„O Schrecken, Schrecken!“

betr.: 125. Geburtstag von H. P. Lovecraft / Erik Krieks Graphic Novel „Vom Jenseits“

Der heute unumstrittene Klassiker Howard Phillips Lovecraft sitzt auf der Genregrenze zwischen „Fantasy“ und „Horror“ – vielleicht etwas weiter im zweiteren – und gilt als Wegbereiter der Science Fiction. Er ist uns weniger geläufig als Edgar Allan Poe, als dessen legitimer Nachfolger er heute angesehen wird. Wie Poes Werke wären auch viele seiner Arbeiten heute verschollen, wären sie nicht in bedeutungslosen Zeitschriften veröffentlicht und damit der Nachwelt erhalten worden – in Lovecrafts Fall waren das Pulps, also besonders ruchlose Schundheftchen. Abgesehen davon erschien zu seinen Lebzeiten nur ein Buch: „Berge des Wahnsinns“, in dem Antarktisforscher eine verlassene prähistorische Siedlung finden und auf riesige, blinde Albino-Pinguine treffen. Diese Geschichte geht wiederum auf Poe zurück, auf dessen einzigen Roman, den „Arthur Gordon Pym“.

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Am Ende seines kurzen, kränklichen und zurückgezogenen Lebens war Lovecraft praktisch vergessen. Zu den wenigen, die sein Genie erkannten, gehörte der fleißige Heftchenleser Robert Bloch, später selbst ein berühmter ein phantastischer Autor, der mit ihm als Halbwüchsiger eine Brieffreundschaft pflegte.

Dazu passt, dass H. P. Lovecraft zuletzt auf dem Comicmarkt neu aufgelegt wurde. – Die offizielle Einordnung als Graphic Novel scheint mir insofern nicht ganz sauber, als „Vom Jenseits“* des niederländischen Zeichners Erik Kriek eben keine abendfüllende Erzählung sondern eine Anthologie aus (leider nur) fünf der wichtigsten Lovecraft-Erzählungen ist.
Kriek wird vom Verlag mit seinem Kollegen Charles Burns verglichen, was ich sehr treffend finde, denn die Haare könnten einem bei der Lektüre nicht höher zu Berge stehen.
Man meint den widerwärtigen Mief zu riechen, der dem Helden in „Schatten über Innsmouth“ eine erste Vorahnung verschafft, dass er nach Hause gekommen ist, man leidet mit der armen Familie des sturen Farmers in „Die Farbe aus dem All“ und wird eins mit dem „Außenseiter“ auf seiner mühevollen Kletterpartie in die Welt der Menschen.
Kriek, der seine Nacherzählungen in Schwarzweiß vorlegt, macht eine fabelhafte Figur – als Interpret großer Literatur ebenso wie als „Fear Merchant“ unseres heutigen Medienangebotes, in dem sich bereits in den seriösen Abendnachrichten die Abscheulichkeiten überschlagen. Angesichts all dessen etwas abgestumpft zu sein, mildert die Wirkung seiner Arbeit nicht.

H. P. Lovecraft ist ein tragischer Fall, nicht nur, weil sein Ruhm erst lange nach seinem Tode einsetzte (was in der Weltliteratur häufig vorkam). Ein bezeichnender Satz aus dem „Außenseiter“, der in Krieks Bearbeitung fehlt, wird von seinen Kennern als autobiographisch angesehen: „… weiß ich, dass ich immer ein Außenseiter sein werde, ein Fremder in diesem Jahrhundert und unter denen, die Menschen sind“.

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* „Vom Jenseits“, Avant-Verlag 2013 – auf der Homepage des Verlages findet sich „Der Außenseiter“ als Leseprobe.

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Eine Antwort auf „O Schrecken, Schrecken!“

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