Vom Verpassen der Jugend

betr.: 118. Geburtstag von Frank Capra

Frank Capra gilt als Erfinder der Screwball-Comedy, eines Komödiengenres, das im US-Kino der 30er und 40er Jahre von großer Bedeutung war.
Seine Autobiographie ist spannend, warmherzig und lehrreich – bis auf die allerletzten Kapitel, wo er den reaktionären Stinker herauslässt, der das Endstadium so vieler Lebensläufe bildet.

Weiter vorn jedoch feiert er die Jugend als besonders leistungsintensiven Lebensabschnitt. Die höchste kreative Potenz verortet er bei Mitte 20, denn „In diesem Alter tritt die Mischung von Wissen und Ungestüm in ihrer höchsten Potenz auf. Mit 26 ist ein Wissenschaftler vollgestopft mit Kenntnissen, die dem neuesten Stand der Forschung entsprechen, und doch rebellisch und putzmunter genug, um das konservative wissenschaftliche Establishment herauszufordern und ein paar gewagte Hypothesen zu lancieren.“ Es folgen mehrere Seiten (!) mit Beispielen aus allen Epochen und Lebensbereichen, die dies Untermauern – von Einstein und seiner Relativitätstheorie, Napoleons und Lincolns Eintritt in die Politik, Marco Polos Eintreffen in Peking und Michelangelos Erklärung zum Meistermaler bis hin zu Shakespeares erstem großen Drama „King Henry VI“ (alle 26).
Mir, der ich Capras Buch einst in meiner Eigenschaft als Filmfreund las, fielen natürlich ganz andere Beispiele ein, die aber dessen These untermauerten: Chaplin wurde mit 26 zum Weltstar, und Hitchcock inszenierte seinen „ersten richtigen Hitchcockfilm“ „The Lodger“, Orson Welles drehte „Citizen Kane“ mit knapp 26, Eisenstein seinen „Potemkin“ mit 27, und der Pyromane Nero war auch in diesem Alter, als er im Widerschein seines selbstgelegten römischen Freudenfeuers die Harfe spielte – ein unvergesslicher Filmmoment dank Peter Ustinov.

In meiner frühen Zeit als Dozent habe ich meinen Studenten gern diese Stelle aus dem Capra vorgelesen, aber damit habe ich irgendwann aufgehört. Erstens freuten sie sich nie darüber, und zweitens ist die Welt so viel komplizierter geworden.
Einerseits findet der Stimmbruch heute etwa vier Jahre früher statt als zu Capras Zeiten (Mädchen sind sowieso schon viel früher mit allem fertig), während die Lebenserwartung stetig ansteigt – eine enorme Verbreiterung der nutzbaren Lebensmitte!. Trotzdem wird das Abitur beschleunigt und nicht ohne Grund über die Abschaffung der Kindheit geklagt.
Mir wurde früher von den schlichten erwachsenen Gemütern in meiner Umgebung immer nur erzählt, ich solle mich gedulden und erst mal in dieses oder jenes Alter kommen – und plötzlich war ich für fast alles zu alt, worauf ich so lange gewartet hatte.
Der schon erwähnte Orson Welles stellte in einem Filmprolog von 1941 (die Sequenz beschäftigt sich mit der behaglichen Langsamkeit des späten 19. Jahrhunderts, als die Pferdebahn das einzige öffentliche Verkehrsmittel war) fest, dass „wir umso weniger Zeit haben, je schneller wir vorwärts kommen“.
Stimmt!
Und auch ein populärer Vorwurf, der mir zugegebenermaßen nie persönlich gemacht wurde, ist nicht von der Hand zu weisen: „Wenn du dich angestrengt hättest, könntest du es längst so weit gebracht haben wie Georg Büchner! Der war in deinem Alter schon tot!“
Was also tun?
Dieter Hildebrandt gab uns einen Tipp, der sich zumindest schlau anhört: „Man darf das Altern nicht auf morgen verschieben, denn dann ist man ja noch älter.“
In diesem Sinne …

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