Dystopia, Limited

betr.: 121. Geburtstag von Aldous Huxley

Jeder kluge Kopf hat seinen Lieblingsalptraum. Aldous Huxleys größte Sorge war noch ein recht exotisches Schreckgespenst, als er 1931 sein Hauptwerk verfaßte: die Überbevölkerung. Sein utopischer Roman „Brave New World“, dessen deutscher Titel „Schöne neue Welt“ etwas von der Bedeutung des Originals fallen läßt – „brave“ könnte man besser mit „wacker“ übersetzen – wurde von folgender Erkenntnis angeregt:
In der vorgeschichtlichen Zeit war der Mensch ganz Teil der Natur, und das grausame Gesetz von Geburt und Tod, Krankheit und Nahrungsangebot sorgte dafür, dass seine Zahl sich durch die Jahrtausende hindurch kaum veränderte. Die Kurve der Weltbevölkerung blieb in der Vorzeit lange auf gleicher Höhe: etwa knapp 100 Millionen Menschen – mehr trug die Erde nicht. Erst die Erfindung der Landwirtschaft und die ersten staatlichen Organisationen ließen diese Zahl langsam steigen. Zu Christi Geburt waren es etwa 250 Millionen. Und trotz der fortschreitenden Zivilisation dauerte es 1600 Jahre, bis sich die Zahl der Menschen auf 500 Millionen verdoppelt hatte. Dann kam das Zeitalter der Technik, und etwas völlig Neues geschah: die Bevölkerungszahl explodierte.
Beim letzten Jahreswechsel lebten rund 7,28 Milliarden Menschen auf der Erde. Die UNO rechnet bis 2020 mit einem Bevölkerungswachstum von rund 78 Millionen Menschen pro Jahr.
Von der Horrorvision einer überbevölkerten Welt sah Huxley alle weiteren Übel ausgehen, die im düsteren Teil der Science Fiction zu herrschen pflegen: Knappheit von Nahrung und Energie und die unkontrollierbare Herrschaft derjenigen, die diese Bestände in ihren Besitz zu bringen verstehen. Es wäre ihm nicht schwergefallen, auch den religiös bemäntelten Terror unserer Tage darauf zurückzuführen.

„Brave New World“ handelt von dem Versuch, eine wissenschaftliche Diktatur zu errichten und den Menschen zu standardisieren. Das Buch macht Aldous Huxley neben George Orwell zum bedeutendsten literarischen Antiutopisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, obwohl er weitaus mehr war: Satiriker, Essayist, Biograf, Dichter, Dramatiker, Biologe, Religionsphilosoph und der Verfasser von Kurzgeschichten.
1959 ließ er seinem Klassiker eine aktualisierende Bestandsaufnahme nachfolgen: „Brave New World Revisited“. Die Weltbevölkerung belief sich damals auf 3 Milliarden, was Huxley dazu veranlaßte, den Zeitpunkt seiner Romanhandlung zu wiederrufen – „Schöne neue Welt“ spielt im Jahre 2540, dem „Jahr 632 nach Ford“.
Doch „Brave New World Revisited“ ist schon deshalb heute vergessen, weil es keine Erzählung ist, sondern eine Sammlung von Essays. Der Autor sorgt sich darin um die Schattenseiten der Wissenschaft und des technischen Fortschritts, die immer auch jenen zur Verfügung stehen, die an der Unterwerfung der Menschheit interessiert sind.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September brachte ein schnurriges Journalistenwort das Wahrwerden seiner Ahnungen auf den Punkt: „Osama Bin Laden dreht zur Zeit mehr Videos als Shakira“.

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