Kein Monster wie alle anderen

betr.: 14. Todestag von Michael Sarrazin

Als ich 13 war, machte mir und meinen Altersgenossen das ZDF die Freude eines Horrorfilm-Schwerpunktes. Nach Heinz Edelmanns wunderschönem Jingle „Der fantastische Film“ duellierten sich Christopher Lee und Peter Cushing in mehreren Hammer-Movies, „Nosferatu“ wurde gezeigt und einige amerikanische B-Pictures.

Ein vergleichsweise bedeutungsloser Beitrag zur Reihe ist mir in herzlichster Erinnerung geblieben, ein britischer Zweiteiler, der meinen Lieblingsstoff in einer betont sorgfältigen Aufbereitung versprach. Der Film hieß: „Frankenstein, wie er wirklich war“.
Die Besetzung war atemberaubend! David McCallum war einer meiner Helden (durch die TV-Serie „Der Unsichtbare“ und den Adventsvierteiler „Die Abenteuer des David Balfour“), weiterhin traten alte Filmstars in kleinen Rollen auf (Michael Wilding, Agnes Moorehead, Ralph Richardson) und einer in einer ganz großenaus Hollywood: James Mason als widerwärtiger Einflüsterer Dr. Polidori. Der wundersüße Romeo aus Zeffirellis Shakespeare-Verfilmung war zwar immer noch jung, aber zu einer fahlen Milchsemmel gereift: Leonard Whiting in der Rolle des Dr. Frankenstein. Jane Seymour sagte mir noch nichts: die junge Dame, die sich hier als Monsterbraut Prima in einer besonders eindrucksvollen Szene den Kopf abreißen lassen muß, stand im selben Jahr Roger Moore bei dessen James-Bond-Debüt zur Seite.
Und dann war da noch ein mir völlig Unbekannter, der das Monster zu spielen hatte: Michael Sarrazin.

Sarrazin, ein Kanadier, der zuvor u.a. in Sydney Pollacks „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß“ die männliche Hauptrolle spielte, war von einer schon fast albern wirkenden Schönheit, doch das ist sinnig. In dieser Version der Geschichte ist das Monster nämlich zunächst scheinbar geglückt. Schöpfer und Kreatur freunden sich an und gehen zusammen aus – ein richtiges Idyll. „Aber dann bemerkte ich grausame Veränderungen an ihm“, wird Dr. Frankenstein in der Rückblende vor dem zweiten Teil berichten. Der bekanntlich aus Leichenteilen gefertigte Kunstmensch beginnt nämlich langsam zu vergammeln und wird zu jenem Ausgestoßenen, den wir schon in früheren Umsetzungen der Geschichte kennengelernt haben. Dass das nun wirklich „Frankenstein: The True Sory“ war, kann ich nicht bestätigen, aber es war eine berührende und einleuchtende Auslegung, die neue Aspekte der Vorlage in den Blick nahm.

Produktionen aus dieser Zeit wirken heute stets unschuldig und etwas unbeholfen. Sie werden im Fernsehen überhaupt nicht mehr gezeigt – nicht einmal nachts oder auf den öffentlich-rechtlichen Archivkanälen.
Ich bin glücklich, diesen „Frankenstein“ zu einer Zeit gesehen haben, als einem Realschüler Film- und Fernsehmonster noch richtig Angst machen konnten.

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