The Laurel & Hardy Murder Case

betr.: 128. Geburtstag von James Finlayson / Laurel & Hardys Hinrichtung im Deutschen Fernsehen

Der frühe Freitagabend war in den 70er Jahren ein geradezu mythischer Zeitpunkt im Kreislauf der Woche, besonders in jenen Zeiten, da „Dick und Doof“ im ZDF gezeigt wurden und ganz besonders dann, wenn der darauffolgende Samstag schulfrei war. Wenn es der liebe Gott wirklich ganz besonders gut mit uns meinte, ließ er James Finlayson auf die beiden los, jenen kahlen schnauzbärtigen Lieblingsfeind, der mitunter ein richtiger Schurke war, manchmal ein irritierter Vorgesetzter, meistens aber nur ein braver Mann, der gerne seine Ruhe gehabt hätte – und für den das Auftauchen solcher Leute wie Stan und Ollie das zuverlässige Ende aller frommen Wünsche bedeuten musste.
Wir Zwergcineasten hatten keine Ahnung, welche Umwälzungen bevorstanden – uns selbst (die Pubertät), der Gesellschaft (die 80er), unserer Heimat (die Wiedervereinigung) und besonders unseren Helden „Dick und Doof“. Der Rechteinhaber und politisch prächtig vernetzte Medienmogul Leo Kirch sollte sich der beiden annehmen, verkündete die „Rehabilitation“ der zu diesem Zeitpunkt hochverehrten und heißgeliebten Komiker und radierte sie schließlich aus unserer TV-Landschaft aus. Heute weiß kein Halbwüchsiger mehr, wer sie sind, und kaum ein unter 30jähriger verbindet noch eine persönliche Erinnerung mit ihnen. Das ist ganze Arbeit!

1975 startete des ZDF mit der Ausstrahlung der von Kirchs Taurus-Film durchgeführten Neu-Bearbeitung der Langfilme von Laurel & Hardy – der Name „Dick und Doof“ wurde geächtet (so hat es auch das Feuilleton seither gehalten). Diese Serie namens „Lachen Sie mit Stan und Ollie“ lief im Abendprogramm, wurde von Theo Lingen präsentiert und vom angesehenen Filmhistoriker Joe Hembus redaktionell betreut. Der wichtigste Mitarbeiter aber war Walter Bluhm, die klassische deutsche Stimme von Stan Laurel, deren Fehlen das Publikum niemals akzeptiert hätte. Der ebenso virtuose aber weniger auffällige Hardy-Stammsprecher Arno Paulsen war schon lange tot und wurde durch den jungen Münchner Michael Habeck ersetzt. (Walter Bluhm verstarb bald nach Ende des Projektes.) Das versetzte Kirch in die Lage, sich vom ZDF eine völlig überflüssige Neusynchronisation bezahlen und die alten Versionen verschwinden zu lassen.
Hembus legte Theo Lingen, der seinen Dienst voll Charme und mit den besten Absichten versah, in seinen Moderationstexten allerlei vagen filmhistorischen Unfug in den Mund und ließ ihn sogar die wichtigsten mimischen Stilmittel „Slowburn“ und „Double Take“ durcheinanderbringen. Schwerer noch wogen jedoch die inhaltlichen Auslassungen bei den Filmen selbst und die wie improvisiert wirkende Synchronarbeit (alles ist in einem klinischen Kabinensound gehalten, und der insgesamt sehr unbekümmerte Habeck bedient auch die stummen mimischen Momente Oliver Hardys mit harten Brummern, Stöhnern und Schnaufern), unterlegt mit einheitlicher Billig-Archivmusik und Kinderfunk-Geräuschen.

In den folgenden Jahren verschwanden Laurel & Hardy nach und nach aus dem deutschen TV-Programm – Herr Kirch verdiente einstweilen recht gut mit Videocassetten.  Seit Jahren geistern nur noch drei Laurel-&-Hardy-Filme durch das lineare Programm, die immer mal wieder (meist tagsüber) ausgestrahlt werden, darunter „Nothing But Trouble“, ein ächzendes Spätwerk, in dem Teile der alten deutschen Kinofassung mit der neuen TV-Tonspur verschnitten sind – Massenszenen, die dem ZDF-Team auf die letzten Meter wohl zu mühsam waren.
In den früheren deutschen Fassungen hatten die Herren zwar „Dick und Doof“ geheißen, waren aber auf eine Weise bearbeitet worden, die nicht weniger Sorgfalt und spezifische Hingabe erkennen ließ als jene, die Kriminaldramen oder Literaturverfilmungen angedieh.

1980 klagte Joe Hembus im Nachwort der deutschen Ausgabe des Buches „The Films Of Laurel & Hardy“*° noch über die „Vulgarität“ und „erschreckende Lieblosigkeit“ zurückliegender „Manipulationen“ und drohte: „Dieser Krimi bleibt zu schreiben.“
Stattdessen hat er es vorgezogen, selbst in diesem Krimi mitzuspielen – als kleiner aber hilfreicher Handlanger des Superganoven im Hintergrund. Unter der Flagge seiner „überfälligen“ historischen Richtigstellung wurden einige der schönsten Comedy-Klassiker hierzulande endgültig zum Trash und zum „Kinderkram“.** Auf den heute erhältlichen Kauf-DVDs der Langfilme findet sich häufig nur noch die Kirch-Version. Wer sie sich anschaut, ahnt in der Regel nichts von der Neusynchronisation (es ist ja auch zu absurd) und legt Laurel & Hardy mit dem Gefühl beiseite: „So komisch waren die ja gar nicht. Tja, wir sind alle älter und reifer geworden.“
Das ist nur teilweise die Wahrheit.

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*° „Laurel und Hardy und ihre Filme“ von William K. Everson, Citadel Press 1967 / Goldmann Magnum 1980, übersetzt von Marie Margarete Giese. Sie dazu auch den Blog vom 8.4.2015
** Der Wikipedia-Eintrag über Joe Hembus schweigt zu dieser Angelegenheit. Das ZDF hat auf Nachfrage der Gong-Leserbriefredaktion vor einigen Jahren abgestritten, die Filme neu bearbeitet zu haben.

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