Die Seriale (1)

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Meine drei Jury-Kollegen und ich haben heute das Luxusproblem, aus 18 völlig unterschiedlichen Low- und No-Budgetserien einen Sieger küren zu müssen: Soaps, Dokus, Comedy, sogar ein Cartoon ist dabei. Überhaupt tobt sich die Kreativität der Beteiligten bereits in den Genrebezeichnungen aus. Wir haben es z.B. mit einem „apokalyptischen SF-Western-Drama“ zu tun, mit einer Science-Soap, mit „Improvisoden“ und einem „Crazy Thriller“. (Auch das allgegenwärtige Lebensgefühl der „Fantasy“ durchweht dieses Programm.)

Vorstellungen 3+4 am samstag, Feier im Bootshaus

Monty Arnold, Timo Landsiedel, Astrid Matron und Sebastian Simon in Klausur – Foto: Ralf Hofacker

Da ist es geradezu erfreulich, dass sich einige Formate der Qual unserer Wahl von selbst entziehen – meiner Wahl natürlich; ob die restliche Jury das ähnlich sieht, wird sich zeigen. Da die Innovation eines der Kriterien ist, die wir zu belohnen haben, könnte ich aber nicht der einzige sein, der sich darüber ärgert, wenn ein Format allzu konventionell daherkommt. Der längste Beitrag des 1. Festivaltages ist so ein Beispiel: „Helden der Hauptstadt“ läßt Neukölln aussehen wie einen Bausparkassen-Werbespot. Die 32 Minuten der gezeigten 2. Folge werden eher zur Wiederholung als zur Vertiefung genutzt, die Zeit wird mit vielen sinnlosen, artig gescheitelten Parallelmontagen verplempert, sogar die Filmmusik ist derart tutig, dass einem die Tränen kommen. Das Glanzlicht dieser Episode ist ein ganz autonomes Kabinettstückchen, eine Kinderszene auf einem Spielplatz (eine Rückblende in die Jugend eines der Helden). Zu schade, dass dieses kleine Drama ebenso plötzlich wieder endet und wir in die Gegenwart zurückkehren müssen.
Da wir gerade beim Ärgern sind: „lustige Ganoven“ (und ihr Gegenstück, die drolligen Bullen) kann ich wirklich nicht mehr sehen. Auch gut 20 Jahre nach “Pulp Fiction“ denken immer noch viele, es entstünde automatisch ein potentieller Geniestreich, wenn man Einbrecher, Killer und Automarder herumphilosophieren und ihren Auftrag versemmeln läßt. Es gibt viele von dieser Sorte auf unserem Festival – einige eher nerdig, manche im megacoolen Anzug – zu erzählen haben sie mir alle nichts.
Auch der einzige österreichische, einzige nicht-aktuelle Filmbeitrag ist von diesem Virus befallen: „Die Fladeranten Schau“. Die Veranstalter nahmen dieses Format auch deshalb in den Wettbewerb mit auf, weil sich an seiner Entstehungszeit 2008 bis 2010 die Gründerzeit der Independent-Serien-Bewegung bestaunen läßt. Eine famose Szene gibt es auch darin: einer der Einbrecher flirtet durch die Fensterscheibe mit der Hauskatze des noch unerbrochenen Wohnhauses und löst dabei die Alarmanlage aus. Die übrigen Gags sind müde, alt und doof, und selbst die besseren davon schluderig umgesetzt.

Besonderes Vergnügen haben mir tatsächlich die kurzen und allerkürzesten Konzepte bereitet: der Cartoon „Warum!“, in dem allseits bekannte Antworten auf die Rätsel des Lebens nochmals hinterfragt werden, , die Comic-Nerds in „C.A.T.“, die faulen Mssionare in „Kumbaya!“. Hier gibt es übrigens ein schauspielerisches Highlight des ganzen Abends: Alexa Benkert als angeheiterte Mitbewohnerin.
Bei diesen Kurzformaten tut sich mitunter Wunderliches: als Juror bekam ich zwei hinreißende Folgen der Auswanderer-Portraitreihe „Heimat Paris“ zu sehen. Dem Festivalpublikum wurde heute eine weitere, weniger gelungene Folge gezeigt. Auch von „Ivys Weg“ kenne ich wirklich köstliche Folgen, aber im Wettbewerb finden sich Beispiele, die eher auf die Unebenheiten des Formates verweisen: Konzept und Figur haben sich im Entstehungsprozess entwickelt, und die Heldin (eine fiese, manipulatives Blenderin)  kam in den gezeigten Beiträgen gar nicht richtig zur Geltung. (Dummerweise hatten die Macher diese Entscheidung selbst getroffen.)

Auf die Resonanz von „Discocalypse“, der heute gezeigt wird, bin ich besonders gespannt. Hier haben wir es nun wieder mit einem Beitrag zu tun, der für eine No-Budget-Produktion fast zu Hollywood-fesch aussieht (aber warum auch nicht), der ein fetziges Tempo vorlegt,  spannend und gruselig ist. Andererseits sind diese acht Minuten alles, was von dieser Serie bisher existiert. Der sogenannte „Pilot“ ist beinahe ein Trailer, und in einem solchen ist bekanntlich gut auf die Kacke hauen. Was die Sache wirklich taugt, wird man sehen müssen. Der zweite Akt ist schwerer als der erste, und danach wird es erst richtig spannend.

