Erinnerungen an Fassbinder – ein Kurzhörspiel

betr.: 75. Gebrurtstag von Rainer Werner Fassbinder / Kurzhörspiel (nicht realisierter Einakter für den Saarländischen Rundfunk)

Die Zeitzeugenrunde

.         Moderator Nusswald: Der legendäre deutsche Filmregisseur Heinzi-Maria Fassplunder wäre heute sechzig Jahre alt geworden. Er starb mit 38 an der ausgelaufenen Batterie einer vibrierenden elektronischen Einschlafhilfe, die das ganze Wochenende über in seinem Hals gesteckt hatte, als ihn die Hoteldetektivin schließlich fand. Die „Münchner Abendzeitung“ schrieb damals: „Fassplunder starb, wie er gelebt hatte“. Und wie sein Leben, so waren auch seine Filme, es waren weit über einhundertsiebzig, die er in nur zwölf Jahren gedreht hat, Filme wie „Steigleiter zur Sauna“, „Warum es ein Fehler war, dass Mutter K. den Zug nach W. genommen hat, ohne in F. umzusteigen“, „Zockerzorn“ oder „Die Putzfrau mit dem Zauberpümpel“, der seinerzeit der kürzlich verstorbenen Kandita Meri den Start in eine fulminante Alterskarriere ermöglichte.
Ich freue mich heute abend über den Besuch einer ganzen Reihe von Schauspielern und Kollegen, die sozusagen zu seiner „Factory“ gehört haben: da haben wir Udo Pütz – heute ein gefragter Hollywoodstar, Gunnar Lampe – den ehemaligen Tatort-Kommissar, Wally Maibock aus Köln – selbst Filmemacher und Theatermann, Irm Wurm – Rekordhalterin als Verdächtige in „Derrick“ und „Der Alte“, Hannah Schermuly – Actrice, Diseuse, Reztitatrice und vieles mehr, Barbara Homolkowa – wer kennt sie nicht?, und schließlich den Entwicklungshelfer Klaus-Uwe Bahner.
Fangen wir gleich bei Ihnen an, Frau Homolkowa – wann und wie sind Sie Fassplunder zum ersten Mal begenet?
.         Barbara: Ich hab ihn auf dem Filmfest in Emden kennen gelernt. Ich hatte gerade sein Frühwerk „Der Mundgeruch des kapitalistischen Bullenschweines“ gesehen – ein Kostümfilm – und war to-tal ü-ber-wäl-tigt!
.         Nusswald: Wo spielt der Film?
.         Barbara: In einer Kostüm-Leih-Anstalt in Gummersbach.
.         Nusswald: Oh. Aha.
.         Barbara: Er saß da nun mit ein paar Freunden zusammen …
.         Udo: Ich war dabei!
.         Hannah: Ich auch!
.         Udo: Nein, Du nicht!
.         Barbara: Er saß da also und hatte gerade den Publikumspreis bekommen, und ich ging an seinen Tisch und sagte: „Lieber Herr Fassplunder, Sie kennen mich nicht. Mein Name ist Hanna Homolkowa, und ich bin gerade durch Ihren Film ein völlig neuer Mensch geworden!“ Ich erklärte ihm, dass ich in meiner gesamten – damals schon recht langen – Karriere noch nie etwas so Verstörendes und Bewegendes gesehen hätte. Da gibt es ja diese Szene, in der er 38 Minuten lang das Innere eines Schuhschrankes filmt – ohne sichtbaren Schnitt – und man hört nur ganz dumpf … aus dem Raum … die Geräusche, die das Filmteam macht. Die haben wohl gerade einen Kasten Bier aufgemacht … so genau werden wir das wohl nie erfahren! Egal – also: sagenhaft! Ich stehe da also an seinem Tisch und schließe mit den Worten: „Herr Fassplunder! Sie sind mein Gott! Verfügen Sie über mich!“
.         Nusswald: Na? Und wie hat er reagiert.
.         Hanna (lacht geschult): Er hat mir seinen Aschenbecher in den Ausschnitt geschüttet … und den Nachtisch seiner Tischdame – „Hey, hey!“ hat sie gerufen – und dann sagte er diesen Satz, den ich nie vergessen werde. Er rief: „Herr Ober, die dumme Schabracke möchte zahlen!“ – damit war ich gemeint – und dann machte er so eine kreisende Bewegung mit der Hand über den ganzen Tisch.
.         Nusswald: Klasse. Und was kam dabei heraus?
.         Barbara: Hundertachtunddreißig Mark fünfzig!
.         Nusswald: Herr Maibock! Wie haben Sie sich kennengelernt?
.         Wally: Ich war in München auf einer … öffentlichen Toilette, und da stand er neben mir an der Pissrinne…
