tode der so arg beschumpfenen Mutter herausbrachte und hierzulande in zahlreichen Zeitungsinterviews und Talkshow-Auftritten bewarb, erinnere ich mich aber an ein Detail, das ich ihr bis heute krumm nehme.
Zu meiner und auch zu Frau Rivas großer Überraschung mochte nämlich das Medienbürgertum der Bundesrepublik, das bis zuletzt mit Marlene sehr gehadert hatte, dieser Künstlerin offenbar auf einmal nicht mehr böse sein.
Bei ihrem ersten großen Fernsehauftritt schimpfte sie bitterlich auf ihre seelisch grausame und weit überschätzte Mutter, ganz so, wie sie es auch in ihrem Buch getan hatte. Schon die Reaktion im Studio blieb hinter ihren Erwartungen zurück, was die mitgeteilte Zustimmung betraf. Die Presse am nächsten Tag bestätigte diesen Eindruck: ihr Auftritt wurde allgemein als unsympathisch, undankbar und rüpelhaft empfunden. Sogar die Leserbriefschreiber versagten ihr die Gefolgschaft. An eine typische Zuschrift erinnere ich mich noch: „Ein Glück für Greta Garbo und uns (!), dass die keine Tochter hatte!“ 

Was tat nun Maria Riva, die bei ihrem ersten Auftritt noch betont hatte, welch tiefes menschliches Anliegen es ihr sei, die Welt aufzuklären über das „wahre Gesicht“ ihrer Raben-„Mutter Marlene“? Stellte sie sich etwa auf die Hinterbeine? Fuhr sie damit fort, ihr Los offenzulegen? Zeigte sie Haltung?
Mitnichten!
Auf einmal war alles gar nicht mehr so schlimm gewesen. Naja, dieser ewige Sommer an der Westküste – schon doof. Die vielen Parties, die ewigen Reisen, ständig neue Kindermädchen – also wissense, nee! Ein zugiges Mehrfamilienzimmer im guten alten Germany, ein paar Bombennächte im Keller, Flucht und Vertreibung – das hätte schon mehr zur Charakterbildung beigetragen als das Herumgesitze mit diesen oberflächlichen Amis. Aber was soll’s? So war es halt, das Leben mit dem alten Zirkuspferd. Unter uns: es war ja auch nicht alles schlecht.

Frau Riva erkannte mit kleiner Verspätung, dass sich – mit ihrem Buch und überhaupt – viel mehr Zaster machen ließ, wenn sie die unerklärliche plötzliche Nachsicht der Deutschen mit der großen „Vaterlandsverräterin“ unterstützte. In der Fernsehdoku „Her Own Song“ war das geplagte Kind im Endstadium der braven Tochter angekommen, die freigiebig mit Deckweiß und Weichzeichner arbeitet.
Wie war es denn nun wirklich, als Tochter dieser Diva aufzuwachsen? Von Maria Riva erfahren wir es jedenfalls nicht.


* Es erschien am 19. Dezember 1992 auf deutsch im Bertelsmann-Verlag, frühestmöglich nach dem Tod der darin portraitierten Marlene Dietrich.

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