Knabenjahre einer Bestie

betr.: 65. Geburtstag von Jeffrey Dahmer

Was Hollywood mittlerweile ahnt, hat sich bei den aktuellen Serienmachern noch nicht völlig herumgesprochen: Serienmörder sind out. Das ist schon deshalb so, weil sich seit bald 25 Jahren kein Psychopath, der etwas auf sich hält, mit dem Kleinkram einer einzelnen, solide motivierten Tötung zufrieden gibt – sei es ein realer / regierender Mörder, ein erfundener oder ein pickliger Halbwüchsiger an einer ländlichen Lehranstalt, der sich von seinen Mitschülern nicht geachtet fühlt und zur Waffe greift.
Jeffrey Dahmer ist unzweifelhaft der beliebteste Vertreter dieser Gattung in der amerikanischen Neuzeit (noch vor Ted Bundy und John Wayne Gacy). In seiner Vorgeschichte findet der Horror der Schulzeit, den viele von uns auf die eine oder andere Art empfunden haben, mit dem glitzernden Grusel eines Dr. Lecter zusammen, eingewickelt in die zeitlose Tapete der Vorstadthölle.
Die Graphic Novel „Mein Freund Dahmer“*, die sich dieser Vorgänge annimmt, war vor wenigen Jahren eine Lektüre, die mich noch lange umgetrieben hat.

Zeichner / Autor Derf Backderf erzählt eben nicht die in unzähligen poppig-geifernden Dokus geschilderte Chronik des bindungslosen homosexuellen Stadtmenschen, der seine meist schwarzen Liebhaber zersägt und aufisst, er konzentriert sich auf die gemeinsame Schulzeit.
Der junge Dahmer ist ein Außenseiter. Aber er spielt nicht die Rolle des getretenen Hundes, sondern bedient den Voyeurismus der anderen und gibt auf Zuruf den Durchgeknallten – auch in Einkaufszentren, wo er zur Gaudi seiner Mitschüler Passanten mit gespielten epileptischen Anfällen erschreckt. Er legt gegenüber dem Lehrkörper ein Verhalten an den Tag, das bei einem cooleren Typen als „rebellisch“ durchginge, ist jedoch eher ein „Nerd“ – zu einer Zeit, da dafür noch niemand Verwendung hat. Sogar ein Fanclub wird ihm gewidmet, aber das bedeutet nicht, dass er Freunde gefunden hätte.
Unterdessen entwickeln sich seine abseitigen Tendenzen – befeuert von der Situation, die Dahmer zu Hause erlebt …
Die Geschichte schließt mit jenem Moment 13 Jahre nach dem Ende der Schulzeit, als Backderf und seine Freunde erfahren, dass sie mit einem Killer die Schulbank gedrückt haben.

Die kleinen Mängel dieses Buches schaden ihm nicht. So lässt Backderf seinem Werk einen umfangreichen Anhang mit zusätzlichen Fakten und nachträglichen Ausdeutungen folgen – ein Zeichen erzählerischer Schwäche, das aber zu diesem Zeitpunkt das Leseerlebnis nicht mehr  beeinträchtigt. Die schwarzweiß gehaltenen Zeichnungen sind in ihrer müffelnden, kantigen Unbeholfenheit eine professionalisierte Version jener Bildergeschichten, die von Halbstarken heimlich in langweiligen Unterrichtsstunden gefertigt oder an Toilettenwände geschmiert werden – was sowohl zum Personal passt als auch zu der perspektivlosen Mischung aus kleinstädtischer Tristesse und einer Pubertät, die noch nicht vom heutigen Jugendwahn zum Event hochgekitscht ist.

Auch die Ökonomie von Backderfs Stil ist erfreulich. Seine Zeichnungen erzählen alles Nötige, sind aber grafisch nicht so aufgetakelt, als wollten sie eigentlich lieber im Museum hängen –  eine rare Qualität in der aktuellen Comicproduktion. Die am weitesten verbreiteten Konzepte der Graphic Novel – Biographie und Autobiographie – haben hier beglückend zueinandergefunden.

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* „Mein Freund Dahmer“, 224 Seiten – WALDE + GRAF bei Metrolit, ISBN: 9783849300487

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Eine Antwort auf Knabenjahre einer Bestie

  1. John sagt:

    Die von Monty erwähnte Graphic Novel lohnt sich m. E., da sie eine reale Geschichte reell und damit nachvollziehbar umsetzt. Ich würde 4,5 Sterne geben, bin aber bei weitem nicht so fachlich vorbelastet wie der Autor des lesenswerten Blog-Eintrags.

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