.         Nusswald: Ein doller Zufall! Meine Herr’n!
.         Wally: Ach wo, der stand da manchmal stundenlang. Jedenfalls stand ich nun daneben und machte mein Geschäft, und da – ich sag’s mal, wie’s ist – lullerte er mir auf den Fuß. Der Heinzi ist ja … immer so’n ganz Direkter gewesen. Ich sag’ zu ihm: „Du alte Pottsau!“, da hat er nur gelacht und gemeint, ich dürfte ihm jetzt gern einen ausgeben, wenn ich wollte…
.         Nusswald: Und das haben Sie getan.
.         Wally: Erst nachdem er noch was dazugelegt hat, ganz spontan!
.         Nusswald: (hustet) Doll! Ich kann ja … kann ja so was gar nicht, wenn einer kuckt.
.         Pütz: Der Heinzi war kein Mensch wie Du und ich – (in die Runde) kann man doch so sagen?
.         Nusswald: Sagenhaft! Frau Wurm – Sie sind nicht nur in seinem Film „Salziger Honig“ aufgetreten, Sie waren auch mit ihm zusammen … in einer richtigen sexuellen Beziehung.
.         Irm: Ja, so war das, aber damals gingen wir noch zusammen in Bayern zur Schule.
.         Nusswald: Fassplunder hat ja später – sagen wir – sexuell tüchtig herumexperimentiert. Konnte man damals schon etwas davon erkennen?
.         Irm: Nein, von diesen Sachen wusste ich nichts. Ich meine, was Homosexualität ist, weiß ich ja bis heute nicht so genau … Jedenfalls war ich ja schon seit unserer Schulzeit mit ihm befreundet, und da waren diese sexuellen Sachen auch noch nicht so stark ausgeprägt. Wir hatten später über vier Jahre eine lesbische Beziehung, weil er mir immer gesagt hat, er wäre eine Frau. Dass das gar nicht stimmt, habe ich erst Jahre später aus der Presse erfahren.
.         Nusswald: Ah ja. Demnach hatte er in der Schule auch noch nicht diesen Bart, den wir alle bei ihm kennen. Ich meine, dann hätten Sie ja sicher was gemerkt, und alles wäre aufgeflogen.
.         Irm: Doch schon … aber er sagte immer, das käme von den vielen männlichen Hormonen. Und was Hormone sind – gute Güte – als bayerisches Mädchen man kann nicht alles wissen!
.         Nusswald: Herr Lampe, Sie spielten den Bello Mannkopff in Fassplunders Dreizehnteiler „Bottrop – Fußgängerzone“…
.         Lampe: Das ist richtig!
.         Nusswald: Das zog sich ziemlich hin habe ich gelesen.
.         Lampe: Ja, das war ’ne dolle Sache! Ein Jahr lang haben wir immer wieder Szenen dazugedreht … dann gab’s wieder lange Pausen, wenn Heinzi … mal in ärztlicher … Behandlung war, nicht? … Oder keine Zeit hatte …
.         Nusswald: Klar, sicher, sicher …
.         Lampe: Nu ja, und dann rief er plötzlich an, und es ging weiter. Das Signifikante war, dass ich mir für die Rolle einen Bauch anfressen musste, und den musste ich die ganze Zeit über behalten … wegen der Anschlüsse, nicht…
.         Nusswald: Ach, deshalb sind Sie so … haben Sie so … Ja, Wahnsinn aber auch! Eine irre schauspielerische Leistung! Was für einen Beruf hatten Sie denn in der Geschichte?
.         Lampe: Trapez-Artist.
.         Nusswald: Das bringt mich auf unseren nächsten Filmausschnitt. Herr Bahner …
.         Bahner: Ja.
.         Nusswald: Sie haben in Fassplunders Ehedrama „Muschihusten“ den Ehegatten gespielt, und Sie tun etwas, was es im deutschen Kino bis dato nicht gegeben hatte, Sie …
.         Bahner: Ich bin weiß Gott nicht stolz darauf!
.         Nusswald: … in einem Moment äußerster Erregung …
.         Bahner: Ein Streit, ein wilder Streit!
.         Nusswald: … schlagen Sie Ihre Frau, die von Edith von Thuroff gespielt wurde.
.         Bahner: Es stand halt so im Drehbuch, ni’?
.         Pütz: Kann nicht sein! Der Heinzi hat doch immer ohne Drehbuch gearbeitet!
.         Bahner: Das mein’ ich doch nur symbolisch.
.         Udo: Ich hatte das nicht nötig. Ich hab von ihm nie ein Drehbuch bekommen!
.         Wally: Du bist ja auch ne alte Pottsau!
.         Nusswald: Film ab!

