Von Nord-Polen und Südfrüchtchen

betr.: Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zur Situation in Deutschland 25 Jahre nach der Wiedervereinigung.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat gestern in einer Studie eine Jubiläumsbestandsaufnahme der Deutschen Einheit vorgelegt, die heute ihrerseits in der Tagespresse diskutiert und analysiert wird. Es wird bemerkt, dass es noch immer infrastrukturelle Unwuchten gibt, eine Flucht junger und qualifizierter Menschen aus dem insgesamt benachteiligten Osten und dergleichen. Soweit so gut – dafür hätte man den Bericht gar nicht gebraucht.
Allgemein kommt man zu dem Schluß, es sei wohl auch nach 25 Jahren noch immer ein weiter Weg, bis aus den vielen Regionen und Himmelsrichtungen ein einig Volk geworden sei.

Ich habe mich immer schon darüber gefreut, wie viele Menschenschläge auf der Fläche unseres nicht so sonderlich großen Landes Platz haben. Schon zur Zeit der deutschen Teilung staunte ich, wie gründlich sich die Dialekte ändern, kaum dass man 50 Kilometer zurückgelegt hat, und wie verschieden die Mentalitäten sind, die sich dahinter verbergen.
Obwohl ich nie einen Zweifel daran hatte, dass ich nur im Norden leben möchte, genoß ich die zahllosen kauzigen Spielarten des Deutschen an sich. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Saarländer und Niedersachsen vergleichen zu wollen oder von einem Bayern das Benehmen eines Hanseaten zu erwarten. Schon innerhalb des winzigen, sehr dörflichen Bundeslandes, in dem ich damals lebte, pflegte man den Unterschied zum Nachbarn. Das klang nicht sehr freundlich, aber es bedeutete den Menschen ganz offensichtlich eine Menge.
Heute – das Land ist noch größer und umso reicher an Schrulligkeiten – wird so getan, als müsse es irgendeinen Konsens geben. Keiner weiß so recht, wie der überhaupt aussehen sollte, und was hätten wir auch davon? Immerhin – so versucht uns die Berliner Studie mit einem unfreundlichen Bild aus der Landwirtschaft zu trösten – würden die Unterschiede „langsam, aber sicher vom neuen gemeinsamen Erleben überwuchert“.

Das alles erinnert mich an eine Situation in einer Fernsehtalkshow, kurz nach der Wende.
Der überaus hoffnungsvolle ostdeutsche Jungstar Karsten Speck wurde mit den noch ganz frischen Begriffen „Ossi“ und „Wessi“ konfrontiert und meinte nur sinngemäß, ach, von solchen Zuordnungen hielte er nichts, wir seien doch alle Deutsche, nichwa? Das war so dermaßen schlicht, seicht, lieb gemeint und an der Sache vorbei, dass das Publikum für einen Sekundenbruchteil das Gesicht verzog. Dann aber besannen sich alle, was sie zu tun hatten und applaudierten artig.
Etwa auf diesem Niveau wird mit dem Thema bis heute umgegangen.

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