Der illustrierte Mann revisited

betr.: 95 Geburtstag von Ray Bradbury

„Zutritt, Zutritt, meine Damen und Herren! Der illustrierte Mann!“
Eine Dampforgel prustet, und hoch oben auf dem Podium, unter dem Baldachin der Sommernacht, steht mit verschränkten Armen Mr. Jonathan Powers Phelps, er selbst schon ein Menschenauflauf.
Er ist sein ganzes Heimatland, seine eigene einst glorreiche Nation.
Auf den ersten Blick erkennt man diese unwiderstehlichen Umrisse, die doch immer für Demokratie, Jugend, Sex-Appeal und die Rettung weniger aufgeweckter Landstriche aus selbstverschuldeter Not gestanden haben, für Hollywood und Coca Cola und die Popkultur der Westlichen Welt, für unbegrenzte Möglichkeiten und den Geburtsort einer Menge guter Jungs.

„Immer Zutritt, Zutritt, meine Damen und Herren! Jetzt ist Anfang! Jetzt ist Beginn einer neuen Vorstellung!“
Doch wer da nähertritt, der sieht nichts von alledem, der sieht ein irritierend heutiges Bild dieses Sehnsuchtsortes, der über ein Jahrhundert am Ende einer Straße der Verheißung gelegen hat.
Mr. Phelps ist offensichtlich erst vor kurzer Zeit beim Tätowierer gewesen.
Im Herzen des Landmasse, auf seiner Brust, leben die Revolverhelden – berufsmäßige Bürgerrechtler, die mit ihren gezückten Schusswaffen auf seinem fleischigen Rumpf, seinen geradezu weiblichen Brüsten ihre Kunststückchen machen und den vierten Verfassungszusatz in die Höhe halten, der jedem Amerikaner das Recht einräumt, sich bis zum heutigen Tage von Bären, Berglöwen und feindlichen Rothäuten umringt zu sehen. Und es gibt geheime Höhlen, in denen Figuren lauern, die man für Parodisten aus „Saturday Night Live“ halten könnte, die jedoch für amerikanische Verhältnisse seriöse Politiker sind: seine Achselhöhlen, wo zähe, unterirdische Säfte tropfen und wo republikanische Finsterlinge aus eifersüchtig funkelnden Augen durch wild wuchernde Kletterpflanzen auf eine Krankenversicherung blicken und von Kommunismus reden.

Mr. Jonathan Powers Phelps grient aus tausend Pfauenaugen von seinem Abnormitätenpodium herab. Seine Hände sind Darstellungen der Anständigkeit, die god’s own country auszeichnet. Auf seiner rechten sehen wir ein kleines Kind, das von einer Spezialeinheit abgeholt wird, weil es sich im Planschbecken seinem Schwesterchen unsittlich genähert haben soll, wie eine gewissenhafte Nachbarin meldete; auf seiner linken aber – unsichtbar für den eiligen Betrachter – entfaltet sich das trickreichste Gaukelspiel: immer neue weiße Polizisten erlegen immer andere unbewaffnete schwarze Jugendliche – in putativer Notwehr!
Um seinen Bauchnabel herum gruppiert sich das frisch restaurierte Monument vom Mount Rushmore: es sind lauter Gesichter mit großer Familienähnlichkeit, ein Clan texanischer Ölmilliardäre.

Das alles aber wäre nur ein wirres Gekritzel, hätte der Tätowierer dem Ganzen nicht eine Grundierung gegeben, die wie eine schattierende Körperbehaarung die Elemente in eine einigende Fugenmasse kleidet.
„Zutritt, Zutritt, meine Damen und Herren! Der ganze Reichtum dieser filigranen Arbeit erschließt sich nur dem, der mutig nähertritt!“
Auch das Volk ist auf diesem Panorama vertreten, eine Masse demokratischer Wähler, die von einem religiösen Fundamentalismus wie ein verfaulender Apfel weiter und weiter überzogen wird, die sich das Recht erstritten hat, die Darwin’sche Lehre zugunsten eines infantilen aber keineswegs harmlosen Kreationismus von den Lehrplänen zu fegen, die es – nach kurzen Phasen der Verunsicherung – immer wieder für das Allerwichtigste hält, in entlegenen Winkeln der Welt Diktatoren zum Teufel zu jagen, ohne sich dafür zuständig zu fühlen, wer oder was an ihre Stelle treten wird.

Mr. Jonathan Powers Phelps scheint mit grimmiger Entschlossenheit auf die Masse hinabzublicken, die ihn gleich mit ihren Spargroschen für seine Anwesenheit belohnen wird. Wer das winzige Lächeln entdecken wollte, das seine Mundwinkel umspielt, der müsste noch dichter herantreten, als es die Hausordnung zulässt.
Mr. Phelps lächelt, weil er ein Freund des Doppelten Bodens ist, weil er es liebt, so missverstanden zu werden. „In Wahrheit“, so sagt er sich, „bin ich gar nicht der illustrierte Mann auf diesem Jahrmarkt. Ich bin der Bombenmensch. Und ich brauche nicht einmal eine Kanone, die mich abschießt, um irgendwann zu explodieren!“

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