Kleine Naturgeschichte des Popgesangs

betr.: 112. Geburtstag von Bing Crosby

Zu Beginn des Tonträgerzeitalters – vor etwa 100 Jahren – interessierte sich das Publikum nur für klassische Gesangstimmen. Die Interpreten des sich eben etablierenden „non-legitimate“-Gesangs waren Teile von Gruppen – Combos, später Big Bands – und ebenso namenlos wie die „übrigen Instrumente“.
So begann auch der junge Sinatra als anonyme Stimme im Orchester Harry James – ein Geheimnis, das bald gelüftet wurde und den Weg nicht nur zu dessen Karriere freigab, sondern allgemein das Interesse an der Identität der Sängerinnen und Sänger der leichten Muse beförderte.

Einer der ersten Schallplattenstars war jedoch Bing Crosby, dessen warmer Bariton in allen damals üblichen Stilen zum Einsatz kam: in klassischem Liedgut aus Europa ebenso wie im brandneuen Genre des Jazz- und Musicalgesangs. Historische Bedeutung erlangte Crosby als Interpret des „größten Songs aller Zeiten“*, des ersten nicht-religiösen Weihnachtsliedes: „White Christmas“. Diese Platte wurde so oft verkauft, dass schließlich alle Matrizen bis zur Unbrauchbarkeit abgestumpft waren und Crosby ein zweites Mal ins Studio gebeten werden mußte, um die Originalversion möglichst naturgetreu noch einmal aufzunehmen.
Bing Crosby gilt als Erfinder des „Croonings“, eines populären Gesangsstils, der auf einer tiefen, runden und ausgewogenen Gesangsstimme aufbaut und den Effekt andeutet, in eine Regentonne zu singen.

Bing Crosbys Vorbild reicht weit in unsere Tage hinein. Er hat seinerzeit praktisch alle männlichen Pop-Gesangskünstler mittelbar oder unmittelbar beeinflusst, ganz besonders deutlich hörbar den Latino-Star Dean Martin. Dean Martin wiederum ist – über eine aufragende Generations- und Geschmacksgrenze hinweg – das wichtigste technische Vorbild für Elvis Presley, den „King“ und damit des bedeutendsten Solo-Sängers des 20. Jahrhunderts.*

Die Ehre, den Pop-Gesang seinerseits zur anerkannten Kunstform erhoben zu haben, wurde erst Aretha Franklin zuteil, die 1967 ihren Durchbruch feierte. Die berühmte Soulsängerin revolutionierte die Unterhaltungsmusik „mit einer stimmlichen Makellosigkeit, die man zuvor nur aus dem ernsten Fach kannte“ (F.A.Z.). Damit wurde auch diese Art zu singen gewissermaßen legitimate.

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* Diese für den heutigen Musikfreund ungeheuerlich klingenden Einordnungen haben Hand und Fuß, können aber aus Platzgründen hier nicht vertieft werden. Die seriöse Fachliteratur hilft weiter.

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