„Bin so germanisch depressiv“

betr.: 90. Geburtstag von Hanns Dieter Hüsch

Hanns Dieter Hüsch war zu einer Zeit Kabarettist, als dieses Berufsbild gerade vom linken Lager, dem es traditionell nahesteht, streng definiert und sagen wir: im Auge behalten wurde. Hüsch war seinen Linken und auch vielen Journalisten und Fach-Autoren zu alltagsorientiert, zu privat, zu wenig agitativ.

Ausgerechnet im Jahre 1968 löste er Georg Thomalla als Off-Sprecher eines TV-Formates ab, in dem große und vergessene Stars des stummen Slapstick-Kinos fürs Vorabendprogramm aufbereitet wurden. Zug um Zug übernahm er vom zuständigen Redakteur Heinz Caloué auch die Autorenarbeit. Das war für seine Kitiker der Beweis: jetzt ist der Draht zur Satire endgültig zerschnitten, und der Kerl denkt nur noch an die Kohle!
Was niemand wissen konnte: die Arbeit war sehr schlecht bezahlt (Hüschs Tätigkeit lief unter „Synchron“, und hier wird nach Takes abgerechnet – die dauerten allerdings bei Off-Sprache im Stummfilm erheblich länger als in dieser Branche üblich). Auch der inhaltliche Vorwurf tat dem Künstler unrecht – was jeder sehen konnte, der die Sendung wirklich einschaltete. Hüsch setzte die Anarchie des frühen Komödienkinos auch auf der Tonspur fort, lästerte gegen Frömmelei, die Institution der Ehe, die Polizei, Spießertum und Bigotterie und warb für Toleranz gegenüber sexuellen Spielarten (wozu ihm z.B. die oft sehr homosexuell konnotierten Solo-Arbeiten Stan Laurels Gelegenheit boten). Dass diese Kinderfunk-Beiträge (!) von der heutigen „Fernsehkult“-Renaissance ausgenommen sind, hat in unserer Ära der Political Correctness sicher auch inhaltliche Gründe.
Den schönsten Beweis dafür, dass Hüschs Satire nicht ohne den geforderten Biss war, liefert eine unerzählte Geschichte.
Nach dem Tode seines Freundes und Förderers Günter Neumann hatte es sich Hans Rosenthal angewöhnt, Chanson-Künstler und Liedermacher als „Einlagen“ in seine Spielshow „Dalli Dalli“ einzuladen. In einer Sendung, die niemandem wehtat, kam es so nun hin und wieder zu kleinen Dosen der Sozialkritik. Irgendwann war Hanns Dieter Hüsch an der Reihe. Er bot der Redaktion sein Chanson „Trachtentänzer“ an – ein unverfänglich klingender Titel.
Hüsch war auf dem Weg von einem Schweizer Gastspiel ins Studio, als er per Bahnhofslautsprecher gebeten wurde, aus dem Zug auszusteigen und ans Telefon zu kommen. Am Apparat war eine Mitarbeiterin von „Dalli Dalli“. Sie sagte: „Lieber Herr Hüsch, Herr Rosenthal hat sich Ihr Chanson zwischenzeitlich einmal angehört, und er ist sehr unglücklich. … Sie bekommen selbstverständlich Ihre Gage …“ Dieses Angebot wurde von dem verärgerten Hüsch als „Judasgeld“ zurückgewiesen.

Im Gegensatz zu den meisten „Lästermäulern“ „mit der scharfen Zunge“, den „Nestbeschmutzern“ „mit der spitzen Feder“, die die Riege der politischen Kabarettisten stellten, trat Hanns Dieter Hüsch nicht nur den in der Regel abwesenden Bonzen und Machthabern sondern auch schonmal dem Konsumenten im Fernsehsessel auf die Füße.
Aber vielleicht ist das ja nicht gemeint, wenn von Satire die Rede ist.

 

* Es wurde bis Mitte der 70er eine Vielzahl derartiger Reihen: „Väter der Klamotte“, „Männer ohne Nerven“, „Pat und Patachon“, „Es darf gelacht werden“, „Dick und Doof“, „Zwei Herren Dick und doof“ …

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Eine Antwort auf „Bin so germanisch depressiv“

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