Zuckende Querstreifen

betr.: 19. Todestag von Saul Bass

Unlängst begegnete mir ein Grafikstudent, der mir auf Nachfrage mitteilte, er habe noch nie einen Comic gelesen, und er sei auch nicht daran interessiert, das jemals zu tun. Ich gestehe: das fand ich reichlich absurd. Das kommt mir vor, als wollte jemand amerikanischer Präsident werden, ohne lesen zu können.
Damit nicht genug der bösen Unterstellungen: ich bin sicher, auch Saul Bass dürfte der junge Mann nicht kennen.
Saul Bass war ein Bewegungs-Grafiker, ein Vorspanndesigner. Natürlich wird ihm diese Etikettierung nicht gerecht, aber das würde auch keine andere.
Besonders heute nicht: Vorspänne gibt es in Hollywood fast gar nicht mehr. Ab und an werden sie ans Ende des Films gehängt, unmittelbar vor den Abspann (Wer kam bloß auf diese bescheuerte Idee, und warum haben es alle nachgemacht?) – aber dann kann man ja nicht mehr von einem Vorspann sprechen.

In den 60er Jahren feierte der Filmvorspann seine Glanzzeit. Er war damals eine derart eigenständige Kunstform, dass man ihn zur Oscar-Disziplin hätte erheben können. Es gab in jenen Tagen drei konventionell-unkonventionelle Wege, einen Film zu beginnen. Entweder man machte einen lustigen Trickfilm – wie es DePatie-Freleng Enterprises mit dem „Rosaroten Panther“ vorexerziert hatten – oder man hielt es mit Maurice Binder, dem Meister der kurvenreichen James-Bond-Optik. Und dann gab es noch Saul Bass, dessen prägnanter Personalstil ihm gleichwohl verschiedenste Möglichkeiten erlaubte. Er spielte mit den Buchstaben der Informationen, die er zu vermitteln hatte („West Side Story“*), mit dem Material, auf dem diese Buchstaben geschrieben waren („Bunny Lake Is Missing“) oder mit Linien oder geometrischen Figuren, die durch’s Bild liefen und unerklärlicherweise mehr waren als Linien oder geometrische Figuren („The Seven Year Itch“, „North By Northwest“, „Psycho“). Für Spektakel mit Überlänge kam auch schon mal eine komplette Museumsausstattung heraus („Around The World In 80 Days“*) oder eben ein schräger Cartoon („It’s A Mad, Mad, Mad, Mad World“).

Otto Preminger, mit dessen Klassiker „The Man With The Golden Arm“ Bass sich endgültig durchsetzte, beschäftigte ihn 25 Jahre lang bei jedem seiner Filme. Auch auf dem Filmposter, als unbewegte Titelgrafik, sahen diese Sachen verdammt gut aus. Alfred Hitchcock setzte Bass am Beginn seiner umjubelten Spätphase ein, und sogar beim legendären Mord unter der Dusche hat der Grafiker entscheidend mitgewirkt.

Selbstverständlich hat Saul Bass auch in der Werbung und als Trickfilmer gearbeitet, außerdem  drehte er eine Reihe von Dokumentarfilmen. Einen einzigen Spielfilm hat er realisiert: „Phase IV“ von 1974. In diesem Science-Fiction-Film über eine Invasion intelligenter Ameisen arbeitet er mit Natur- und Landschaftsaufnahmen. Ansonsten widersteht er hier der Versuchung, in seine übliche Trickkiste zu greifen.

Die Vorspänne von Saul Bass sind einerseits ideale Prologe ihres jeweiligen Films, und gleichzeitig sind es eigenständige Werke, die mit dem jeweiligen Soundtrack eine verblüffende Einheit bilden. Da wir auf eine Kino-Retrospektive seiner Arbeiten aus einleuchtenden Gründen nicht hoffen dürfen, bleibt nur der virtuelle Museumsbesuch auf Youtube (- eine Einführung gibt ein Kollege auf https://www.youtube.com/watch?v=WUOBkv5z6Ys). Das lohnt sich, nicht nur für Grafikstudenten.

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