(Filmausschnitt – Ohrfeige, 1,2 Sekunden)

.         Nusswald: Erschütternd.
.         Bahner: Ich kann gar nicht hinsehen …
.         Nusswald: Ich komme – wenn ich diese Szene im Schlafzimmer sehe … verzeihen Sie mir diesen kühnen Sprung …
.         Lampe: Aber immer …
.         Nusswald: … mal zu einem Thema, dass sicher viele interessiert. Wie sah das eigentlich bei ihm zuhause aus … Darf ich das fragen?
.         Wally: Also, das Schlafzimmer war schwarz …
.         Udo: Dunkelbraun!
.         Wally: Nein, es war schwarz!
.         Udo: Dunkelbraun, dunkelbraun!
.         Wally: Ja, ich war doch drin.
.         Udo: Dunkelbraun, dunkelbraun! Total dunkelbraun!
.         Wally (auftrumpfend): Gut, also es war meiner Meinung nach schwarz – und überall um das Bett lagen diese Fischdosen, die man im Supermarkt bekommt.
.         Nusswald (weltläufig): Aaah, ja – Sie meinen diese flachen Blechdosen mit der Lasche zum Aufziehen!
.         Wally: Genau die! Und die lagen um das Bett herum…
.         Nusswald: Aha? Wieso denn das?
.         Wally: Na, der Heinzi aß gerne mal Dosenfisch, so über den Tag… Und dann hat der die Dosen halt einfach hingeschmissen. Das war ja sehr schlau von ihm. Er wollte uns testen. Er wollte mal sehen, ob die irgendwann einer von uns wegräumt.
.         Nusswald: Hat die denn jemand weggeräumt?
.         Wally (ratlos in die Runde): Keine Ahnung. Es war ja so dunkel!
.         Udo: Dunkelbraun!
.         Lampe: Wir haben häufig Kartenspiele gemacht – Heinzi hat ja meistens geschlafen.
.         Udo: Der tat nur so!
.         Hannah: Stimmt! Der verstand jedes Wort!
.         Lampe: Naja, mitgespielt hat er jedenfalls nicht!
.         Wally: Dooooch! Der hat zwischendurch immer mal gesagt: „Schachmatt!“ oder „Elfmeter!“
.         Lampe: Ich weiß! Aber meistens haben wir ja nun mal „Memory“ gespielt!
.         Wally: Oder „Wer kommt raus?“ hat er gerufen, wenn er gut drauf war!
.         Lampe: Ja doch! Wir spielten also Memory, und da gab es so ein kleines, schweinisches Ritual! Immer, wenn wir uns …
.         Hannah: Der Heinzi mochte es nämlich nicht, wenn wir uns zu gut verstanden haben! Der hatte immer Angst, wir könnten uns … gegen ihn verbünden. Und deshalb hat er regelmäßig Unfrieden gestiftet und uns gegeneinander aufgehetzt.
.         Udo: Er hat’s versucht. Wir haben das natürlich durchschaut und haben mitgespielt, damit es ihm gut ging.
.         Wally: Wenn er dabei war, haben wir uns die schlimmsten Sachen gesagt – aber nur zum Schein!
.         Udo: Nur zum Schein – klar!
.         Nusswald: Ja, ich denke, zusammenfassend können wir sagen – ein großer Mann, ein großer Filmemacher …
.         Wally: Ne rischtische Pottsau, und das war ja gerade das Tolle an ihm!
.         Lampe: Ummbedingt! Ne richtige Schmutzwurst, aber knorke, sag’ ich Ihnen!
.         Irm: Einen wie ihn werden wir so bald nicht wieder …
.         Homolkowa: Aber nie und nimmer!
.         Bahner: Die Besten sterben jung!
.         Nusswald: Guten Abend!

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