Heute wär’s ein Musical

betr.: 27. Geburtstag des Hamburger Schmidt Theaters / die 2. Hausproduktion „Blaue Jungs“

Die beiden ersten Hausproduktionen des Schmidt Theaters gehören zum Amüsantesten, was ich im Leben live gesehen habe. Das Eröffnungsprogramm „Sag bitte, und ich sing“ war ein Ensemblekabarett, für das sich die Theatergründer Corny Littmann und Ernie Reinhardt mit der Dieseuse Georgette Dee* und ihrem Pianisten Terry Truck zusammengetan hatten. „Blaue Jungs“ war ein Volksstück mit Musik, für das um die beiden Hausherren ein Ensemble zusammengestellt wurde.
Beide Projekte unterscheiden sich von allem Weiteren aus diesem Hause insofern, als sie noch aus einer alternativen Ecke heraus ersonnen realisiert worden waren – hochprofessionell umgesetzt, aber mit einer anarchischen Qualität, zu der das Establishment nicht aufzulaufen pflegt.Gespenst von St. Pauli B

“Blaue Jungs“ war ein gut gebauter Schwank, ein Publikumserfolg und ein Meisterwerk. Der Schauplatz: eine erfundene Pension dieses Namens auf der Reeperbahn, in der sich eine Reihe von Gästen und befreundeten Ortsansässigen begegnet. Die typische Hamburger Tutigkeit mischte sich mit treffsicheren Frechheiten, und niemals kippte das Ganze in die reine Zote ab.
Ernie Reinhardt, der wie seine Kollegen mehrere Rollen spielte, kreierte eigens die Figur der vermutlich knapp hundertjährigen UFA-Schauspielerin Lilo Wanders, die er als Parodie auf Evelyn Künnecke anlegte und später in geglätteter Form noch zu Fernseh- und Galaruhm führte. Sein komischster Auftritt aber bleibt für mich die Rolle der Pastorenwitwe Frau Jordan, der die durstigen Nutten vor der Tür leidtun und die eine mobile Kaffee-Mission einrichten will.
Ich habe diese Show etwa ein dutzend mal gesehen, auch die überaus gelungene Weihnachtsversion, mich buchstäblich krank gelacht und immer bedauert, dass es keine angemessene Möglichkeit gab, sie irgendwie zu speichern. (Wer jetzt an ein VHS-Video aus der fünften Reihe denkt, verdrängt, wie grauenhaft diese Mitschnitte aussahen und dass man vom Dialog kein Wort verstanden hätte.)
Doch dann gab es einen Hoffnungsschimmer!

GVStP Blog

Im ersten Jahr seines Bestehens hatte das schwule Varieté auf der Reeperbahn eine alle sprachlos machende Erfolgsgeschichte hingelegt. Wie sich das gehört, kam das Fernsehen herbei, brachte Ruhm und Prominenz mit, und sogleich veränderte sich das Klima. NDR-Veteran Sigmar Börner, der seinerzeit den nicht wiederholbaren Nachkriegs-Klassiker „Musik aus Studio B“** betreut hatte, war stolz, die „Schmidt-Mitternachtsshow“ auf die Mattscheibe holen zu können: live aus Hamburgs berühmtem Hafenviertel mit seiner unvergleichlichen Mischung aus Seemanns-Romantik, Tourismus, Halbwelt, Laster und Damenimitation – das verriet doch einen gewissen Wagemut.
Andere Dritte Programme übernahmen die Reihe, und landauf landab schäumte in den Redaktionskonferenzen das Motto auf: das können wir doch auch (- sie konnten es nicht).
Es lag nahe, dass der NDR nun auch „Blaue Jungs“ mitschneiden und für die Nachwelt bewahren würde, wie er es schon mit Heidi Kabel und mit „Dinner For One“ gemacht hatte. Dazu mochte sich Herr Börner dann bei aller zivilcouragierten Kiezbegeisterung doch nicht entschließen. In dem Stück fiel nämlich das Wort „Ficken“ …
Ein historisches Versäumnis, eine schmerzliche Lücke im Archiv und irgendwie ein ganz gewöhnlicher Vorgang.

Die Abbildungen stammen aus dem Comic „Das Gespenst von St. Pauli“ von Monty Arnold (Texte) und Peter Mrozek (Zeichnungen), Verlag MännerschwarmSkript, 1991

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2015/09/09/unsere-groesste-diseuse-beiderlei-geschlechts/
** Siehe dazu Blog vom https://blog.montyarnold.de/2015/01/29/ignoranz-und-hoehere-gewalt-oder-der-mythos-vom-archivbrand/

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