Besprochene Serien

Ivys Weg
Idee und Regie: Jan Kluczewitz
Genre: zunächst Impro-Comedy / Blog-Parodie, später Soap / Sitcom mit Drehbuch

Die egozentrische Studentin Ivy will sich mit ihrem Video-Blog und ihren Poetry-Slam Texten einen Namen in der Szene machen. Leider hat sie kein Material, nichts zu sagen und auch von Technik keine Ahnung. Sie bezirzt einen Bekannten, der zusammen mit dem schüchternen und nerdigen Tobi eine Reportage über ihren Weg zum Erfolg dreht. Dabei stellt Ivy fest, dass Tobi ein toller Autor ist und beutet ihn auch als Ghostwriter ihrer Poetry-Slam-Karriere aus. Nach einer Weile stellen beide fest, dass sie sich ineinander getäuscht haben.
www.ivysweg.de

Fladeranten Schau
Regie: Louis-Jeremy Spieß
Idee: Louis-Jeremy Spieß, Sebastian Leitner
Genre: Gaunerkomödie / Mockumentary

Zwei Kleinganoven erklären uns im Rahmen eines Selbstversuchs den Wiener Großstadtdschungel – tollpatschig und unorganisiert, aber stets auf Liebenswürdigkeit bedacht und immer auf der Suche nach der ganz fetten Beute.

Kumbaya!
Regie: Janco Christiansen, Lasse Buchhop, Dennis Riebenstahl
Ideengeber und Hauptdarsteller: Sebastian Droschinski, Nick Buckenauer
Genre: Comedy

Die beiden Nichtsnutze Jacob und David erwachen aus einem Absinthrausch und finden einen Pizzakarton, auf dem sie im Delirium die Grundlagen einer neuen, gebührenpflichtigen Internet-Religion niedergekritzelt haben. Da die beiden aber lieber Videospiele tätigen, als sich um ihre virtuellen Schäfchen zu kümmern, stellen sie die tüchtige Eva ein. Um vor dem Fiskus den Anschein der Seriosität zu wahren, soll sogar eine richtige Kirche gebaut werden! Zufällig hat Eva gerade einen Tischler kennengelernt. Sein Name ist Jesus.

Helden der Hauptstadt
Idee und Regie: Ingo Vollenberg
Genre: Dramedy

Nach gescheitertem Studium gammelt Max Schreiber perspektivlos bei seinen Eltern in Berlin-Neukölln herum. Unverhofft trifft er seine Jugendfreunde Agron und Hassan wieder, zwei türkische Kieztypen wie aus dem Bilderbuch. Auch sein weit gereister Uni-Kumpel Chris ist wieder da, der eine WG mit Max gründen will. – Culture Clash und Cliquen-Story.

Verdammt harter Tag
Regie: Kai Schubert
Idee: Die GLOZZA (Robert Baum, Tim Hesselbach)
Genre: Absurde Komödie / Krimiparodie

Aufgrund finanzieller Probleme entscheiden sich die zwei Hauptdarsteller, den Gangsterberuf zu ergreifen. Logan – ihr Boss und Gönner – nimmt sie an die Hand und führt sie an die Skills des Business heran. Aller wilden Entschlossenheit zum Trotz, geht ein Job nach dem anderen kläglich bzw. spektakulär schief. Logan bucht schließlich ein Doku-Kamerateam, um den Fehler in Ruhe finden zu können.
Eine wilde Verfolgungsjagd führt die beiden Gangster an malerische Schauplätze und in manchen Cliffhanger.

Heimat Paris
Regie: Benedikt Nabben, Martin Klöckener, Sebastian Paulus
Idee: Benedikt Nabben
Genre: Dokumentation / Kurzportrait

„Heimat Paris“ erzählt deutsche Auswanderergeschichten im Schatten des Eiffelturms. Ist das ein „Leben wie Gott in Frankreich“ oder der Kampf ums Überleben, den wir von Zu Hause kennen. Die Antwort fällt sehr unterschiedlich aus.
https://heimat-paris.de/

Warum!
Idee und Regie: Stefan Vogt
Genre: Cartoon / Komödie

Warum jeder was mag, weiß jeder. Warum jeder wirklich was mag, erklärt ein Wissenschaftler in blitzschnellen Anderthalbminütern.
https://warum-filme.de/

C.A.T. – Comics & Actionfigures Team
Regie: Christian Grundey
Idee: Christian Grundey, Armin Strömmer, Janis Zaurins
Genre: Comedy

Das Leben in Hamburg im Stadtteil Hoheluft-West ist hart, und Comics und Actionfiguren verkaufen sich nicht von allein. „C.A.T.“ dokumentiert den Alltag des Comicverkäufers Armin und des Superhelden Die Flunder zwischen hartem Verkaufsalltag und Verbrechensbekämpfung.

Discocalypse
Idee und Regie: Dirk Rosenlöcher

Wir erwachen mit dem stotternden, verkaterten Zecke (19) auf einer Discotoilette im Ruhrgebiet. Die Erinnerungen an die letzten Tage seines stumpfen Lebens münden in eine höllische Nacht, in der die meisten Discogänger durch eine neue Version der fiktiven Droge „Kayties“ zu rasenden, Zombie-artigen Bestien mutiert sind. Der bisher Vorliegende Pilotfilm deutet einige dieser Informationen allerdings nur an …
www.discocalypse.com
www.facebook.com/discocalypse

Deichbullen
Idee und Regie: Michael Söth
Genre: norddeutsche Krimikomödie

Zwei ältere Hamburger Polizisten, ein Beamtentyp und ein Kiezbulle, werden aus ihren Revieren als Team in die norddeutsche Tiefebene versetzt. In Kollmar an der Elbe lernen die beiden Großstadtpolizisten ein völlig neues Leben kennen.
https://www.deichbullen.com/

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